Tanz

01.10.2015

Tanz ums Scheitern

„G’scheit G’scheitert“ heißt das neue Stück von Jochen Heckmann, das er für das Theater in Kempten derzeit einstudiert. Der ehemalige Augsburger Ballettdirektor arbeitet als freier Choreograf und Tanzpädagoge.
Bild: Annette Zoepf

Augsburgs ehemaliger Ballettdirektor Jochen Heckmann studiert am Dance Center No1 für das Theater in Kempten ein neues Stück ein. Don Quijote stand dafür Pate

Wie geht man damit um, wenn die Pirouette, die gestern noch so wunderbar leicht und elegant gelang, heute nicht mehr klappt? Wie kann die Erfahrung des Scheiterns überwunden werden? Wie werden Ausdauer, Beharrlichkeit und der Mut zum Wagnis mit Erfolg belohnt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich derzeit Jochen Heckmann, der als Choreograf und Ballettdirektor acht Jahre lang das Augsburger Theaterpublikum mit seinen Ballettproduktionen begeisterte. In Augsburg studiert er jetzt in den Räumen des Dance Centers No1 seine neue Choreografie „G’scheit G’scheitert“ ein, die in der kommenden Woche Premiere am Theater in Kempten hat.

An dem Theater im Allgäu waren Heckmanns Arbeiten in den vergangenen Jahren regelmäßig zu sehen. Seit er das Augsburger Haus 2007 mit dem Intendantenwechsel von Ulrich Peters zu Juliane Votteler verließ, arbeitete er als freier Choreograf für zahlreiche Compagnien in Europa. Seinen Lebensmittelpunkt hat der 47-Jährige aber immer noch in Langweid bei Augsburg. Für drei Tage in der Woche zieht es ihn allerdings nach Zürich, wo er an der Höheren Fachschule für zeitgenössischen und urbanen Bühnentanz als künstlerischer Leiter arbeitet. Die Schule, die eine universitäre Ausbildung bietet, gibt es erst seit zwei Jahren. Die Verbindung von Bühnenkunst und urbaner Tanzkunst wie etwa Breakdance sei für ihn besonders interessant. „Als ehemaliger Kunstturner habe ich dazu eine große Affinität“, erklärt Heckmann, dessen Vater Kunstturntrainer war und ihn für diese Sportart begeisterte. Die Liebe zum Tanz entdeckte er schließlich mit Cha-cha und Foxtrott in der Tanzstunde. Nach dem Abitur begann er an einer privaten Fachakademie in Erlangen mit seiner Ausbildung als Bühnentänzer, die er mit einem Stipendium in Paris abschloss.

Sinnbild für das Thema des Scheiterns in der Kunst ist Don Quijote, jener spanische Landedelmann, der sich trotz harter Rückschläge nicht von seinen „Heldentaten“ abbringen lassen will. Auch für Heckmann und seine Dramaturgin Nikola Stadelman war die Figur Ausgangspunkt ihrer Arbeit, doch einfach dessen Geschichte zu erzählen, schien Heckmann zu wenig. Viel mehr interessiere es ihn, Momentaufnahmen des Scheiterns festzuhalten, wie sie auch in Samuel Becketts Bonmot „Ever tried? Ever failed? No matter. Try again, fail again, fail better“ zum Ausdruck kommen. „Ich wollte das Thema in eine abstraktere Form fassen, verschiedene Ansätze finden und in mehreren Bildern ein Kaleidoskop erstellen“, erzählt er. Dazu gehören auch absurder Humor und Augenzwinkern, die dem Scheitern das Dramatische nehmen. Der Titel „G’scheit G’scheitert“ beinhaltet für Heckmann aber auch die Möglichkeit, den Misserfolg als Erfahrung zu verbuchen, die weiterbringt, eben „g’scheiter“ macht, wie man im Bayerischen sagt. „Das habe ich selbst auch erlebt, dass sich etwas als Scheitern angefühlt hat, aus dem ich später Positives ziehen konnte.“ Für die Kemptener Produktion arbeitet Heckmann mit fünf professionellen Tänzern zusammen, „ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit jeweils anderem tänzerischen Hintergrund, von zeitgenössisch bis neoklassisch, die mir die Möglichkeit geben, nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch verschiedene Facetten zu zeigen“, erläutert Heckmann.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Mit einem selbst zusammengestellten Ensemble frei eine eigene Produktion auf die Beine zu stellen zieht Jochen Heckmann derzeit der festen Arbeit an einem Theater vor. „So kann ich neue Bewegungsmuster entwickeln und ausprobieren, das fordert mich und meine Tänzer immer wieder heraus“, ist er zufrieden. Sollte er sich aber doch wieder fest an ein Haus binden, so müsse dies auf jeden Fall ein Schritt nach vorne für ihn sein. Den Blick zurück wolle er sich dabei aber nicht verbieten. „Meine Augsburger Repertoire-Stücke wie „La Passion“ oder „Feuervogel“ kämen dann noch einmal zur Aufführung.“

im Theater in Kempten ist am Freitag, 9. Oktober um 20 Uhr

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren