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Architektur

18.01.2019

So planen Bürger die Zukunft Augsburgs

Die Bürger wünschen sich mehr Bäume in der Innenstadt.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Neue Ideen für die Stadtentwicklung werden heute nicht mehr an den Bewohnern vorbei gemacht. Das wirkt sich positiv auf die Baukultur aus.

Die Vorschläge sind konkret: Deckel für die Abfalleimer in den Grillzonen des Siebentischparks. Eine 50 Meter-Schwimmhalle. Mehr bezahlbare Künstlerateliers. Ein öffentlicher Bücherschrank im Prinz-Karl-Viertel. Mehr Bäume in der Innenstadt. Ein Talentschuppen für Jugendliche in jedem Stadtviertel.

Wer sich auf der Webseite „Stadtentwicklungskonzept Augsburg“ tummelt, wird feststellen, dass das, was für den Städtebau viele Jahre gefordert wurde, offenbar selbstverständliche Realität geworden ist: die Beteiligung der Bürger am Planungsprozess. Die Stadt Augsburg will jetzt, da sie sich auf die 300.000 Einwohner-Marke zubewegt, ihre Entwicklung für die kommenden 30 Jahre skizzieren, sie „erfindet sich neu“, wie es schon mal hieß, und sie will es mit den Bürgern gemeinsam tun. Beteiligung wird bei diesem Vorhaben nicht nur gewährt, sondern sogar gefordert. „Gestalten Sie die Zukunft Ihrer Stadt!“ heißt es da. Für Umwelt und Kultur, Stadtviertel und Wohnen, Soziales und Sport gibt es offenbar viele Ideen, nichts ist zu spüren vom oft beklagten Desinteresse am Gemeinwohl, vom Verfall der öffentlichen Belange. Die Bürger scheinen die Weichen für die Zukunft ihrer Stadt selber stellen zu wollen.

Eine demokratische, offene Planungskultur in Augsburg

„Mutig“ findet die Städtebau-Professorin Katinka Temme (Hochschule Augsburg) den Augsburger Weg, Planungen mittlerweile frühzeitig zu kommunizieren und die Bürger zu fragen. In Augsburg – nicht nur hier, aber mehr als etwa in der Millionenstadt München – habe sich eine demokratische, offene Planungskultur etabliert, die Expertentum mit dem Erfahrungswissen der Bürger verbindet. Ein Riesenfortschritt gegenüber den von Architekten und Stadtplanern gesetzten Großkonzepten wie etwa dem „Plan Voisin“ von Le Corbusier von 1925 mit seinen Hochhaus-Agglomerationen oder der Charta von Athen von 1933 mit ihrer strikten Trennung von Wohnen, Arbeiten, Verkehr, Freizeit. Diesen städtebaulichen Visionen mussten sich die Bürger lange unterordnen, aber spätestens ab den 1970er Jahren pochten sie darauf, mitreden zu dürfen.

Die Abwägung zwischen verschiedenen Interessen, etwa zwischen Umweltschutz und dem Neubau von Wohnungen und Straßen, zwischen einem attraktiven Kulturangebot und sparsamem Umgang mit Geld ist in jedem Fall notwendig. Wenn sich die Bürger daran beteiligen, gerät sie indes konfliktreicher, als wenn nur die Fachleute darüber befinden. Deshalb sind Moderatoren nötig, die den Prozess zu einem Konsens führen können. Dafür hat Augsburg schon mehrfach Mitglieder des Münchner Vereins „Urbanes Wohnen“ engagiert, Pioniere der partizipativen Stadtplanung und des „Planens von unten“, hervorgegangen aus einer Bürgerinitiative für Nachbarschaftshilfe, inzwischen als Verein „Bauwärts“ in neuer Formation. Beim Sheridan-Wohngebiet und beim Reese-Areal moderierten die Aktivisten für Stadtentwicklung die Bürgerbeteiligung, in Oberhausen-Mitte und Rechts der Wertach sind sie Quartiersmanager, auch in der Jakobervorstadt organisieren sie Diskussionen.

Wem gehört die Stadt?

Dafür Zeit aufzuwenden, ist eine gute Investition, die heute in fast allen Kommunen anerkannt wird, weiß Jan Weber-Ebnet, Architekt und „Bauwärts“-Experte aus München, der in Augsburg mindestens noch drei Jahre tätig sein wird. Was in den 1970er Jahren gegen Widerstände durchgesetzt werden musste, ist heute Standard: Das Alltagswissen der Bürger für die Planung nutzbar machen. Allerdings dürften Profi-Planer das Heft nicht aus der Hand geben, damit der Blick aufs große Ganze erhalten bleibt und sich nicht die egozentrische Mentalität „Bauen ja, aber nicht vor meiner Haustür“ durchsetzt, fordert Mark Dominik Hoppe (Wohnbaugruppe Augsburg). Weil Stadtplanung ohnehin lang dauert und mit Bürgerbeteiligung noch länger, braucht es konkrete und schnelle Teilergebnisse, wissen Temme und Weber-Ebnet, damit die Motivation nicht verloren geht: Urban-Gardening-Projekte, Sport- und Kulturaktivitäten oder die Bespielung von Plätzen (wie zum Beispiel im vergangenen September mit Freiluft-Klavieren).

Im Grundsätzlichen geht es bei der Bürgerbeteiligung auch um die Frage, wem die Stadt gehört. Weber-Ebnet: „Die Bürger zeigen, dass die Stadt kein Monopoly-Spiel zum großen Geldverdienen ist, sondern dass sie allen Bewohnern gehört, auch den Schwachen“. Ein Projekt wie die Umgestaltung des Helmut-Haller-Platzes in Oberhausen und die dortige Installierung einer Drogenhilfe-Einrichtung ist exemplarisch. Geht es da doch genau darum, was der Stadtsoziologe Richard Sennett fordert: eine offene Stadt in all ihrer Komplexität zu gestalten, in der auch das Fremde, Schwache, Störende akzeptiert wird.

Baukultur ist den Augsburger Bürgern wichtig

Doch wohin führt die Stadtentwicklung, wenn sie nicht mehr den großen Wurf darstellt, nicht mehr von den Ideen der Koryphäen getragen wird, sondern die klein-kleinen, alltagspraktischen Vorschläge der Bürger umsetzen soll? Wie wird Augsburg in 30 Jahren aussehen? Ein Flickenteppich unterschiedlicher Nutzungen, ein Durcheinander der Lebensgewohnheiten? Wird der historisch gewachsene Charakter der Stadt mit der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Altstadt, den Industrievierteln des 19. Jahrhunderts, den Kanälen und Wasserläufen, wird die Schönheit Augsburgs noch erkennbar sein?

Gefahren dafür droht jedenfalls nicht durch die Bürgerbeteiligung, sagt Jan Weber-Ebnet entschieden. Den Bürgern ist Baukultur sehr wichtig, sie setzen sich für die Erhaltung der historischen Substanz ein, erfährt er immer wieder. Eine Nivellierung des Stadtbilds komme eher durch die massive Bautätigkeit zustande, bei der es um Rendite und nicht um Ästhetik geht. Wie die Baumassen wachsen, das ist in der größer werdenden Stadt als Teil einer Metropolregion derzeit ja mit Händen zu greifen. Dass Augsburg in 30 Jahren sehr viel dichter bebaut sein wird, ist unstrittig.

Augsburg wird in 30 Jahren so aussehen wie jetzt

Profi-Planer müssten hin und wieder Bürgerwünsche korrigieren, berichtet Katinka Temme, etwa nach mehr Parkplätzen oder Bäumen in der Altstadt, wofür im historischen Umfeld kein Platz ist. Aber generell registriert auch sie großen Bürgerstolz auf die eigene Stadt. Und sie ruft die Bürger auf, ihre Wünsche zu formulieren und damit den Investoren Grenzen zu setzen. Das sei beim derzeitigen Bau-Profit-Boom allemal wichtig, das wird wohl konkret auch bei den Bauplänen am Wittelsbacher Park nötig sein.

Für Mark Dominik Hoppe schafft die offene Planungskultur mehr Zugehörigkeit, mehr Verständnis der Bürger füreinander. Er glaubt, dass Augsburg in 30 Jahren im Wesentlichen so aussehen wird wie jetzt. Freilich werde man die Bebauung verdichten müssen, etwa in alten Siedlungsgebieten, wo noch kleine Häuser in großen Gärten stehen. Auch das neue Wohngebiet Haunstetten Süd-West wird eine höhere Baudichte aufweisen. Dennoch, auch weil sich an der Planung wiederum die Bürger intensiv beteiligen, werde es ein Stadtviertel mit sehr viel Lebensqualität werden.

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