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Interview

23.05.2020

Chefin der Hotels und Gaststätten: „Gastwirte können Hygiene“

Angela Inselkammer ist Präsidentin des Bayerischen Hotel - und Gaststättenverbandes.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Zur Wiedereröffnung der Gastronomie nach der Corona-Pause fordert die Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, Angela Inselkammer, die Gäste zu Solidarität auf.

Frau Inselkammer, Sie und Ihre Familie betreiben in Aying südlich von München eine Gaststätte, einen Biergarten und ein Hotel. Wie sehr haben Sie in den letzten Wochen gelitten?

Angela Inselkammer: Corona hat uns mitten ins bayerische Herz getroffen. Man konnte das als Wirtin kaum noch mit ansehen: Bei schönstem Wetter konnten sich die Radler bei uns zum Mitnehmen nur Schnitzel- und Leberkäsesemmeln holen und mussten damit wegfahren. Selbst die am Haus stehenden Bänke haben wir entfernt, damit sich ja keiner hinsetzen kann. Das war eine schwere Zeit, auch wenn all diese Maßnahmen aufgrund der Pandemie notwendig gewesen sind.

Trotzdem haben Sie gelitten.

Inselkammer: Es tat mir natürlich in der Seele weh, schließlich liebe ich es, Gäste zu umsorgen. Das Schlimmste an der Corona-Krise ist für mich als Unternehmerin, dass man nicht abschätzen kann, wie es weitergeht. Die Ungewissheit nagt an einem.

Doch nun ist diese unerträgliche Ungewissheit zumindest zum Teil für Sie vorbei. Seit vergangenem Montag ist Ihr Biergarten wieder offen, und an diesem Montag dürfen auch wieder alle Gastwirtschaften in Bayern das Lokal öffnen.

Inselkammer: Die Gäste kommen wieder. Das ist so schön. Und die ersten Tage in der Außengastronomie zeigen bereits: Bayerns Gastwirte sind in der Lage, auch die durch Corona bedingten zusätzlichen Hygieneanforderungen zu stemmen. Wir können eben Hygiene. Die Auflagen für uns waren ja schon vor Corona sehr hoch. Und das mit dem Abstandsgebot von 1,50 Metern funktioniert in den Biergärten bereits. Das wird auch in den Lokalen klappen.

Interview mit Angela Inselkammer aus Aying / Präsidentin / Vorsitzende des Bayerischen Hotel - und Gaststättenverbandes. Bild: Ulrich Wagner
Bild: Ulrich Wagner

Doch es gibt Sorgen, dass Menschen nach zwei Maß Bier sich dann doch enger als erlaubt auf die Pelle rücken.

Inselkammer: Solche Behauptungen regen mich auf. Bei uns besäuft sich niemand im Biergarten. Der Genuss steht im Vordergrund. Und wenn ich eine Maß Bier trinke, bin ich nicht betrunken. Da müssen sich die Politiker keine Sorgen machen. Mein Appell an die Gäste lautet jedenfalls: Bitte haltet den Abstand von 1,50 Metern ein und tragt Masken, wenn ihr die Tische ansteuert oder verlasst.

Haben Sie Angst vor Kontrollen?

Inselkammer: Nein, mir geht es um etwas ganz anderes: Wir in der Gastronomie, ob Personal oder Gäste, müssen alle Hygienemaßnahmen einhalten, um so dazu beizutragen, dass die Infektionsrate nicht wieder ansteigt. Die nächsten vier Wochen stellen eine Nagelprobe dar.

Inselkammer: "Werden nicht wie Sheriffs kontrollieren"

Was ist das für eine Nagelprobe?

Inselkammer: Jetzt kommt es darauf an. Wir müssen diszipliniert sein – und zwar in unser aller Interesse. Denn wenn die Infektionsrate nach oben schnellt, besteht die Gefahr, dass Lockerungen wie die Öffnung der Wirtshäuser zurückgedreht werden. Zuletzt hatte man den Eindruck, dass das Durchhaltevermögen mancher Menschen etwas bröckelt. Wenn es uns gelingt, dass trotz der Öffnung der Gastronomie die Fallzahlen nicht steigen, bleiben die Wirtschaften offen. Und viele Menschen freuen sich jetzt ja darauf, endlich nicht mehr ununterbrochen selbst kochen zu müssen. Wenn der Solidarpakt zwischen Wirten und Gästen funktioniert, ist das der erste wichtige Schritt in Richtung Hoffnung. Wir Wirte sind auf die Solidarität unserer Gäste angewiesen. Sie müssen uns helfen.

 

Vermiesen den Gästen all diese Auflagen nicht einen entspannten Gasthausbesuch?

Inselkammer: Das muss der Gemütlichkeit nicht abträglich sein. Wir werden auf alle Fälle nicht wie Sheriffs durch die Biergärten und Lokale streifen und unsere Gäste kontrollieren.

Wie viele Wirte machen bei dem ersten Schritt Richtung Hoffnung mit?

Inselkammer: Leider machen viele gar nicht auf. Ich rechne damit, dass etwa ein Drittel unserer Betriebe in Bayern zubleibt. Für ein kleines Café etwa lohnt es sich nicht zu öffnen, wenn die Tische 1,50 Meter auseinanderstehen müssen. Da passen ja kaum noch Gäste rein. Die Inhaber können sich dieses Minusgeschäft nicht leisten.

Rechnet es sich denn für einen großen Betrieb wie Ihrem?

Inselkammer: Weil wir nur die Hälfte der Gäste unterbringen, also in etwa die Hälfte des Umsatzes haben, erwirtschaftet man natürlich schwer einen Gewinn. Doch wir und viele andere Lokale machen trotzdem auf, dafür sind wir zu leidenschaftliche Gastgeber.

Inselkammer: "Uns hilft die Kurzarbeit"

Aber wirtschaftlich ist das nicht.

Inselkammer: Wir zahlen damit auf eine ungewisse Zukunft ein. Natürlich hilft uns die Kurzarbeit. In unserem Betrieb können wir so unser Personal halten. Wir wechseln auch solidarisch durch: Mal ist ein Teil der Belegschaft in Kurzarbeit, mal der andere. So kommen wir über die Phase eines um die Hälfte niedrigeren Umsatzes hoffentlich hinweg. Dabei bin ich Ministerpräsident Markus Söder sehr dankbar, dass er sich erfolgreich für die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf in Lokalen verzehrte Speisen von 19 auf sieben Prozent eingesetzt hat.

 

Doch die Regelung ist nur zeitlich befristet. Damit währt Ihre Dankbarkeit gegenüber Söder nicht ewig.

Inselkammer: Ich bin zuversichtlich, dass die Regelung dauerhaft so bleibt. Für uns ist das ein wichtiges Hoffnungszeichen. Denn so fällt es den Gastronomen leichter, all die jetzt aufgenommenen Kredite nach der Corona-Zeit auch wieder zurückzahlen zu können.

Dennoch überleben viele Betriebe die Krise nicht. Mit wie vielen Schließungen rechnen Sie? Welche Lokale erwischt es, eher kleinere oder größere?

Inselkammer: Das wissen wir noch nicht. Es gibt keine aktuellen Zahlen. Doch es tut mir um jeden Betrieb unendlich leid. Dahinter stecken Schicksale. Menschen haben viel an Zeit, Geld und guten Ideen investiert und müssen dennoch aufgeben. Auch deshalb brauchen wir weiter staatliche Hilfen gerade für unsere Wackelkandidaten. Dabei sind viele Wirte dankbar für die Umsicht ihrer Vermieter. Manche Brauereien wie unsere in Aying haben Mietern für zwei Monate die Pacht erlassen, andere haben die Miete Wirten immerhin gestundet.

Inselkammer fordert zusätzliche Hilfen

Zumindest eine gute Sache hat die Corona-Krise für die Hotel- und Gaststättenbranche: Politiker nehmen den Wirtschaftszweig nun fast so ernst wie die Autoindustrie.

Inselkammer: Es ist nur schade, dass es dafür einer Pandemie bedurft hat, um zu erkennen, dass wir system- und lebensrelevant sind. Allein in Bayern sichern Hotellerie und Gastronomie in über 40 000 Betrieben 447 000 Menschen ihre Erwerbstätigkeit ab. Das ist jeder 17. Erwerbstätige im Freistaat. Zudem lernt beinahe jeder zehnte Auszubildende einen Beruf in Hotellerie und Gastronomie.

 

Da die Politiker Wirte nun so innig wertschätzen: Was steht denn noch auf ihrem Bestellblock an die Politik?

Inselkammer: Wir brauchen jetzt noch zusätzliche Hilfen für Betriebsinhaber, die aus Gründen der Pandemie derzeit nicht aufmachen können. Und dann muss die Bundesregierung einen staatlichen Rettungsfonds für alle Betriebe auflegen, die getränkegeprägt sind oder von großen Veranstaltungen wie Hochzeiten leben, die ja nach wie vor nicht stattfinden dürfen. Ich denke hier etwa an Bars, Klubs, Diskotheken, Festzeltbetreiber, aber auch an Event-Caterer.

Zur Person: Angela Inselkammer ist die Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA.

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