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Augsburg

22.09.2017

Was steckt hinter dem umstrittenen Gebetshaus in Göggingen?

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3 Bilder
Tausende Gläubige kamen im Januar dieses Jahres zur „Mehr“-Konferenz nach Augsburg und bezahlten dafür bis zu 140 Euro Eintritt. Danach gab es auch kritisch Fragen.
Bild: Annette Zoepf

In einem unscheinbaren Gebäude in Göggingen beten Menschen an 24 Stunden am Tag, zu einer Konferenz kommen jährlich tausende Gläubige. Doch unumstritten ist das Gebetshaus nicht.

Johannes Hartl geht schwierigen Fragen nicht aus dem Weg. Auf der Internet-Plattform „Youtube“ stellt er sich sie ja auch selbst. Es gibt dort eine Reihe von Videos mit ihm, jeweils etwa 90 Sekunden lang, es geht um Glaubensthemen. „Hat Gott eine Meinung über Sexpraktiken?“, ist etwa der Titel eines der Beiträge. Hartl, ein katholischer Theologe, sitzt auf einem gelben Sessel, blickt in die Kamera und sagt auch zu diesem Thema etwas.

Hartl, Jahrgang 1979, ist Leiter und Gründer des Gebetshauses, das eher unscheinbar und verborgen in einem Gewerbegebiet in Göggingen zu finden ist; nebenan steht ein Autohaus, sonst gibt es hier nicht viel. Es wird im Gebetshaus ununterbrochen gebetet, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Das ist die Idee des Ganzen. „Bei uns beten Christen verschiedener Konfessionen gemeinsam bei Tag und Nacht“, steht auf der Homepage. „Wir tun das auf moderne Weise mit zeitgenössischer Musik und viel Kreativität.“

„Wie ein Fieberkrampf“

Es läuft hier vieles etwas anders, als man es von herkömmlichen Gottesdiensten der Kirche kennt. Gebete seien hier manchmal „wie ein Fieberkrampf“, schrieb die Zeit einmal. Sie werden schon mal von E-Gitarren begleitet. Die Vorbeter, die sich beim Gebetshaus Missionare nennen, tragen keine zeremonielle Kleidung, sondern normale Alltagskluft. Das Gebetshaus zählt zur Strömung der „charismatischen Erneuerung“ in der katholischen Kirche, eine Bewegung, die Ähnlichkeit mit evangelischen Freikirchen besitzt. Das Gebetshaus ist in kirchlichen Kreisen nicht unumstritten. Zuletzt aber hieß es, es werde dort „nichts gelehrt und verkündet, was im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche steht“. So stand es in einer Mitteilung des Generalvikars an alle Pfarreien des Bistums Augsburg.

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Die Verantwortlichen des Bistums hatten sich zu der Stellungnahme veranlasst gesehen, weil das Gebetshaus ziemlich groß und erfolgreich ist und stetig erfolgreicher wird. Täglich kommen um die 100 Menschen in den Gebetsraum, schätzt Hartl. Manchmal auch 200. Vor allem junge Menschen spricht das Angebot an. Die vom Gebetshaus ausgerichtete ökumenische „Mehr“-Konferenz, die einmal jährlich stattfindet, zieht tausende Besucher aus aller Welt an. Zuletzt kamen an die 10000 Menschen zu der viertägigen Veranstaltung auf dem Messegelände. Er glaube, sagt Hartl, dass „lebendige, freudige Spiritualität grundsätzlich ansteckend“ sei.

Der katholische Theologe Johannes Hartl.
Bild: Michael Hochgemuth

Wer sich im Internet umschaut, was Gläubige zum Augsburger Gebetshaus zu sagen haben, findet überwiegend zustimmende bis begeisterte Kommentare. „Eigentlich gar nicht meine Frömmigkeitsrichtung; aber definitiv ein Ort des Gebets. Schön, dass es so was gibt“, findet beispielsweise ein Mann. „Wohne zwar 600 Kilometer weit weg, komme aber immer wieder gern und genieße mein zweites Zuhause“, schreibt eine Frau.

Es ist allerdings auch nicht so, dass es keinerlei Kritik am Gebetshaus gäbe. Schwierige Fragen. Sie betreffen auch die finanzielle Seite des Projektes, hinter dem ein Verein steht, der Gebetshaus Augsburg e.V. Schon bei der letzten „Mehr“-Konferenz im Januar 2017 zahlten Besucher bis zu 140 Euro für den Eintritt; einige davon wandten sich später an unsere Zeitung, weil sie skeptisch geworden waren. Eine Frau wollte wissen, ob es sich um „Geschäftemacherei“ handele. Bei der kommenden Konferenz im Januar 2018 liegen die Preise noch einmal höher, regulär muss ein Erwachsener aktuell 149 Euro zahlen. Nicht viel weniger, als für ein großes Musikfestival fällig wird.

Mit einem Konzert vergleichbar

Im Aufwand, sagt Hartl, sei die „Mehr“-Konferenz durchaus mit einem großen Konzert zu vergleichen. Die Preise seien notwendig, um die Kosten der Veranstaltung zu decken. „Wir sehen das mit einem gewissen Schmerz, dass wir so viel verlangen müssen“, sagt er. Aber man sei froh, wenn man am Ende auf Null rauskomme. Security, Technik, Saalmiete: All das koste, und man habe keine großen Sponsoren im Hintergrund, die viel Geld beisteuerten. Kinder, Besucher aus Osteuropa und Studenten zahlten auch nur einen Bruchteil des regulären Eintrittspreises.

Unstrittig ist: Tausende Gläubige kommen zur „Mehr“, auch wenn sie dafür vergleichsweise viel Geld in die Hand nehmen müssen. Antje Gallert allerdings wird nicht mehr kommen. 2017 war sie noch dabei gewesen, zum ersten Mal. Über das Gebetshaus hatte sie zuvor unter anderem über Youtube erfahren. Erst, sagt sie, war sie begeistert. Doch auf der „Mehr“ kam sie ins Grübeln. Unter anderem wegen der offensiven Spendenpraxis. Das Gebetshaus als Verein ist spendenfinanziert; Mitarbeiter suchen sich einen eigenen Spenderkreis. Auf der Konferenz, sagt Gallert, sei heftig dafür geworben worden, 1000 Euro für „Mission Campus“ zu spenden, ein geplanter Anbau, für den der Verein neben dem Gebetshaus ein Grundstück kaufen will. Ein „Missionar“, den sie unterstützte, habe ihr zudem auf der Konferenz gesagt, er könne ihr auch seine private Kontonummer geben. Eine weitere Kleinigkeit, die sie stutzig machte.

Der Eingangsbereich des Gebetshauses im Göggingener Gewerbegebiet gleicht einer Hotellobby. Das Haus selbst ist eher unscheinbar und verborgen.
Bild: Michael Hochgemuth

Gallert hat im sozialen Netzwerk „Facebook“ einen offenen Brief an Hartl geschrieben. Darin fragt sie etwa, warum es eine Firma namens „Gebetshaus Augsburg Services GmbH“ gibt, über die unter anderem Armbänder, Bücher von Johannes Hartl und CD vertrieben werden. Wo es doch immer heiße, der Verein trage sich zu 100 Prozent durch Spenden. So steht es auch auf der Homepage.

Hartl widerspricht den Vorwürfen. Aufgabe der GmbH sei es, Medien und Angebote zu unterstützen, die gratis herausgegeben werden, deren Produktion aber etwas kostet. Also etwa die Youtube-Videos. Jeder Verein müsse spendengedeckt sein, sonst griffen die Behörden ein. Andere Vereine verkauften auch mal Würstchen. Aber die Formulierung „ausschließlich“ könne man schon überdenken, sagt Hartl. In Saus und Braus lebe er aber wahrlich nicht. Hartl, der Lehramt studiert hat, sagt, er würde in dem Beruf mehr verdienen als jetzt. Die gut 40 Angestellten seien ganz normal sozialversicherungspflichtig angestellt. Es gebe beim Gehalt zwar eine direkte Bindung zu personenbezogenen Spenden. „Aber wie viel jemand verdient, hängt, wie in anderen Organisationen auch, von ganz unterschiedlichen Sachen ab.“ Grundsätzlich orientiere man sich beim Gebetshaus an den Gehältern des Öffentlichen Dienstes.

Es läuft scheinbar gut

Wer sich im Gebäude umschaut, bekommt freilich den Eindruck, dass es für den Verein gut läuft. Die Räume sind modern und geschmackvoll eingerichtet, im Eingangsbereich beim Café steht das Modell des „Mission Campus“, das eine Versammlungshalle werden soll, die Millionen kosten wird. Mehr als die Hälfte der Spenden, so geht aus einer Strichliste an einer Wand hervor, hat der Verein bereits beisammen. „Unser Wunsch ist, 2019 mit dem Bau zu beginnen“, sagt Hartl. 2018 plant das Gebetshaus eine weitere Großveranstaltung, eine Kunst- und Kulturveranstaltung im Kongress am Park. Dass das Gebetshaus boomt, liegt auch an Hartl, der charismatisch, freundlich und jugendlich im Auftritt ist, was leicht darüber hinwegtäuschen kann, dass er teils erzkonservative Ansichten hat. Hartl redet nicht wie ein Pfarrer, sondern hält „Impuls- und Motivationsreden“ zu geistlichen Themen, wie er es selbst sagt.

Neulich hatten sie hier ein Jubiläum: Seit sechs Jahren wird in Augsburg nun ununterbrochen gebetet. 24 Stunden am Tag, 168 Stunden die Woche, 365 Tage im Jahr.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

26.09.2017

Frau Gallert, ich verstehe nicht so ganz, was genau werfen Sie dem Gebetshaus eigentlich vor?

Und wie sehen Sie im Zusammenhang mit den "finanziellen Praktiken", dass im AT die Leviten, also diejenigen, die den Dienst im Tempel ausgeführt haben, vom Volk versorgt wurden?

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22.09.2017

Zu den regelmäßigen / zentralen Veranstaltungen des Gebetshauses: Die wöchentliche Teilnahme per Webstream (Donnerstagabend) kostet genau null Euro. Persönliches Vorbeischauen in Göggingen würde mich zwei Streifen auf der AVV-Karte oder einen Schluck Benzin kosten, die Veranstaltung im Gebetshaus selbst wäre kostenlos. Die jährliche Teilnahme per Webstream an der gesamten MEHR-Konferenz kostet ebenfalls genau null Euro. Die Vorträge stehen anschließend in der Regel auf Youtube und kosten wiederum - nichts. Weniger als nichts verlangen geht nicht. Freiwillige Spenden sind erwünscht. Problem ist also was genau?

PS Ich bin kein Gebetshausmitarbeiter, sondern schmarotze seit Monaten die kostenlosen Vorträge im Webstream weg. Eigentlich müsste ich wieder mal was spenden... (paradoxe Erkenntnis genau an dem Tag, an dem dieser kritische Zeitungsbericht erscheint). Smiley!

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22.09.2017

"Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): "Mein Haus soll ein Bethaus sein", ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht." (Lukas 19,45-46)

Wenn ein Marktplatz mit dem Tempel verschmolzen wird, dann steht Gott nicht mehr im Mittelpunkt.

Viele wichtige Fragen und Antworten wurden hier leider umschifft. Fakt bleibt: Wer dem Gebetshaus als Christ spendet, gibt nicht einem Bedürftigen Almosen, wie uns die Bibel aufruft, sondern unterstützt ein florierendes Unternehmen, und zahlt damit Gehälter der Betreiber und Angestellten in Höhe des öffentlichen Dienstes. Wie viel das für einen Promovierten Mann in Bayern ist, kann jeder googeln. Ich finde es einfach nur traurig, welche grosse Rolle das Geld in christlichen Kreisen spielt und wie weit akzeptiert das ist, hat uns doch Jesus etwas ganz anderes vorgelebt. Warum eigentlich öffentlicher Dienst und nicht Mindestlohn? Der Grossteil der anderen Menschen befindet sich nämlich finanziell in einer ganz anderen Realität, hier sollte ein Gebetshaus eine ganz andere und bescheidene Strahlkraft haben.

Und die Einnahmen aus der GmbH damit zu rechtfertigen, dass "andere Vereine auch mal Würstchen verkaufen" ist ziemlich dreist. Wer ein-oder zweimal im Jahr bei einem Vereinsfest Würstchen für 1,50 verkauft ist wohl kaum mit einem professionellen Gebetshaus-Shop vergleichbar, der 365 Tage im Jahr rund um die Uhr Produkte bis 49,95 Euro anbietet und Sprecherhonorare bis 1200 Euro abwickelt. Und damit übrigens den Sabbat entheiligt, denn einen Tag die Woche soll von der Arbeit geruht und nichts gekauft oder verkauft werden (Jes. 58,13-14).

Die Bilanz dieser GmbH, die bewusst nicht gemeinnützig als gGmbH angelegt wurde, wird im Online-Handelsregister veröffentlicht werden.

Der offene Brief ist hier zu finden:

https://www.facebook.com/Offener-Brief-an-Johannes-Hartl-Gebetshaus-Augsburg-1621825827892148/

Die ebenfalls kritischen Stimmen zu Lehre und Theologie von Johannes Hartl finden sich hier:

https://bibelbund.de/tag/johannes-hartl/

https://www.betanien.de/johannes-hartl-ein-verlaengerter-arm-der-katholischen-kirche//

Ich denke damit - und mit einem soliden Bibelstudium zu diesem Thema - kann sich jeder einen umfassenden Eindruck machen.

Beste Grüße, Antje Gallert

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22.09.2017

Räuberhöhle? Falsches Zeugnis?

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Bibelzitate führen so selten zu einer sachlichen Diskussion sondern direkt in den großen Graben.

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Sie schieben sich halt eine religiöse Begründung für ihre Umverteilungsideologie zurecht, man kann aber mit der gleichen Truppe auch zu einer stärkeren Betonung von Arbeit und Leistung kommen.

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Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen. Denn wir hören, daß einige unter euch unordentlich leben und nichts arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben.

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https://www.bibleserver.com/text/EU/2.Thessalonicher3%2C10

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Hase und Igel - der Zeuge Jehovas ist immer vorher da - darum Religionsfreiheit mit Beachtung unseres GG. Da gehört der Bau und Betrieb von Gebetsräumen dazu.

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22.09.2017

Hallo Herr Peter P., Diskussionen mit Bibelzitaten machen tatsächlich nur dann Sinn, wenn beide Seite die Bibel ganz gelesen haben und christlichen Glaubens sind. Ich bin mir nicht sicher, ob das bei Ihnen der Fall ist. Darüber hinaus verstehe ich nicht, was Sie sagen wollen. Wenn für Sie das GG über alles geht, ist das Ihre Entscheidung. Für mich ist es Gottes Wort. In diesem Sinne, A. Gallert

Permalink
22.09.2017

Wenn für Sie das GG über alles geht, ist das Ihre Entscheidung. Für mich ist es Gottes Wort.

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Von mir aus, solange Sie nicht mit dem Toyota Pick-up um den Block kurven.

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Permalink
22.09.2017

Dass das Gebetshaus boomt, liegt auch an Hartl, der charismatisch, freundlich und jugendlich im Auftritt ist, was leicht darüber hinwegtäuschen kann, dass er teils erzkonservative Ansichten hat.

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Details? Kann das wirklich die letzte Aussage in einem gut recherchierten Zeitungsartikel sein?

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Eine Frau wollte wissen, ob es sich um „Geschäftemacherei“ handele.

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Hat die Frau schon mal auf ihre Lohnabrechnung geschaut? Das Thema könnte man bei Religionen schon mit etwas mehr Blick über den Tellerrand betrachten.

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Auf mich wirkt das alles wie Jochen Schweizer auf religiös. Sofern die Leute gerne hingehen, Freude haben und keine Unterordnungsideologie dahinter steckt - könnt ihr so machen.

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Hallo das ist (noch) ein freies Land mit Religionsfreiheit !

Permalink
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