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Corona

21.12.2020

Experte: "Weihnachtsfest ist ein massiver Verbreitungsort von Infektionen"

Thorsten Lehr hat ein Programm zur COVID-19-Modellierung und zur Vorhersage entwickelt.
Bild: Iris Maria Maurer

Plus Thorsten Lehr ist Experte für Infektionswege. Mit seinem Team hat er einen Covid-Simulator entwickelt. Was dieser für Bayern vorhersagt.

Herr Professor Lehr, Sie haben mit Ihrem Team an der Universität des Saarlandes einen Covid-Simulator entwickelt, der Daten aus den verschiedensten Bereichen und Quellen wie dem Robert-Koch-Institut, den Krankenhäusern, aber auch den Landkreisen verarbeitet und bewertet. Was sagt er für Bayern für die nächsten Wochen voraus? Steigt die Kurve?

Professor Thorsten Lehr: Die Entwicklung in Bayern hängt sehr stark davon ab, wie der verschärfte Lockdown von der Bevölkerung umgesetzt wird. Wir erwarten, dass nach Start des verschärften Lockdowns die 7-Tagesinzidenz in Bayern wie auch in allen anderen Bundesländern noch fünf bis sieben Tage weiter ansteigen wird und nach Erreichen des Scheitelpunktes langsam sinkt.

Muss der Corona-Lockdown bis Ende Januar verlängert werden?

Bis zum 10. Januar ist jetzt erst einmal alles geschlossen, reicht Ihren Berechnungen nach der harte Lockdown bis dahin oder muss verlängert werden?

Lehr: Wir erwarten schon, dass dieser harte Lockdown nun einen Effekt hat. Das können wir auch aufgrund von Vergleichen mit anderen Ländern sagen. Die Frage aber wird hier sein, welcher Inzidenzwert angestrebt wird. Auch ist die Lage von Bundesland zu Bundesland verschieden. Für das gesamte Bundesgebiet haben wir errechnet, dass wir den Wert von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen am 20. oder 21. Januar erreichen.

Und in Bayern?

Lehr: Da ist es ähnlich. Lassen Sie mich aber betonen: Einen Inzidenzwert von 50 erreichen wir in der dritte Januarwoche nur, wenn es gut läuft und wenn das Weihnachtsfest die Infektionszahlen nicht nach oben treibt. Die Lockerungen an Weihnachten könnten nämlich zur Folge haben, wie wir berechnet haben, dass ein Inzidenzwert von 50 erst am 1./2. Februar erreicht wird. Schließlich gilt ja generell, was an Regeln beschlossen wird, ist das eine, was aber auch wirklich von den Menschen umgesetzt wird, das andere.

Je intensiver Weihnachten gefeiert wird, desto stärker steigt Zahl der Toten

Sie haben also Zweifel an der Disziplin der Menschen?

Lehr: Das sagt uns die Erfahrung. Der erste Lockdown wirkte sich beispielsweise ganz anders aus als der Lockdown light jetzt. Das hat man doch schon in den Städten gesehen: Trotz Lockdown light war vielerorts business al usual angesagt. Und mit Blick auf das Weihnachtsfest kann ich nur eindringlich warnen. Aus den Erfahrungen mit den Grippeviren wissen wir: Das Weihnachtsfest ist ein ganz massiver Verbreitungsort, an dem viele Infektionen stattfinden. Und auch mit Blick in die USA, wo das Thanksgivingfest einen ähnlichen Stellenwert genießt wie bei uns das Weihnachtsfest, haben wir gesehen, dass dieses Fest die Zahl der Infektionen massiv nach oben klettern ließ. Das ist ja auch nachvollziehbar, wenn man sich das Fest so vorstellt. Auch, wenn die WHO zu Masken an Weihnachten geraten hat, kann ich mir das Bild einfach noch nicht vorstellen, dass Familien mit Maske um den Weihnachtsbaum sitzen und schön Abstand zueinander halten – obwohl es natürlich ratsam wäre. Man darf nie vergessen: Je intensiver Weihnachten gefeiert wird, desto stärker steigt die Zahl der Toten

Sie rechnen mit 30.000 Corona-Toten Ende dieses Jahres.

Lehr: Davon sind wir schon nicht mehr weit entfernt. Wir können jetzt nur noch wesentlich Schlimmeres verhindern. Und das funktioniert nur mit einem harten Lockdown und einem verstärkten Schutz besonders gefährdeter Menschen.

Vor allem in den Altenheimen wütet das Virus und fordert viele Todesopfer. Sterben in Bayern mehr Menschen in Altenheimen als in anderen Bundesländern?

Lehr: Die Frage lässt sich nach meinem Kenntnisstand nicht eindeutig beantworten, da solche Zahlen nicht in öffentlichen Datenbanken verfügbar sind und von den einzelnen Landesregierungen oft gehütet werden, wie Gollum seinen Schatz bewacht. Aufgrund der sehr hohen Inzidenz in der Gesamtbevölkerung ist eine Übertragung in Altersheime aber sehr viel wahrscheinlicher als zu Zeiten niedriger Inzidenz. Generell steigt die Inzidenz in der Altersgruppe der über 80-Jährigen seit September permanent an und ist zurzeit mindestens doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Hier muss daher dringend gehandelt werden, um diese Gruppe zu schützen.

In Altenheimen kommt es zu ganz starken Kettenreaktionen

Sie analysieren auch die Infektionswege. Warum sind Altersheime solche Brennpunkte?

Lehr: Das Virus wird in der Regel von außen zu den Bewohnern getragen und dort hat man ganz starke Kettenreaktionen, die kaum noch zu stoppen sind. Das liegt zum einen natürlich daran, dass im Altenheim viele Hochbetagte leben, die etliche Vorerkrankungen haben und damit zur Hochrisikogruppe zählen. Aber auch, wenn man die Erkrankungen heraus rechnet, birgt allein das Alter bei Covid-19 einen extrem hohen Risikofaktor. Warum das so ist, weiß man noch nicht. Aber offenbar kommt mit steigendem Alter das Immunsystem gerade mit diesem neuen Virus schlecht zurecht.

Gerade Altenheime sind gefährdet. Ein Experte für Infektionen rät gerade dort zu Schnelltests.
Bild: Sebastian Gollnow (Symbol)

Was raten Sie in Altenheimen?

Lehr: Ich sehe vor allem im Einsatz von Schnelltests einen Effekt. Schnelltests sind nicht immer die beste Lösung, aber gerade in Altenheimen helfen sie doch, Überträger herauszufiltern und daher gilt es hier bei den Tests meines Erachtens kräftig aufzurüsten. Dass es Unterschiede bei dem Infektionsgeschehen in Heimen gibt, haben Vergleiche bereits gezeigt: Heime, in denen sehr viel getestet wurde und wird, stehen besser da. Denn das Gefährliche am Corona-Virus ist ja, dass Menschen es übertragen, die sich gesund fühlen und keine Symptome zeigen. Problematisch ist in Altenheimen aber sicher auch, dass man in der Pflege und im Umgang mit den alten, oft kranken Menschen einfach nicht immer all die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten kann, die eine Infektion verhindern.

Bayern steht bundesweit mit an der Spitze, was die Zahl der Infizierten und die Zahl der Toten angeht. Warum ist der Süden so viel stärker betroffen?

Lehr: Hier bleibt leider vieles noch im Spekulativen. Was man aber bei der Analyse der zweiten Welle bereits sieht, ist, dass es jetzt vor allem dicht besiedelte Gegenden besonders hart getroffen hat. Großstädte also zum Beispiel bildeten im September den Beginn und erst danach war auch die Fläche betroffen. Was wir allerdings auch beobachten konnten: Viele Infektionen wanderten aus dem Süden und den Nachbarländern, also beispielsweise aus Frankreich oder Spanien, wieder zu uns. Da spielen die Reiserückkehrer sicher eine Rolle. Aber in der zweiten Welle wurde beispielsweise auch der Grenzverkehr nicht geschlossen.

Sind im Süden die Menschen einfach geselliger?

Hat es auch mit den Charakteren der Menschen zu tun, sind die Menschen im Süden der Republik geselliger?

Lehr: Wie gesagt: Vieles ist hier spekulativ. Aber klar, in Bayern gibt es das Oktoberfest, die Menschen gehen vielleicht im Süden wirklich stärker aufeinander zu, haben mehr Sozialkontakte als die im Norden. Da könnte schon etwas dran sein.

Aber es sind auch Gegenden betroffen, die lange besser dastanden.

Lehr: Hier ist meine Erklärung, dass sich Menschen ganz oft in einer falschen Sicherheit wiegen, nur, weil das Infektionsgeschehen bei ihnen noch nicht so stark ausgeprägt ist. Das Problem ist, dass der Mensch sich das so genannte exponentielle Wachstum, dieses Hochschießen der Zahlen, einfach nicht vorstellen kann. Wir können gut linear denken, aber nicht exponentiell. Dabei haben unsere Berechnungen gezeigt: Wird das Infektionsgeschehen erst einmal wahrgenommen, ist es eigentlich schon zu spät, man kann das Infektionsgeschehen dann nicht mehr stoppen. Ich verweise hier immer als Vergleich auf das Wachsen eines Tumors: Keiner würde sagen, wenn auch nur eine Zelle befallen ist, dass man jetzt erst einmal abwarten könne. Nur beim Infektionsgeschehen von Corona sehen das offenbar viele gelassener.

Reicht es aus Ihrer Sicht überhaupt, dass wir einen Inzidenzwert von 50 erreichen, das ist ja auch noch hoch oder?

Lehr: Da haben Sie Recht. 50 ist jetzt das neue 35 (lacht). Nein, Spaß beiseite. Auch ein Inzidenzwert von 50 ist noch zu hoch. Bis vor kurzem schien schon bei einem Wert von 20 das System außer Kontrolle zu geraten. Wir müssen also diesen Wert ganz massiv drücken, um die Infektionsfälle wieder nachverfolgen zu können, was momentan ja überhaupt nicht mehr möglich ist. Das Infektionsgeschehen ist jetzt völlig außer Kontrolle geraten. Auch Altenheimbewohner kann man am besten schützen, wenn man die Infektionswege wieder nachvollziehen kann. Dahin müssen wir kommen. Was ich und andere Experten schon lange fordern, ist aber vor allem eine langfristige Strategie. Eine, die uns vorgibt, wie es weiter geht, wenn wir einen Inzidenzwert von 50 oder besser einen von 20 erreicht haben. Dann ist ja noch nicht alles gut. Doch von so einem Konzept hört man leider gar nichts.

Düstere Aussichten für Skifahrer

Was wäre denn wichtig?

Lehr: Das ist schwierig. Unser größtes Problem ist, dass wir nicht wissen, wo die Infektionen her kommen. Bei über 70 Prozent der Fälle ist das nicht bekannt. Wir wissen immer noch nicht, welche Rolle die Schulen spielen. Welche Rolle der Öffentliche Personennahverkehr spielt. Wie hoch ist das Übertragungsrisiko im Büro? Wir wissen, dass viele Infektionen aus Treffen im privaten Umfeld kommen, aber dann reißt es auch schon ab. Und gerade, weil wir so viel hier noch nicht wissen, wäre es auch völlig falsch, schnell alles wieder zu öffnen.

Skifahren ist nach Einschätzung des Experten für Infektionen heuer noch keine gute Idee.
Bild: Bernhard Weizenegger (Symbol)

Düstere Aussichten also für Skifahrer und Restaurantliebhaber?

Lehr: Also gerade beim Skifahren haben wir im Februar, März doch schon gesehen, dass hier alle Rahmenbedingungen gegeben sind, damit die Infektionen steigen. Man darf nicht vergessen, dass auch die Witterung eine Rolle spielt: So lange vieles drinnen stattfindet, ist die Übertragungsgefahr größer. Und auch bei den von Ihnen angesprochenen Restaurants wissen wir, dass dort Infektionen stattfinden. Aber gerade hier wäre eben eine langfristige Strategie wichtig, damit Restaurants vielleicht wieder aufmachen können, aber mit einer stark verringerten Gästezahl.

Aber die Impfung ist ja nun ein Licht am Ende des Tunnels oder?

Lehr: Ja, natürlich. Da darf man sich aber auch nichts vormachen, eine Entspannung vor Weihnachten nächsten Jahres werden wir nicht erreichen. Die große Entspannung kommt meiner Meinung nach erst, wenn wir Massenimpfungen durchführen können. Bis das aber möglich ist, wird es, wenn es so weiter geht, noch lange dauern.

Info: Die Adresse des Covid-Simulators heißt: www.covid-simulator.de

Zur Person: Thorsten Lehr, 43, Professor für Klinische Pharmazie an der Uni des Saarlandes betreibt federführend den "Covid-19-Simulator".

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