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Region Augsburg

14.02.2019

Spenden für krebskranke Kinder selbst eingesteckt: Ehepaar verurteilt

Emotionale Bilder, dubiose Geschäfte: Zwei ehemalige Vorstandsmitglieder des Vereins "Kinderkrebshilfe Bayern" sind wegen Untreue zu Bewährungstrafen verurteilt worden.
Bild: Tobias Hase, dpa (Symbol)

Eheleute aus Adelsried haben Spenden für krebskranke Kinder abgezweigt. Sie müssen nicht ins Gefängnis - dafür bekommen kranke Kinder nun doch eine große Summe.

Sie warben mit Fotos von schwerkranken Kindern um Spenden. Doch ein Großteil des gesammelten Geldes kam nie bei kranken Kindern an. Zwei ehemalige Vorstandsmitglieder des Vereins "Kinderkrebshilfe Bayern" sind an diesem Donnerstag vom Augsburger Amtsgericht wegen Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Laut Urteil haben sie fast 128.000 Euro an Spendengeldern für private Zwecke abgezweigt.

Dem Urteil ging ein sogenannter Deal voraus. Hinter verschlossenen Türen hatten Richter, Staatsanwältin und die beiden Verteidiger stundenlang das Strafmaß ausgehandelt. Am Ende stand fest: Die Angeklagten - eine 50-jährige Frau und ihr 39-jähriger, getrennt von ihr lebender Ehemann - legten ein Geständnis ab. Im Gegenzug blieb ihnen der Weg ins Gefängnis erspart.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Thomas Müller-Froelich verurteilte die Frau zu einem Jahr und zehn Monaten Haft, den Mann zu einem Jahr und acht Monaten - jeweils zur Bewährung ausgesetzt. Durch das Urteil fließt nun doch noch eine Menge Geld an kranke Kinder: Die Angeklagten müssen als Auflage jeweils 40.000 Euro an gemeinnützige Organisationen, die krebskranke Kinder unterstützen, bezahlen. Außerdem zieht die Justiz knapp 70.000 Euro Vermögen des Paares ein. Durch den sogenannten Deal müssten nun auch nicht alle rund 150 Spender vor Gericht aussagen, sagte er.

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Die getäuschten Spender bekommen keine Antworten

Die angeklagte 50-jährige Frau verbarg ihr Gesicht hinter einer schwarzen Mappe. Sie vermied jeden Blick in den Zuschauerraum des Gerichtssaals. Ihr Anwalt Udo Reissner sagt, seine Mandantin sei "geläutert". Schon vor dem Prozess habe sie gut 50.000 Euro Wiedergutmachung geleistet. In einem früheren Zivilprozess am Landgericht wurde sie bereits dazu verurteilt, 39.000 Euro an den Verein zurückzuzahlen. In dem Zivilprozess hatte der Ehemann angegeben, er sei von seiner Ehefrau getäuscht und hintergangen worden.

Den Angeklagten blieb es erspart, eine ausführliche Aussage zu machen. Ihre Verteidiger erklärten für sie nur ganz knapp, dass sie die Vorwürfe einräumen. Erklärungen für ihr Verhalten mussten sie in der Öffentlichkeit keine liefern. Damit bekommen auch die getäuschten Spender keine Antworten.

Vor dem Amtsgericht Augsburg findet der Prozess gegen Verantwortliche des Vereins "Kinderkrebshilfe" statt. Auf der Homepage warb der Verein um Spenden.
Bild: Jörg Heinzle (Screenshot)

Staatsanwältin Andrea Hobert sagte, sie habe sich auf den Deal deshalb eingelassen, weil damit der Schaden ersetzt und krebskranke Kinder nun doch eine große Summe Geld bekommen. "Das ist besser, als wenn sie auf Kosten des Steuerzahlers im Gefängnis sitzen".

Nur 15.000 der 166.000 Euro Euro kamen den Ermittlungen zufolge an

Zwischen Januar 2016 und Oktober 2017 hatte der Verein mit Sitz in Adelsried im Kreis Augsburg laut der Anklageschrift in 152 Fällen Gelder von Privatpersonen, Unternehmen, Vereinen, Initiativen und kirchlichen Gruppen eingesammelt. Eine Sportlerin organisierte eine Benefiz-Show zugunsten der Kinderkrebshilfe, über 4000 Euro wurden eingesammelt. Angehörige baten in einer Todesanzeige um eine Spende an den Verein statt um Blumen und Kränze. Eine Hotelkette ist auf der Spenderliste in der Anklageschrift vermerkt, ein Burschenverein, eine Computerfirma, eine Grundschule. Mehr als 166.000 Euro kamen den Ermittlungen zufolge in dem Zeitraum zusammen. Als die Ermittler prüften, wie viel Geld tatsächlich für die Unterstützung krebskranker Kinder eingesetzt wurde, kamen sie nur auf eine Summe von rund 15.000 Euro.

Dass die unterschlagene Summe im Urteil kleiner ausgefallen ist als in der Anklage, liegt daran, dass das Gericht nicht alle angeklagten Fälle verurteilt hat. Bei einem Teil der Taten wurde das Verfahren eingestellt - weil sie neben den anderen Taten nach Ansicht des Gerichts keine große Rolle für das Strafmaß mehr spielten. Und weil es laut Gericht schwieriger geworden wäre, neben dem Vorwurf der Untreue auch den angeklagten Betrugsvorwurf zu beweisen.

Das Geld der Spender haben die Angeklagten nach Angaben des Gerichts unter anderem für den Kauf eines E-Bikes, eines Saug-Roboters oder einer Action-Kamera genutzt.

Der Verein soll nun abgewickelt werden. Das hat das Gericht dem 39-Jährigen als Auflage aufgegeben. Auf dem Vereinskonto sind nach Angaben des Rechtsanwalts des Mannes noch rund 200.000 Euro. Sie sollen nun auch so eingesetzt werden, dass krebskranke Kinder profitieren.

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