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12.09.2019

Das steckt hinter der Betrüger-Masche der falschen Polizisten

Nicht überall, wo Polizei drauf steht, steckt auch ein echter Polizist drin. Und nicht jeder Anrufer, der sich mit „Hier spricht die Polizei“ meldet, hat Gutes im Sinn. Diese Erfahrung machen jedes Jahr hunderte Menschen in Bayern, speziell Senioren.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbol)

Regelmäßig fallen Senioren auf Telefonbetrüger herein und lassen sich Geld abnehmen. Nun zeigt ein ungewöhnlicher Prozess die Strukturen einer solchen Bande auf.

Die Sonne scheint, die Wellen der Ägäis klatschen an das Ufer, Touristen spazieren die kilometerlange begrünte Promenade entlang, daneben werfen Einheimische ihre Angeln in das dunkelblaue Meer. Es lässt sich gut aushalten in Izmir, der drittgrößten Stadt der Türkei, die als besonders weltoffen, liberal und als Gegenentwurf zur Türkei gilt, wie sie sich Staatspräsident Erdogan vorstellt.

Doch Izmir hat auch dunkle Seiten. Das offenbart sich in diesen Tagen am Landgericht Nürnberg-Fürth. Das beschäftigt sich aktuell mit kriminellen Banden, die offenbar von Izmir aus ihr Unwesen treiben und in Deutschland gutgläubige Senioren schon um hunderttausende Euro betrogen haben. Über ein Callcenter in der türkischen Metropole klingeln sie sich quer durch die Telefonbücher und versuchen ihr Glück mit immer derselben Masche. Sie geben sich als Polizisten aus, die den Angerufenen vor Einbrecherbanden beschützen und Wertgegenstände sowie Bargeld in Sicherheit bringen wollen.

2018 machten die falschen Polizisten 21 Millionen Euro Beute

Der Trick mit den falschen Polizisten beschäftigt hierzulande nun schon seit geraumer Zeit und immer häufiger die echten Polizisten. Das bayerische Landeskriminalamt registrierte 2017 insgesamt 7296 Anzeigen wegen sogenannten Callcenter-Betrugs, zu dem unter anderem auch die Anrufe von falschen Staatsanwälten, falschen Richtern oder falschen Enkeln gezählt werden. Im Jahr 2018 waren es schon doppelt so viele. Erfolgreich waren die Betrüger in gut 2600 Fällen und erbeuteten dabei rund 21 Millionen Euro.

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„Wir spüren, dass die Menschen bei dem Thema sensibler werden, dennoch fallen weiterhin regelmäßig welche auf die Masche herein“, sagt ein Sprecher des Landeskriminalamtes. Gleichzeitig gelinge es der Polizei immer wieder, Täter auf frischer Tat zu ertappen: „Meistens sind das aber nur die Laufburschen, während die Drahtzieher im Ausland sitzen.“ Aus diesem Grund ist der aktuelle Fall in Nürnberg besonders interessant. Denn auch hier erwischte die Polizei zunächst nur einen 27 Jahre alten Geldboten mit türkischen Wurzeln – über ihn kamen die Ermittler dann jedoch auf weitere Hintermänner und -frauen, unter anderem seine gleichaltrige Schwester. Und so werfen die Prozesse, die seit Monaten am Landgericht verhandelt werden, ein Schlaglicht auf die Methoden und Strukturen der „falschen Polizisten“.

So sitzen die Köpfe dieser nun hochgenommen Bande offenbar in Izmir. Sie tätigen von dort aus die betrügerischen Anrufe, organisieren die Abholung der Beute von den Opfern sowie die anschließende Weiterleitung. Besagte Schwester diente dann in Nürnberg als eine Art „Finanzlogistikerin“, wie es die Staatsanwaltschaft nennt. In dieser „zentralen Rolle“ übernahm sie anfallende Transportkosten, zahlte die Boten aus – einer bekam für seinen einmaligen Einsatz 1000 Euro – und leitete die Beute weiter an einen nun vor Gericht stehenden 31-Jährigen, der sie offenbar vom Großraum Heidelberg aus in die Türkei transferieren sollte.

Bei den Betrugsfällen geht es oft um hohe Summen

Schon im Juli war die „Finanzlogistikerin“ zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Wegen Beihilfe zu gewerbsmäßigem Betrug in insgesamt 13 Fällen. Rund 600.000 Euro soll die dabei mit ihren Komplizen erbeutet haben. Eine 78-Jährige brachten sie dazu, 118.000 Euro in bar in eine Papiertüte zu stecken und einem fremdem Mann, der ihr das Passwort „Winter“ sagen musste, zu übergeben – welch Zynismus, wenn man bedenkt, dass die Drahtzieher zu diesem Zeitpunkt, November 2017, im um diese Zeit in der Regel bis zu 20 Grad warmen Izmir saßen. Einem weiteren Opfer, einer 90 Jahre alte Nürnbergerin, knöpften sie 40.000 Euro in bar sowie Goldbarren im Wert von 100.000 Euro ab.

Summen, die keine Seltenheit sind. „Wir verfolgen die Fälle von falschen Polizeibeamten mittlerweile sehr hartnäckig, weil es oftmals um große Geldbeträge geht und in der Bevölkerung auch eine große Verunsicherung herrscht“, sagt Matthias Nickolai, Sprecher der Staatsanwaltschaft in Augsburg. Allerdings seien die Ermittlungen oft schwierig, weil die Tat schon begangen oder verhindert worden sei, ehe sich die Opfer an die Polizei wendeten. Zudem tauche das Phänomen der falschen Beamten vielerorts plötzlich auf und verschwinde dann schnell wieder. Nach welchem Muster die Betrüger die Regionen aussuchen, in denen sie zuschlagen wollen, ist unklar. Zumindest im Süden und Westen Schwabens ist nach Angaben des Polizeipräsidiums in Kempten auffällig, dass fast die Hälfte der 2019 gemeldeten Betrugsanrufe in den Kreisen Günzburg und Neu-Ulm eingingen.

Mit einem etwas anderen Trick schlugen falsche Polizisten Anfang September im Oberallgäu zu. Sie „kontrollierten“ in Sulzberg einen 49-jährigen Autofahrer und nahmen ihm seinen Wagen ab, um diesen angeblich genauer zu untersuchen. Erst als die beiden Männer, die schwarze T-Shirts mit der Aufschrift „Polizei“ sowie einen Gürtel mit Handschellen und Schusswaffe trugen, davon fuhren, dämmerte dem Mann, dass er auf Betrüger hereingefallen war. Die Polizei geht von einem Einzelfall und keiner neuen Masche aus.

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