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Ausstellung

31.01.2019

Wolfgang Lettl im Schaezlerpalais: Ist seine Kunst bedeutend genug?

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4 Bilder
Einfallspforten des Unheimlichen und Chaotischen: Wolfgang Lettl im „Selbstporträt mit unsympathischen Zeitgenossen“, 2004.
Bild: Florian Lettl

Plus Im Schaezlerpalais wird Wolfgang Lettls künstlerische Entwicklung gezeigt. Die Schau wirft allerdings Fragen auf. Hier finden Sie ein Pro-und-Contra dazu.

Viele Jahre war es gute Tradition, in der Industrie- und Handelskammer zu Wolfgang Lettls Geburtstag am 18. Dezember eine Ausstellung auszurichten, die sein Schaffen im abgelaufenen Jahr dokumentierte. So konnte eine breitere Öffentlichkeit nachvollziehen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen der Künstler in seinen Bildern kritisch reflektierte und wie ihm selbst zumute war.

Die Wolfgang-Lettl-Ausstellung

Ähnliches widerspiegelt nun zum 100. Geburtstag eine Retrospektive von Lettls gesamtem Werk bei den Kunstsammlungen im Schaezlerpalais. Raum um Raum durchschreitet man in der langen Zimmerflucht die künstlerische Entwicklung. Angefangen bei den Pariser Aquarellen, womit der deutsche Nachrichtensoldat sein erwachendes Talent ausprobierte, über seine leichte Hand in impressionistischen Landschaften bis zu konzentrierten, gedankentiefen surrealen Kompositionen.

Wolfgang Lettl: Plärrer, Öl auf Hartfaser, 1953
Bild: Florian Lettl

Jeder Abschnitt ist illustriert mit repräsentativ ausgewählten, mitunter lange nicht gezeigten Arbeiten des Malers, der seinen ganz eigenen Weg ging. Im Katalog spricht Renate Miller-Gruber in Anspielung auf ein Lettl-Bild vom „Löwen im goldenen Käfig“. Seine frühen Ölgemälde, etwa vom Plärrer mit lebhaftem Gewimmel, folgen eher dem Stil der Naiven Malerei. Sie zeigen freilich schon eine gewisse surreale Verdichtung. 1946 malt Lettl „Das gelbe Haus“; in seiner zerbombten Heimatstadt lernt er, den formalen Reiz des Zerstörten, Chaotischen und Zufälligen zu sehen. In den 50ern wagt sich Lettl in kühnere, symbolhafte Sujets – ein Männerkopf auf Frauenunterleib, die Dame in Flammen auf fliegendem Sofa.

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Lettl bedient sich im Zeichenrepertoire des Surrealismus: der Vogelschwarm, der Kahn, die Brücke, der Turm, die Maske und als sein Alter Ego den Hahn. Selbstironisch malt er die Serie „Versuche, ein Hahn zu werden“. Mehr und mehr entfernt sich Lettl aus naturhaften Umgebungen, allenfalls eine Stadt mit Häusern oder ein Gewässer bilden den Ort seiner absurden Szenen. Er bevölkert sie mit flachen oder hohlen Figuren, die aus einer eindimensionalen Welt des Strebens nach Gewinn, Macht und Ruhm kommen. Ein grimmiger Humor leitet den älteren Lettl. Er zitiert die alten Meister, ruft Michelangelos Schöpfergott und Grünewalds Passionsaltar herbei. Enger werden die Räume, Türen dienen als Symbol des Übergangs und Einfallspforte des Unheimlichen und Chaotischen. Lettl blieb sich treu. (loi)

Pro: Lettl gehört ins Schaezlerpalais

Kommentar von Alois Knoller

Es ist stiller um Wolfgang Lettls künstlerisches Werk geworden, seit die Industrie- und Handelskammer die Dauerausstellung („Lettl-Atrium“) ihrem Eigenbedarf opferte. Wahrscheinlich haben sich im IHK-Präsidium auch die Vorlieben gewandelt. Es gab eine Zeit, da hingen sie im Gericht und in Banken und sogar im bischöflichen Ordinariat. Man hat sich in Augsburg an Lettls surrealen Bildern offensichtlich satt gesehen. Heißt das nun, dass sie im Depot verschwinden sollten? Das wäre schade, eine solche Behandlung hätte Lettls Kunst nicht verdient. Ist sie doch wirklich ein Ausdruck kritischer Zeitgenossenschaft des Künstlers. Seine Bilder reflektieren vorherrschende Haltungen in der Gesellschaft. Seismografisch widerspiegeln sie Bedenkliches, das Wolfgang Lettl mal mit milde lächelnder Ironie und mal mit beißendem Spott ins Bild brachte. Es sind nicht einfach zufällige Einfälle eines Malers, sondern durchdachte Kompositionen. Weil sie bei aller Symbolhaftigkeit eingängig in der Aussage sind, greifen Schulbuchverlage bis heute gern als Illustration von Unterrichtsmaterial darauf zurück.

Dem Kunstmarkt hat sich Wolfgang Lettl weithin entzogen. Aus früheren Ausstellungen, etwa der Großen Kunstausstellung München im Haus der Kunst, wurde zwar das eine oder andere Bild verkauft, aber eine spektakuläre Wertsteigerung erfuhr Lettls Werk nie. Daraus sollte man allerdings keine Schlüsse über die künstlerische Qualität des Augsburger Malers ziehen. Nur oberflächlich betrachtet sieht es so aus, als habe sich Lettl als Surrealist stilistisch nie verändert. Die Ausstellung im Schaezlerpalais führt vor Augen, dass sich sein künstlerischer Zugriff im Lauf der Jahre durchaus wandelte. Wolfgang Lettl teilt das Schicksal etlicher anderer Augsburger Maler des 20. Jahrhunderts. Alle verdienten sie eine repräsentative Darstellung in einer Galerie. Doch allenfalls durch private Initiative blieben ihr Name und ihr Werk in öffentlicher Erinnerung. Wenn nun zu Jahresende ein Lettl-Museum eröffnet, sollte die Stadt wohlwollend daran Anteil nehmen.

Contra: Da ist viel Rückenwind im Spiel

Kommentar von Rüdiger Heinze

Wenn Politiker über Kunst entscheiden, gilt aus Erfahrung: Obacht! Man muss zur Lettl-Schau im Schaezlerpalais wissen, dass diese den Kunstsammlungen vom städtischen Kulturausschuss aufs Auge gedrückt wurde – verbunden mit Zuweisung von 15.000 Euro für die Kosten. Wie kann das sein? Wieso wird da in ein Institut hineinregiert, das qua eigener Reputation weiß, welchen Künstler es in welchem Rahmen zu präsentieren hat? Nun, ganz einfach: Der Einfluss, der Arm derjenigen, die Lettls Malerei protegieren, reicht bis in den Kulturausschuss und Stadtrat hinein. Die Bilder begeistern dort, Lettl ist einer der ihren. Vor der sachlichen kunsthistorischen Einschätzung seiner Profession aber bleiben die Augen verschlossen. Lettl ist nicht mehr und nicht weniger als eine surreale schwäbische Stimme der Nachkriegszeit. Er war weder ein originärer Vertreter des Surrealismus, noch wurde ihm (inter)nationales Renommee durch Beachtung/Präsentation in renommierten größeren Museen zuteil – bis heute.

Lettl malte einen Nachhall des Surrealismus mit Motiven, die vor ihm schon de Chirico, Dalí – und vor allem Magritte – eingeführt hatten. Das heißt nicht, dass er zum Jubiläum in Augsburg nicht gezeigt werden soll. Er gehört zweifellos zur regionalen Geschichte. Doch eine Raumflucht in den Kunstsammlungen ist eine Nummer zu groß. Es ist nicht alles gleich gültig. Man könnte der Schau durchaus vorwerfen, dass sie zur Verunklärung der Frage beiträgt, was erst-, zweit- und drittrangig ist. Und diese Verunklärung hat der Kulturausschuss angeordnet. Leistungsunterscheidung ist ja eh schon schwer genug in der Kunst. Aber das Politikum ist mit dieser Schau nicht beendet. Der Lettl-Verein will 2019 ein Lettl-Museum einrichten und hofft auf 25 000 Euro städtischen Zuschuss. Dass auch dies wieder hinter den Kulissen protegiert wird, ist klar. Obacht! Man kann das Geld auch in die dringend notwendige generelle Augsburger Kunstsammlungsentwicklung (Römer!?!) stecken.

Informationen zur Ausstellung

Die Ausstellung "Der Grenzgänger" mit Werken von Wolfgang Lettl ist vom 1. Februar bis zum 31. März im Schaezlerpalais in Augsburg zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

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