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Region Augsburg

26.05.2019

Wie Trucker den täglichen Kampf auf der Straße erleben

Ganz schön eng hier: Für Stephan Vogele, der für eine Baufirma aus dem Kreis Augsburg arbeitet, sind solche Situationen Alltag.
Bild: Marcus Merk

Plus Als Autofahrer ist man schnell genervt von Lastern. Und die Brummifahrer selbst? Eine Geschichte über den täglichen Wahnsinn auf der Autobahn.

Die Wolken hängen tief über dem Parkplatz der Autobahn-Raststätte Augsburg-Ost. Es sieht nach Regen aus. Jetzt, abends um halb sieben, reiht sich ein Lastwagen an den nächsten. Freie Stellplätze sind Mangelware. Zwei Fahrer plaudern vor einem Zwölf-Tonner. Ist das die moderne Fernfahreridylle?

Drüben, auf der A8, rauscht der Verkehr. Drinnen, in der Raststätte, teilt ein Mitarbeiter des privaten Autobahnbetreibers „Aplus“ Flugzettel aus. Aufforderungen an die Lkw-Fahrer. Abstand halten, am Steuer keine Smartphones benutzen, nicht auf der Standspur fahren. Den Auffahrunfall, der vor ein paar Monaten nahe der Raststätte passiert ist, haben die wenigsten vergessen. Ein Lkw-Fahrer hatte ein Stauwarn-Fahrzeug, das auf der Standspur geparkt war, gerammt. Man kann von Glück reden, dass niemand schlimmer verletzt wurde.

Ungefähr 30 Männer und eine Frau sind an diesem Abend zum Fernfahrerstammtisch gekommen. Alle drei Monate lädt die Verkehrspolizei Augsburg dazu ein – seit 15 Jahren. Der Stammtisch soll informieren, aufklären, aber auch Verständnis schaffen. Bei dem ganz normalen Wahnsinn, der sich tagtäglich auf deutschen Straßen abspielt, ist das auch nötig.

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Das fängt ja schon mit den Staus an. 2018 gab es nach Berechnungen des ADAC so viele wie noch nie auf deutschen Autobahnen – 745.000 an der Zahl, mehr als 2000 pro Tag. Und wer nur steht, statt vorwärtszukommen, ist meist genervt. Wohl auch ein Grund dafür, warum deutsche Straßen zu einer Art Wilder Westen geworden. Zu viele Staus, viel zu viele Laster, klagen die Autofahrer. Die Lkw-Fahrer wiederum schimpfen, dass es immer rücksichtsloser zugehe. Dann steht Brummi gegen Pkw, jeder gegen jeden. Im Grunde grenzt es an ein Wunder, dass auf den Straßen tagtäglich nicht noch mehr passiert.

Stephan Vogele hat auch andere Zeiten erlebt. Als junger Mann hat er bei der Bundeswehr den Lkw-Führerschein gemacht, heute transportiert der 49-Jährige für eine Baufirma aus dem Kreis Augsburg schwere Gerätschaften „von A nach B“. Er mag seinen Job. Doch stünde er heute noch einmal vor der Wahl, würde er sich anders entscheiden – auch wenn er im Grunde zufrieden ist. Vogele wird „ordentlich bezahlt“, seinen Lkw nennt er ein „absolutes Hightech-Fahrzeug“. Und im Gegensatz zu seinen Fernfahrer-Kollegen schläft er nicht im Führerhaus. Er kommt jeden Abend nach Hause zu seiner Familie.

"Der Kampf auf den Straßen wird immer härter"

Warum also nicht mehr Kraftfahrer? „Der Kampf auf den Straßen wird immer härter“, sagt Vogele. Immer mehr Egoismus, immer mehr Verkehr. Das muss man erst mal jeden Tag aushalten.

Es scheint das Schicksal der Brummi-Fahrer zu sein, dass jeder sie braucht, aber niemand sie will. Weil es immer mehr von ihnen gibt. Weil sie die Straßen verstopfen. Und erst recht, weil sie langsamer sind als der Rest. Und dann diese Elefantenrennen. Da will ein Lkw den anderen überholen, kommt aber kaum vom Fleck, weil er ja nur ein paar Sachen schneller ist. Als Autofahrer, der überholen will, zuckelt man genervt hinterher. Da kann der Blutdruck schon in die Höhe schießen.

Natürlich ist es leicht, auf die Brummifahrer zu schimpfen. Weil man ja nicht den Druck bedenkt, unter dem sie stehen, die ihre Ladung rechtzeitig zum Ziel transportieren müssen. In der Logistikbranche gilt: Zeit ist Geld. Jede Verzögerung bedeutet Verluste.

Bei Manfred Krug sah das in den 80er Jahren noch anders aus, als er in der Vorabendserie „Auf Achse“ durch die Lande bretterte. Immer schärfere Kontrollen und der ständig steigende Termindruck haben die einstigen „Kapitäne der Landstraße“ zu „Dieselknechten“ degradiert. Die rumänischen Fahrer nennen sich „Kettenhunde“, weil sie für kleines Geld auf Gedeih und Verderb an ihr Fahrzeug gebunden sind.

Werner Österle ist froh, dass er heute nicht mehr auf dem „Bock“ sitzt. Seit fünf Jahren ist der Mann mit den grauen Haaren und dem freundlichen Gesicht im Ruhestand. Zum Stammtisch aber kommt er nach wie vor, schon der alten Kollegen wegen. Hier gilt: einmal Trucker, immer Trucker. Doch auch er sagt: „Der Zeitdruck, der Verkehr – das wär nix mehr für mich.“

Österle war in halb Europa unterwegs, für 2200 bis 2400 Euro netto im Monat. Davon kann man ganz gut leben, aber ist auch wochenlang unterwegs, fernab der Familie. Nicht umsonst ist die Scheidungsquote bei Fernfahrern deutlich höher als im Rest der Republik.

Ausländische Trucker, vor allem aus Osteuropa, verdienen deutlich weniger als ihre deutschen Kollegen. In Rumänien und Polen seien es vielleicht fünf Euro pro Stunde, schätzen die Fernfahrer. Während am Stammtisch die meisten Deutsche sind, hat sich das Verhältnis auf der Straße umgekehrt. Vor 30 Jahren, schätzt Stammtisch-Organisator Hannsjörg Schuster von der Verkehrspolizei Augsburg, waren es zehn Prozent ausländische Fahrer, heute sind es 80 Prozent.

Auch das hat mit dem Preisdruck in der Branche zu tun. Der Transport ist immer noch vergleichsweise billig. Hauptkostentreiber ist das Personal. Manche Speditionen gründeten Niederlassungen in Osteuropa, andere setzten auf ausländische Fahrer, die billiger, aber eben oft auch schlechter ausgebildet sind, sagt Schuster.

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