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Spargelsaison

25.04.2019

Die Deutschen und ihre verrückte Liebe zum Spargel

Spargel über Spargel: Im Frühjahr dominiert das Stangengemüse den Speiseplan. Manche sagen gar, die Deutschen seien besessen davon. 

In diesen Wochen wird um das Edelgemüse wieder ein Kult gemacht. Warum nur? Über den kleinen Luxus, deutsche Eigenheiten und Dinge, die sich nie ändern.

Jennifer Drieschner hat sich schon den ganzen Tag auf diesen Moment gefreut. Auf das, was sie ihren „kleinen Luxus“ nennt. Zielstrebig hat die junge Frau gerade ihren Kleinwagen auf den Parkplatz gesteuert, hier, an der Straße zwischen Stadtbergen und Leitershofen westlich von Augsburg, und blickt jetzt gespannt in die Auslage. Dorthin, wo eigentlich der Babyspargel liegen sollte. „Oh, ist der schon aus? Da bin ich wohl zu spät“, sagt Jennifer Drieschner und zuckt mit den Schultern.

Alexandra Lutz-Aronis kennt ihre Stammkunden. Seit zwölf Jahren verkauft sie um diese Jahreszeit Spargel.
Bild: Sonja Dürr

Die Frau auf der anderen Seite der Theke, Alexandra Lutz-Aronis, hört diese Enttäuschung heute nicht zum ersten Mal. Sie lächelt, zeigt auf die Kisten vor ihr und zählt auf, was noch da ist. Premium-Spargel Klasse A für 13 Euro, Klasse C mit den aufgeblühten Köpfen, grünen Spargel oder, zum Sonderpreis, die krummen Dinger. „Dann nehm ich A, ein Kilo“, sagt Drieschner. „Und bitte geschält.“

Alexandra Lutz-Aronis kennt ihre Kunden. Die, die Ende März schon hierher pilgern, wenn der Stand von Spargel Lohner öffnet. Die, die morgens um kurz vor acht darauf warten, dass sie das Häuschen aufmacht. Und die, die alle paar Tage wiederkommen und Spargelspitzen kaufen. Einfach, weil jetzt die Zeit dafür ist. Alexandra Lutz-Aronis streicht sich die Schürze glatt, auf der „Wir lieben Spargel“ steht, und sagt: „Diese Zeit ist schon etwas Besonderes.“

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In diesen Wochen jedenfalls ist der Spargel allgegenwärtig. In den Buden am Straßenrand. Auf Wochenmärkten und im Supermarkt. In Restaurants und Kantinen. Es gibt Spargel mit Sauce Hollandaise, mit zerlassener Butter oder im Schinken, aus dem Ofen oder vom Grill, gratiniert in der Pfanne, mariniert im Salat, gekocht in der Suppe. Manche legen ihn sogar auf die Pizza. Irgendwie scheint es kaum ein Gericht zu geben, zu dem das Edelgemüse nicht passt.

Wer Spargel nicht mag, muss sich ja fast schon rechtfertigen

Wobei zur Wahrheit ja auch gehört, dass Spargel die Gesellschaft spaltet. In die einen, die davon schwärmen, dass sie „angespargelt“ haben, und die anderen, die sich fast schon dafür rechtfertigen müssen, dass sie ihn nicht mögen. Woher also kommt diese Begeisterung? Klar, Spargel schmeckt (vielen) gut, er ist gesund, kalorienarm, entwässert und entgiftet. Aber erklärt das dieses Spargelfieber? Oder diesen Kult, der um das Gemüse gemacht wird und über den böse Zungen sagen, dass er völlig überzogen sei.

Mit blanken Zahlen lässt sich das Phänomen jedenfalls nicht erklären. 1,9 Milliarden Spargelstangen essen die Deutschen im Jahr, hat die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gezählt. Das macht, auf den Einzelnen gerechnet, gerade einmal 1,6 Kilo. Rein statistisch ist das weniger, als wir Blumenkohl oder Bohnen im Jahr essen. Aber Begeisterung für Bohnen? Danach müsste man lange suchen.

Claudia Neu ist Ernährungswissenschaftlerin. Sie sagt, dass man Spargel ohnehin nicht mit anderem Gemüse vergleichen könne, weil er eine Sonderrolle einnehme. Entscheidend sei vielmehr der Gedanke: „Das gönn ich mir jetzt.“ Ein Gemüse, für das man gern auch mal mehr zahlt. Im Schnitt 6,38 Euro fürs Kilo 2018. Spargel, das sei ausgeprägter Luxus, sagt Neu. „Er war schon elitär und exklusiv, als es noch gar keine Supermärkte gab.“

Schon der römische Kaiser ließ den Spargelpreis regeln

Dabei ist die Spargelbegeisterung noch viel, viel älter. Sagt Daniel Kofahl, Ernährungssoziologe aus Trier. Bereits vor 5000 Jahren soll Spargel den Pharaonen in Ägypten als Delikatesse serviert worden sein. Kultiviert wurde das Edelgemüse aber von den Römern. Ein teures Produkt war es schon damals, aufwendig im Anbau und kompliziert zu ernten. Wohl deshalb ließ der römische Kaiser Diokletian im Jahr 304 den Preis per Erlass regeln. Spargel sollte auch für das normale Bürgertum erschwinglich werden. Doch im Mittelalter verschwand das Edelgemüse, erst der Adel entdeckte es im 19. Jahrhundert wieder.

Was aber hat es mit der heutigen Begeisterung auf sich, dem „Spargelhype“, wie Kofahl ihn nennt? Da kommt einiges zusammen, erklärt er: Der Trend hin zu saisonalen Produkten, der zum Zeitgeist passt. Die Tatsache, dass man so lange verzichtet hat und sich jetzt wieder etwas gönnen will. Die damit einhergehenden Frühlingsgefühle und die aphrodisierende Wirkung, die den Stangen nachgesagt wird.

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25.04.2019

Ich frage einfach mal nach wo das Problem bei den Redakteuren liegt? Spargeltourett ?

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