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Kultur in Augsburg

22.01.2021

Fast ein Jahr ohne Jobchancen: Corona gefährdet Musikkarrieren

Über viele Wochen war das Üben und Unterrichten in den Räumen des Augsburger Leopold-Mozart-Zentrums nicht möglich - eine schwierige Zeit für die Studenten.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Jahrelange Vorbereitung, Disziplin, hohe Kosten: Der Weg zum Profimusiker ist hart. Durch die monatelange Corona-Pause wissen viele nicht, wie es weitergehen soll.

Üben, Unterricht, Orchesterproben, Kammermusik, Auftritte: Diesem Rhythmus folgte der Alltag von Alina Riegel fast ihr ganzes bisheriges Leben lang. Die 29-jährige Augsburgerin war fünf, als sie begann, Geige zu lernen. Mittlerweile hat sie ihr Musikstudium abgeschlossen, sich in Probespielen behauptet und einen Zeitvertrag an der Staatsoper Nürnberg ergattert.

Damit befand sich Riegel Anfang des vergangenen Jahres auf dem Sprung zur Profikarriere – doch dann kam der erste Lockdown. Das ist nun zehn Monate her, Aussicht auf Besserung besteht weiterhin nicht. Das zehrt an der Geigerin: „Seit März habe ich genau drei Konzerte gespielt, die vielen Probespiele, an denen ich teilnehmen wollte, wurden alle abgesagt. Gerade seit dem zweiten Lockdown wird es immer schwieriger, sich zum Üben zu motivieren, es gibt überhaupt kein Ziel mehr“, sagt sie. Auch die finanzielle Situation bereitet wenig Grund zur Hoffnung – zwar ist sie seit Oktober wieder für einen befristeten Zeitraum unter Vertrag an der Staatsoper, von April bis Herbst musste die Geigerin jedoch Arbeitslosengeld beantragen.

Geigerin Alina Riegel wartet darauf, dass endlich wieder Probespiele stattfinden.
Bild: Riegel

Seit Monaten gibt es für junge Musiker keine Chance, eine Stelle im Orchester zu ergattern

Mittlerweile spielt sie sogar mit dem Gedanken, ihren Traumberuf an den Nagel zu hängen und sich noch einmal ganz neu zu orientieren. Zwar gebe es kein Höchstalter für Probespiele – das Bewerbungsverfahren für Profi-Orchester –, aber nach so vielen Jahren harter Arbeit für ihren Traumberuf ist es für die Geigerin wichtig, endlich beruflich anzukommen. Das ist jedoch seit Monaten nicht möglich. Weil keine Veranstaltungen stattfinden können, stellen Orchester auch keine neuen Musiker ein. „Es ist beängstigend. Man sieht das Ende kommen und kann nichts dagegen tun, seine Situation zu ändern, weil es kein Angebot gibt“, sagt sie.

Diese Zukunftsängste teilt sie mit vielen Kollegen, wie Prof. Andrea Friedhofen bestätigt. Die Leiterin des Leopold-Mozart-Zentrums (LMZ) an der Universität Augsburg sorgt sich um den Musikernachwuchs: „Die Studierenden sind total frustriert und wissen nicht, wie es weitergehen soll.“ Seit Mitte Januar seien immerhin die Übungsräume des LMZ wieder geöffnet, auch Einzelunterricht dürfe unter strengen Auflagen stattfinden. Bedingt durch die Corona-Krise und den Umzug des Zentrums von der Maximilianstraße an die Grottenau sei das aber viele Monate lang nicht möglich gewesen. Nun wieder Präsenzunterricht zu erhalten, sei wichtig für die Studierenden – denn eine elementare Komponente des Musikstudiums sei durch Online-Unterricht nicht zu kompensieren: „In der Ausbildung sind die Studierenden immer wieder mit ihren Stärken und Schwächen als Persönlichkeit konfrontiert. Musik ist nicht nur Töne produzieren. Das, was die Musik im Innersten ausmacht, das Berühren der Seele, funktioniert nicht digital“, erklärt sie.

Gibt es in Augsburg bald deutlich weniger Musikstudenten?

Was bleibt, ist die fehlende Perspektive. „Dringend nötig wäre, dass es nach Ostern wieder losgeht und Kultur zu den Menschen kommen kann. Es würde schon helfen, wenn von politischer Seite zumindest darüber gesprochen würde.“ Passiert das nicht, hat Friedhofen große Bedenken, was die Zukunft des Berufsstandes angeht: „Ich befürchte große Einbußen bei den Bewerberzahlen im Frühjahr.“

Das sind die Momente, die Carolin Nordmeyer vermisst: Im September 2019 fand das letzte Konzert des Schwäbischen Jugendsinfonieorchesters statt.
Bild: Michael Hochgemuth (Archiv)

Carolin Nordmeyer ist ganz nah dran an diesen möglichen Bewerbern, dem musikalischen Nachwuchs in der Region. Die Dirigentin leitet das Schwäbische Jugendsinfonieorchester (SJSO) – gewissermaßen die Startrampe für besonders begabte und engagierte Jugendliche, die einen Großteil ihrer Freizeit mit Musik verbringen und diese später eventuell sogar zum Beruf machen wollen. So wie Alina Riegel, die selbst acht Jahre lang Mitglied dieses Orchesters war und sich dort entschlossen hat, die Geige zum Beruf zu machen. „Nah dran“ ist Nordmeyer an ihrem Orchester seit einem Jahr aber vor allem vom Schreibtisch aus: 2020 fielen beide Arbeitsphasen aus, auch ein drittes Projekt, das unter Beachtung der Corona-Regeln für die Herbstferien geplant war, musste gestrichen werden.

Ein Jahr Pause - das könnte Künstlerkarrieren kosten

Die Dirigentin hat Verständnis für die Regeln. Gleichzeitig sorgt auch sie sich um die Zukunft und die Entwicklung der Jugendlichen – auf persönlicher und musikalischer Ebene. Denn in Orchestern lernten die Jugendlichen weit mehr als schwere Stücke zu spielen, sondern auch Verantwortung zu übernehmen und an persönliche Grenzen zu gehen. „Gerade unter den Unentschlossenen wird es sicher einige geben, die sich im Nachhinein nicht mehr aufraffen können. Da verlieren die Jugendlichen viel, aber auch wir als Gesellschaft“, betont Nordmeyer. Denn klar sei auch: „Man kann ein Orchester nicht einfach ausknipsen und ein Jahr später wieder anknipsen, das ist kein Radio.“

Einfach dort weitermachen, wo man aufgehört hat, das funktioniert auch für die Profis ab einem gewissen Zeitraum nicht mehr, erklärt LMZ-Leiterin Friedhofen. „Ein paar Wochen Pause sind auf einem gewissen Niveau in Ordnung. Wenn sich die Situation allerdings noch bis zum Sommer zieht, habe ich große Bedenken.“ Dann sei ein ganzes Jahr verloren. „Das hängt nach und ist für eine künstlerische Karriere richtig heftig.“

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