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Brechtfestival 2020

16.02.2020

Lange Brechtnacht: Beinahe legte ein Rechner "The Notwist" lahm

Der Top-Act des Abend: die Indie-Götter The Notwist.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Die Lange Brechtnacht fand erstmals im Kongress am Park statt: politisch wie selten, musikalisch beglückend und dann auch noch mit Momenten, die an Brecht erinnern.

Alles war angerichtet für eine prächtige Brechtnacht: Erstmals im Kongress am Park alle Konzerte unter einem Dach, alle Karten ausverkauft und die größte erdenkliche Vielfalt dessen, was noch irgendwie unter Pop zu fassen ist, im paarweisen Programm auf den beiden Bühnen – ein feiner Singer-Songwriter vs. ein schrilles Eletronikerinnen-Duo, kunstvoller Indie vs. ein Weltmusik-Orchester samt prominenter Ausdrucksängerin, Berliner Deutsch-Rap vs. Wiener Jahrmarkt-Chansons; und dazwischen mit dem Augsburger Projekt Cold War im Foyer ein Projekt, das gekonnt an sich schon die ganze musikalische Vielfalt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bot. Was sollte da noch schiefgehen?

Nun, ja, zweierlei dann doch: 1. Es herrschte (wieder mal) ein gastronomisches Fiasko mit unendlichen Schlangen an den wenigen Getränkeständen – und dabei war die Besucherzahl doch leicht vorab zu kalkulieren, ein wiederkehrendes Augsburger Rätsel, das ja nicht nur die Freude, sondern ganz nebenbei auch den Umsatz schmälert. 2. Ausgerechnet bei der wohl am heißesten erwarteten Band mit den Weilheimer Indie-Göttern von The Notwist, die bei ihrem letzten Auftritt in Augsburg 2011 auf dem Rathausplatz, im damals temporär dort errichteten Kulturstadion, für nicht weniger als eine Sternstunde der hiesigen Konzerthistorie gesorgt haben – ausgerechnet da gab es ein schweres technisches Problem. Die Soundkarte des Band-Computers fiel kurz vor dem Auftritt aus, eine Lösung musste innerhalb kürzester Zeit gefunden werden. Zur eingeplanten halben Umbaustunde kamen nochmal ganze 50 Minuten extra, bis es endlich losgehen konnte! Uff...

Die Lange Brechtnacht findet erstmals im Kongress am Park statt.
Bild: Michael Hochgemuth

Und als es dann doch noch losging dauerte es noch mal 50 Minuten, bis die Band auch ihre Songs auspackte, die zur weltweit einflussreichsten Band aus Deutschland spätestens in den Nullerjahren hat werden lassen. Das aber war programmgemäß. Denn zunächst servierten die sechs Herren von The Notwist ihre Theater- und Hörspielmusiken - nach der etwas irrlichternden Ankündigung des Berliner Bühnenmoderators, sie seien frei nach Brecht allein schon „politisch“, weil sie mit ihrer Art von Musik für etwas Offenes und Vierfältiges stünden in ihrer ansonsten doch allzu konservativen bzw. reaktionären Heimat.

Lange Brechtnacht: Beinahe legte ein Rechner "The Notwist" lahm

Politisch wird es bei Banda Internationale und Bernadette La Hengst

Und bei diesen Musikern ist von sich filigran über viele Minuten hin ausbreitenden Atmosphäreflächen bis hin zu reinem Geräusch alles möglich – am seltensten aber sind es eigentliche Songstrukturen mit Gesang. Auf einem Festival, wo ja längst nicht nur andächtige Fans im Publikum sind, birgt das ein gewisses Risiko. Denn tatsächlich wird das Geplauder immer ungehemmter, was auch das Vergnügen der Lauschenden nicht fördert – aber so lichtete sich der anfangs stark gefüllte große Saal eben nach und nach. Und samt Zugabe legten The Notwist dann eben auch fünf ihrer Klassiker nach, darunter „One With The Freaks“, "This Room" und „Consequence“ vom legendären Album „Neon Golden“.

Aber wer's plakativ, schlicht mitreißend und dann auch noch wirklich „brechtig“ haben wollte, war ohnehin nebenan besser bedient. Die Berliner Sängerin Bernadette La Hengst musizierte im Gegensatz zu den in sich gekehrten Notwist frontal und animierend mit der 12-köpfigen Banda Internationale aus Dresden - mit Mitgliedern aus Sachsen, Thüringen, aber auch Russland, Syrien und dem Irak. So traten Werke und Erzählungen aus Brechts Exilzeit wie „Die Bitten der Kinder“ oder „Radwechsel“ neben Engagiertes und Bewegtes zu den Gründen heutiger Flucht neben La Hengsts Erzählungen von eigenen Projekten wie jenes im Freiburger Theater, als sie unter dem Titel „Mehrheitsgesellschaft“ deutscher Renter mit jungen Migranten auf die Bühne brachte, „der Albtraum Sarrazins“, aus dem sich hier Nähe und Freundschaft entwickelt hätte...

Ein Höhepunkt des Abends: Bernadatte La Hengst und Banda Internationale.
Bild: Michael Hochgemuth

Das sehr gut besuchte Konzert im Betonbunker mit dem hübschen Namen Saal Baramundi aber bewegte vor allem musikalisch, mit seiner Orientwürze, ganz unmittelbar körperlich. Und der Auftritt war tatsächlich explizit politisch, konkret gegen die AfD, gegen die Pegida-Bewegung, gegen das Erstarken des Rechtsextremismus und für ein vielfältiges, vorwärtsgerichtetes Land.

Was an dem Abend gar nicht größer thematisiert wurde: Es war die zehnte Lange Brechtnacht, zum zehnten Mal von Girisha Fernando kuratiert. Dieses Format hat sich über die Jahre so etabliert, strahlt auch so weit aus, dass Zuschauer aus dem süddeutschen Raum dafür nach Augsburg kommen. Und: Bis auf das Problem mit den Getränken und die technische Panne bei "The Notwist" zeigte sich Fernando zufrieden vom neuen Ort. Denn mit 2200 Zuschauern im Kongress am Park dürfte die Lange Brechtnacht einen neuen Rekord aufgestellt haben.

Das erste Gegensatzpaar der Langen Brechtnacht 2020

Ähnliches, aber auf ganz anderer musikalischer und textlicher Ebene, hatte zuvor im selben Saal schon das Frauenduo Shari Vari erzeugt. Mit Laptop und Keyboard, ein bisschen Schlagwerk und Synthie, dazu aber vor allem auch mit dem Gesang von Sophia Kennedy mäanderte hier TripHop bis Tribal zwischen den Betonmauern. Ein vor allem in den lebhafteren und pointiert von Helena Ratka vorangetriebenen Passagen ganz starker Auftritt des Hamburg-Amerikanischen Duos.

Das erste Gegensatzpaar komplettierte zum Brechtnacht-Auftakt parallel im großen Saal Gisbert zu Knyphausen, der vergangenes Jahr schon hätte zum Brechtfestival kommen sollen, dann aber krankheitsbedingt kurzfristig absagen musste. „Ein Mann, der etwas zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran“, sagte Brecht. Gisbert zu Knyphausen hatte viele, die ihm an den Lippen hingen – obwohl er den Abend als erster bestritt. Für manche war er der heimliche Headliner, ist der Mann mit der Gitarre doch seit vielen Jahren einer der nachdenklichsten, traurigsten und klügsten Dichter des deutschen Liedermacher-Pop. Auf der großen Bühne ganz allein mit seinem Vibraphonisten Karl Ivar Refseth, der in seinem Körper alles zu fühlen schien, was Knyphausen da sang. Er hätte gar nicht erst einen eigenen Brechtsong schreiben müssen, denn man hörte auch so die Anleihen heraus – im Song „Verschwende deine Zeit“ zitierte er ihn sogar namentlich: „Und renn ruhig nach dem Glück/ Der alte Brecht hats schon gesagt/ Du rennst und rennst und das glück rennt hinterher.“ Doch wo Brecht der Aufrührer war, war Knyphausen der ruhige Grübler, durch dessen Songs die Traurigkeit wehte. Aber zum Glück immer auch die Hoffnung. Ruhig, fast schon andächtig, startete dieser Abend.

Bild: Michael Hochgemuth

Im Foyer überbrückte die Augsburger Combo "The Cold War" die Umbaupausen der beiden großen Bühnen musikalisch - mit einem raffinierten musikalischen Zugriff. Das war erst einmal die Internationale zu hören, weichgespült und versteckt im Gewand einer Fahrstuhlmusik. Im Anschluss kamen Hits aus der Zeit des Kalten Kriegs, etwa Bowies "Heroes " oder Nenas "99 Luftballons", die einen neuen musikalischen Dreh bekamen, hier ein bisschen Soul, dort ein bisschen Jazz, dazwischen auch mal die ungehemmte Lust am Pop. Stark.

Eva Gold als Sängerin des Augsburger Projekts "The Cold War".
Bild: Michael Hochgemuth

Das Finale-Duo: Wien tritt gegen Berlin an, Fatoni gegen Voodoo Jürgens

Fatoni kommt aus der Schauspielerei, war bis 2015 am Theater Augsburg zu sehen. Schon damals wurde er beim Rauchen draußen vor der Tür von einem seiner noch weit weniger zahlreichen Fans als Hip-Hopper Fatoni erkannt, wie er auf der Bühne im Großen Saal erzählt. Und das, obwohl er für seine Rolle im „Brandner Kaspar“ in einem Engelsgewand samt Flügeln und Perücke steckte. Jetzt trug Fatoni Schwarz und Hut, brachte fette Bässe und Gesellschaftskritik mit überraschend selbstironischer Konzeption. Und dann, das Publikum blinzelte noch in die Neonscheinwerfer auf der Bühne, stand er plötzlich mit Gitarre in der Mitte des Saals, kündigte ein Lied an vom „größten Sohn eurer Stadt“: „Ein Hoch auf uns, auf jetzt und eeeewig“? Schmarrn. „Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß“? Natürlich nicht. Brecht ist sein Name! Also sang Fatoni die Schrammelversion einer Brecht-Ballade: „Denn für dieses Leben, ist der Mensch nicht gut genug.“ Aber so sollte diese Nacht nicht enden. Also los, ein letztes Mal: „Alle Hände in die Luft!“.

Wer das Glück hatte, rechtzeitig in den Saal Baramundi gekommen zu sein, kann dort dagegen Voodoo Jürgens mit seiner vierköpfigen Band erleben. Es war mit Sicherheit das, was Brecht an sich an diesem Abend am nächsten kam, klanglich der Jahrmarktsmusik der „Dreigroschenoper“, inhaltlich dessen „Hauspostille“. Der Wiener erzählte nämlich in schmutzigen Chansons in innigstem Dialekt von Kleinkriminellen, Spielern, Boxern und den Abgründen des Alltäglichen. Da hätte es gerade von ihm zum Abschluss ein Cover von Brechts „Zuhälterballade“ nun gar nicht gebraucht. Man muss ihn nur „Wem gheard des Mensch“ oder „S'klaane Glücksspiel“ singen hören, mitschunkeln und alles ist da, ohne Brecht selbst und vor allem ohne Ideologie.

Die Lange Brechtnacht 2020: Zahlreiche Bands brachten den Kongress am Park am Samstagabend zum Beben.
61 Bilder
Die Lange Brechtnacht - die Bilder vom Samstag
Bild: Michael Hochgemuth

Und zumindest die ersten Reihen schrien dann auch noch mit dem nächsten österreichischen Shooting-Star nach Bilderbuch und Wanda auf gut Wienerisch: „Heite grab ma Tote aus!“ Gewidmet hatte das der nur in den langsamer Stücken arg gleichförmig salbadernde Voodoo dem Paten des Abends: „Brecht!“ Tatsächlich ein sehr lebendiger Abend auf den gebürtigen Augsburger, der ja schon vor bald 64 Jahre gestorben ist. Wenn man nicht gerade meinte, in der Getränkeschlange verdursten zu müssen...

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