1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Warum die Menschen in Augsburg ärmer sind als im Rest Bayerns

Augsburg

28.10.2019

Warum die Menschen in Augsburg ärmer sind als im Rest Bayerns

Vier Pfandflaschen bringen so viel, wie ein Abendessen kostet: Menschen, die in Mülleimern nach Flaschen suchen, um sich mit dem Pfand etwas Geld zu „verdienen“, gibt es auch in Augsburg. In der drittgrößten bayerischen Stadt ist der Kampf gegen Armut ein virulentes Thema.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Plus Dass etliche Bürger in Augsburg arm sind, liegt auch an der Vergangenheit der Stadt. A. Yilmaz ist ein trauriges Beispiel dafür. Er sammelt im Rentenalter Flaschen.

A. Yilmaz (Name geändert, Anm. d. Red.) sucht regelmäßig in Mülleimern nach Pfandflaschen. Auch wenn es ihm peinlich ist. Seiner erwachsenen Tochter rechnet er dann vor, dass vier Plastikflaschen so viel Geld bringen, wie ein Abendessen kostet. Er und seine Frau kämen sonst nicht über die Runden. Die Yilmaz’ sind nicht die einzigen, bei denen das Geld derart knapp ist. Armut war und ist in Augsburg ein Thema. Das liegt auch an der Geschichte der Stadt.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Anfang der Woche gab es eine Diskussionsrunde zum Thema Altersarmut. Die Malteser hatten Vertreter der Stadt und Hilfsverbände sowie Ehrenamtliche eingeladen. Alle waren sich einig: Im Kampf gegen die Armut wolle man sich künftig noch stärker vernetzen, um die Betroffenen zu erreichen. Wie Sozialreferent Stefan Kiefer (SPD) betont, existiert Armut in Augsburg. Und sie wird zunehmen, befürchtet der Bürgermeister (SPD). "Die Menschen werden schlechter mit ihrem Geld auskommen. Die Lebenshaltungskosten steigen massiv."

Augsburger gelten als die ärmsten Bayern

Wie hat sich die Armut in den vergangenen zehn Jahren in der Stadt entwickelt? Die Anzahl der Haushalte, die von Hartz IV leben, ist laut dem aktuellen Sozialbericht der Stadt etwas zurückgegangen – und das bei einer Zunahme der Augsburger Bevölkerung. Während im Jahr 2008 noch 10.364 Haushalte Hartz IV bezogen, waren es im September vergangenen Jahres rund 9100 sogenannte Bedarfsgemeinschaften. Auch die Armutsgefährdungsquote ist in der Fuggerstadt gesunken. 2008 lag sie bei 19 Prozent, zwischendurch stieg sie an, aktuell beträgt sie 17,6. Damit ist die Quote allerdings immer noch höher als im restlichen Freistaat.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Es ist nicht neu, dass Augsburger als die ärmsten Bayern gelten. Das untermauern Zahlen des Landesamtes für Statistik in Bayern, die unlängst veröffentlicht wurden. Demnach ist nirgends im Freistaat das durchschnittlich verfügbare Jahreseinkommen so gering wie in Augsburg. Laut Statistikern lag es im Jahr 2017 bei 20.008 Euro. Zum Vergleich: In München betrug das Durchschnittseinkommen pro Jahr 28.945 Euro.

Warum A. Yilmaz in Mülleimern nach Pfandflaschen sucht

A. Yilmaz, der einst als türkischer Gastarbeiter nach Augsburg kam, kann längst nicht mehr arbeiten. Jetzt bräuchte er Unterstützung. "Mein Vater hat als Hilfsarbeiter geschuttelt, bis er mit 62 Jahren auf der Arbeit mit einem Schlaganfall zusammenbrach", erzählt die Tochter. Er bekomme nun 700 Euro Rente im Monat. Die Mutter, eine gelernte Schneiderin, arbeitete kaum. Sie zog die drei Kinder groß. Heute erhält sie lediglich 190 Euro Rente. "Die Zwei-Zimmer-Wohnung unserer Eltern kostet 520 Euro warm, was noch billig für Augsburg ist. Meine Eltern können sich das nur leisten, weil mein Bruder und ich Geld zuschießen", berichtet die Tochter.

Den Eltern würde Geld vom Staat zustehen. Doch ihr Stolz lässt das nicht zu. Die Tochter erklärt: "Mein Vater kam als Gastarbeiter. Er hat für wenig Geld viel gearbeitet und ist sehr stolz darauf, dass seine Kinder einen guten Beruf gelernt haben und wir alle noch nie einen Cent an staatlicher Hilfe nehmen mussten." Ihr Vater wühle lieber im Müll, als Geld anzunehmen. Die Geschichte der Yilmaz steht exemplarisch dafür, warum Augsburg Bayerns Schlusslicht ist.

Augsburg ist eine Arbeiterstadt, die von der Textilindustrie geprägt wurde. Die Beschäftigten verdienten nicht viel. Besonders ab den 60er-Jahren wurden in der Textilbranche ausländische Kräfte eingesetzt, erklärt Sozialreferent Kiefer. Als in den 80er-Jahren die Produktion in billigere Länder verlegt wurde, wurden hier viele Menschen arbeitslos. Die Betroffenen spüren die Auswirkungen bis heute. Sie erhalten eine geringe Rente.

In Augsburg gibt es viele Zeitarbeitsplätze

Roland Fürst von der Agentur für Arbeit erklärt, warum das Pro-Kopf-Einkommen weiter so niedrig ist, er aber auf Veränderungen setzt. In Augsburg und der Region gebe es viele Zeitarbeitsplätze und Jobs für ungelernte Hilfskräfte. "Amazon ist als Arbeitgeber ein gutes Beispiel." Auch sei die Teilzeitquote in der Fuggerstadt höher als in anderen Städten. Vielleicht, so Fürst, hänge das mit der hohen Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund zusammen.

Über 45 Prozent der Bürger, die in der Stadt leben, haben ihre Wurzeln im Ausland. "Geht man davon aus, dass einige keine anerkannte Berufsausbildung und vielleicht unzureichende Deutschkenntnisse haben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie in Helferberufen arbeiten." Auch sei es in anderen Kulturkreisen üblich, dass Frauen gar nicht oder wenig arbeiten. Zudem habe Augsburg einen geringeren Anteil an Akademikern. Er liege bei 14,4 Prozent, in München beträgt er 35,3 Prozent. Doch Fürst baut auf die Uniklinik und den Innovationspark, die Arbeitsplätze mit höheren Einkommen brächten.

Diplom-Geograf und Uni-Lehrbeauftragter Manfred Agnethler setzt ebenso auf diese Karte. "Als Forschungsstandort oder bei der Faserverbundtechnologie hat Augsburg einen guten Namen. Die Stadt wird für Industrie und Wissenschaft ein Zukunftsstandort sein." Ob sie ihr Image als arme Arbeiterstadt eines Tages ablegen kann, da will der Wissenschaftler keine Prognosen abgeben. Eines bleibt unumstößlich: Es wird eine Herausforderung der Zukunft sein, Armut zu bekämpfen. Das sieht auch Arnd Hansen von der Kartei der Not.

Kartei der Not rechnet verstärkt mit Hilfeanfragen

"Wir gehen davon aus, dass wir verstärkt Hilfeanfragen bekommen werden, die aus Mangel an Wohnraum und den hohen Kosten für Wohnen entstehen", sagt der Geschäftsführer des Leserhilfswerkes unserer Zeitung. Schon im vergangenen Jahr habe sich die Hälfte aller 556 Hilfsanträge aus dem Stadtgebiet um das Thema Wohnen gedreht. Hansen warnt: "Bereits heute ist absehbar, dass für viele alte Menschen ihre Altersvorsorge nicht ausreichen wird."

Noch einer beobachtet, dass die Armut in Augsburg steigt: Fritz Schmidt von der Tafel. Viele der rund 4000 Bezieher von kostenlosen Lebensmitteln seien neu zur Tafel dazugestoßen. Schmidt geht davon aus, dass längst nicht alle Bedürftigen das Angebot annehmen. "Viele genieren sich. Vor allem die Älteren." Menschen wie A. Yilmaz. Wenn der Senior in Mülleimern wühlt, schenkt er anderen die Flaschen, wenn er denkt, dass sie noch ärmer sind, sagt seine Tochter.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Die Bedürftigen müssen erreicht werden

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

29.10.2019

>> Auch sei es in anderen Kulturkreisen üblich, dass Frauen gar nicht oder wenig arbeiten. <<

Und ist das jetzt unser Problem?

Wir müssen in Deutschland das Leistungsprinzip klarer kommunizieren!

Und zur Leistung gehört dann auch Gegenleistung - ein Sozialsystem das Menschen wie Herrn Yilmaz die Schicksalsschläge des Lebens abfedert, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren