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Schicksal

01.01.2020

Er hat es selbst durchlebt - nun kämpft ein FDP-Politiker für künstliche Befruchtung

Eine glückliche Familie, endlich: der FDP-Fraktionsvorsitzende Martin Hagen mit seiner Frau Anisha und den Töchtern Lina und Nora.
Bild: Martin Hagen

Plus Bayern will künstliche Befruchtung fördern – dank der FDP. Denn Martin Hagen, deren Chef im Landtag, weiß nur zu gut, worum es geht. Und spricht sehr offen über seine Erfahrungen.

Irgendwann haben sich Martin Hagen und seine Ehefrau Anisha einen Hund angeschafft. "Das war schon irgendwie ein Kinder-Ersatz", erzählt der FDP-Fraktionschef im Bayerischen Landtag. Neun Mal in gut dreieinhalb Jahren hatte das Paar zu diesem Zeitpunkt bereits versucht, mit medizinischer Hilfe Nachwuchs zu bekommen. Neun Mal ohne Erfolg.

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"Wahnsinnig belastend" sei diese Zeit für die Ehepartner gewesen, berichtet Hagen. Immer wiederkehrende Zyklen von Hoffen, Bangen und Scheitern. Dazu der Tiefschlag einer Fehlgeburt. "Es ist das Thema, das alles dominiert." Die Gedanken. Den Jahresrhythmus. Die Beziehung. "Es schlägt unglaublich aufs Gemüt", erinnert sich der 38-Jährige. Als der Hund da war, nahm das Paar noch einen Anlauf – den zehnten. Diesmal mit Erfolg. "Ich bin überzeugt, dass uns der Hund ein Stück weit den Druck genommen hat", erzählt Hagen. Heute ist Tochter Lina drei Jahre alt und hat inzwischen sogar eine Schwester, die einjährige Nora.

Künstliche Befruchtung: Martin Hagen will ein Tabu brechen

Hagen berichtet bewusst sehr offen über diese schwere Zeit, weil er ein Tabu brechen will. Nach seriösen Schätzungen sind bis zu sechs Millionen Menschen in Deutschland ungewollt kinderlos. Jedes zehnte Paar kann nicht auf natürlichem Weg Kinder bekommen. Trotz dieser großen Zahl sei ungewollte Kinderlosigkeit jedoch "noch eines der Tabuthemen in unserer Gesellschaft", findet auch der CSU-Sozialpolitiker Bernhard Seidenath: "Hierüber spricht man nicht." Oft nicht einmal mit guten Freunden oder in der Familie.

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"Das Tabu zu brechen, ist für viele betroffene Paare eine große Erleichterung", hat FDP-Mann Hagen festgestellt: Die Erkenntnis, mit dem Problem nicht alleine zu sein, nehme oft bereits viel Druck von den Paaren. Zumal den Betroffenen heutzutage aufgrund des medizinischen Fortschritts durchaus Möglichkeiten zur Verfügung stehen, sich ihren Kinderwunsch doch noch zu erfüllen.

Hauptproblem dabei: die hohen Behandlungskosten. Eine In-vitro-Fertilisation kostet rund 3000 Euro – pro Versuch. Andere Möglichkeiten sind sogar noch teurer. Im Schnitt sind bis zur erfolgreichen Schwangerschaft drei bis vier Versuche nötig. Seine Frau und er haben bis zum Kinderglück "den Gegenwert eines Mittelklasse-Autos investiert", erzählt Hagen. Eine Summe, die sich längst nicht jedes junge Paar leisten kann.

Und der Punkt, an dem aus Martin Hagen wieder der Landespolitiker wird: Die mit einer künstlichen Befruchtung verbundene psychische und emotionale Belastung könne der Staat zwar nicht nehmen, argumentiert er. Die damit verbundenen Kosten reduzieren dagegen schon: "Ein Kinderwunsch darf nicht länger am Geldbeutel scheitern", fordert der FDP-Mann.

Seit 2012 fördert der Bund künstliche Befruchtung

Dazu muss man wissen, dass 2004 eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen gestrichen wurde. Seitdem ist die Zahl der In-vitro-Schwangerschaften in Deutschland von etwa 17.000 auf rund 8000 gesunken. Auf Bayern umgerechnet bedeutet dies eine Zahl von rund tausend Kindern im Jahr, die aus Kostengründen nicht geboren werden.

Seit 2012 fördert der Bund zwar künstliche Befruchtungen – allerdings nur, wenn sich die Länder an den regionalen Kosten beteiligen. In Bayern scheiterten jahrelang entsprechende Vorstöße der Opposition, aber auch von CSU-Sozialpolitikern – bis nun endlich kurz vor Weihnachten ein maßgeblich vom FDP-Politiker Hagen vorangetriebener Antrag auf Förderung künstlicher Befruchtungen auch in Bayern von allen Parteien im Landtag in seltener Einmütigkeit einstimmig angenommen wurde.

Offenbar habe es erst die kleine FDP gebraucht, bis sich hier etwas bewegen konnte, stichelt Hagen. Rund 5,8 Millionen Euro sollen nun ab 2020 im Jahr bereitgestellt werden. Bevor betroffene Paare davon profitieren können, muss allerdings erst noch ein eigenes Fördergesetz her: "Wir werden uns schnellstmöglich überlegen, wer die Förderung erhält und wie diese ausgestaltet wird", versprach Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer (CSU) im Landtag.

Wenn alles glatt läuft, könnte auch diese letzte Hürde bis zum Frühsommer beseitigt sein. FDP-Mann Hagen würde allerdings gerne auch auf Bundesebene weitere Verbesserungen durchsetzen. So ist etwa eine Eizellen-Spende in Deutschland bislang illegal – anders, als in vielen anderen Ländern der EU. Viele deutsche Paare müssten deshalb nach Spanien oder Osteuropa ausweichen, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, kritisiert Hagen: "In Deutschland können leider viele medizinische Chancen aufgrund der geltenden Gesetze nicht genutzt werden."

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02.01.2020

Eigentlich sollten alle Alamglocken aufläuten, wenn ZEHN Prozent der Paare zeugungsunfähig sind. Die CO2- Problematik ist lächerlich im Vergleich zur zunehmenden chemischen und atomaren Kontamination unserer Biosphäre.

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