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Soziales

18.04.2017

Ein Lehrer im Rollstuhl

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Stefan Haupt hatte große Ziele. Im Jahr 2013 erlitt er einen schweren Zusammenbruch. Jetzt kämpft er sich in Bad Wörishofen zurück ins Leben

Sein Rücken machte Stefan Haupt immer wieder Kummer. Ernsthafte Sorgen hat sich der Augsburger Student aber nie gemacht. Warum auch? Er war jung und das Leben meinte es gut mit ihm. Stefan hatte ein klares Ziel. Er wollte Berufsschullehrer werden. Es war sein Traumberuf und ist es heute mehr denn je. Stefan stand kurz vor dem Ende seines Studiums. In vier Wochen sollte er seine Abschlussarbeit abgeben. Dann kam jener dramatische Tag im Jahr 2013, der alles veränderte.

Mit 27 Jahren erlitt Stefan Haupt einen Zusammenbruch. Von den Zehenspitzen bis zur Brust fühlte er nichts mehr. Der halbe Körper war gelähmt. Im Klinikum Augsburg unterzogen die Ärzte den Studenten einer Not-Operation, die vier Stunden dauerte. Eine zweite OP schloss sich an. Fast neun Stunden dauerte dieser Eingriff.

Stefan Haupt hatte einen mehrfachen Bandscheibenvorfall erlitten. Alle ärztliche Kunst vermochte ihn nicht zu heilen. Er ist seither auf den Rollstuhl angewiesen. Plötzlich stand alles infrage. „Es ist mir anfangs sehr schwergefallen, das zu akzeptieren“, sagt er heute in gefasstem Ton. Alles schien sinnlos geworden. Psychologen haben ihm den Weg zurück ins Leben aufgezeigt. Ihm wurde klar: Jetzt erst recht. Ich will Lehrer werden.

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Seine Abschlussarbeit hat Stefan Monate später im Liegen in der Reha geschrieben. Alle Prüfungen hat er gut gemeistert. Sein Wille und sein Lebensmut waren zurück.

Seit ein paar Wochen lernt Stefan Haupt an der Berufsschule in Bad Wörishofen, wie Unterrichten vor einer Klasse geht. Er ist einer von sechs Referendaren, die an dieser Seminarschule im Februar angefangen haben. 600 Schüler bereiten sich in Bad Wörishofen auf Berufe in Gastronomie und Tourismus vor. Die Schule ist eine Außenstelle von Mindelheim.

Stefan Haupt hat die Fachrichtung Ernährung gewählt. Dafür gibt es in Bayern nur vier Seminarschulen. Die Kneippstadt lag näher als München, Bamberg oder Erding.

Jeden Tag um 6.15 Uhr wird er daheim abgeholt. Meist nach 16 Uhr geht es wieder zurück nach Augsburg. Selber fahren kann Stefan Haupt nicht. Er ist auf einen Fahrer angewiesen. Die Anreise mit der Bahn wäre viel zu beschwerlich. Mehrmals müsste er umsteigen. Das Integrationsamt hat einer Betreuung für den zu 100 Prozent Schwerbehinderten zugestimmt. Drei Helfer wechseln sich ab. Sie kommen vom Pflege- und Assistenzdienst „Passt“ aus Königsbrunn, der am Fritz-Felsenstein-Haus für Körperbehinderte angegliedert ist.

Amanda Spremann ist eine dieser guten Geister. Sie ist nicht nur Fahrerin. Sie begleitet Stefan Haupt auch in den Unterricht, macht Türen auf, bedient die Tafel und trägt die Tasche. Die Schule selbst ist vollständig behindertengerecht umgebaut. Auch ein Aufzug ist vorhanden. Haupt wird genauso gefordert wie jeder andere Junglehrer. Ihn schlaucht das besonders. Die Schule hat ihm deshalb ein kleines Rückzugszimmer geschaffen, in dem er sich auch mal hinlegen kann.

Die Schüler waren am Anfang etwas schüchtern, erzählt Haupt, weil sie nicht wussten, wie sie auf den Rollstuhlfahrer zugehen sollen. Ungewohnt war auch, dass da plötzlich noch eine Begleitperson in der Klasse saß. Das hat sich längst gelegt. Er schwärmt von der großen Rücksicht, die die jungen Leute auf ihn nehmen.

Für seine Fahrten ist er auf einen Mittelklassewagen angewiesen. Der Gesetzgeber genehmigt nur maximal 9500 Euro für die Anschaffung eines solchen Autos. Deshalb sprang die Kartei der Not ein, das Leserhilfswerk unserer Zeitung. Nur so war es möglich, dass Stefan Haupt sein Referendariat antreten konnte und jetzt der einzige angehende Berufsschullehrer in Bayern überhaupt ist mit einer so schweren Behinderung.

Schulleiter Gerhard Weiß sagt, seine Schule sei Mitte Februar zur Seminarschule aufgewertet worden. Dass unter den ersten sechs Aspiranten jemand mit einer schweren Behinderung war, sei anfangs eine große Herausforderung gewesen. Stefan Haupt erfährt aber keine Sonderbehandlung. Das will er auch gar nicht. Er hängt sich rein, wie Seminarlehrerin Jutta Horstmann betont. Für ihn ist Arbeit ein Geschenk des Himmels.

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