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Kriminalität

19.05.2018

Im Kampf gegen den Extremismus

Mit dem Projekt „ReStart“ begegnet das bayerische Justizministerium dem Problem, dass sich immer mehr junge Häftlinge islamistisch radikalisieren

Ein liberaler Moslem trinkt während des Fastenmonats Ramadan tagsüber ein Glas Wasser. Der streng gläubige Moslem neben ihm fragt fassungslos: „Du trinkst vor mir, während ich faste?“ Die beiden geraten in Streit. Ein Imam, ein muslimischer Vorbeter beziehungsweise Vorsteher, kommt dazu und droht dem Fastenbrecher mit der Hölle. Er schlägt ihm vor: „Lass uns zusammen fasten. Ich bin immer für dich da!“ Der junge Mann ist ratlos. Wird er sich von dem Extremisten beeinflussen lassen?

Mit Rollenspielen wie diesen versucht das bayerische Justizministerium, gemeinsam mit der Mansour-Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention, der zunehmenden islamistischen Radikalisierung in Gefängnissen entgegenzuwirken. Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU) hat das 2017 begonnene Projekt „ReStart – Freiheit beginnt im Kopf“ am Freitag an der Justizvollzugsanstalt (JVA) Neuburg-Herrenwörth (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen) erstmals vorgestellt. Die Zahlen, die er bei seinem Besuch nannte, sind alarmierend: 180 Gefangene stehen demnach derzeit wegen extremistischer Bezüge unter besonderer Beobachtung. Das seien 1,5 Prozent aller Häftlinge in bayerischen JVA. Von diesen 180 Gefangenen gehören sieben dem Links- und 91 dem Rechtsextremismus an. 82 Inhaftierte sind durch Kontakte zur islamistisch-salafistischen Szene aufgefallen. Ein Drittel dieser 82 sind sogenannte Verdachtsfälle, der Rest ist nach Angaben des Justizministeriums klar dem islamistischen oder sogar terroristischen Lager zuzuordnen.

Während allerdings Links- und Rechtsextremismus schon länger bekannte Probleme sind, sei die islamistische Radikalisierung noch relativ neu. „Der Islam ist in“, verdeutlichte Ernst Meier-Lämmermann, Anstaltsleiter in Herrenwörth, die Entwicklung. Der Islam werde regelrecht „gehyped“. 45 Prozent der 165 Insassen in Herrenwörth fühlten sich dem Islam zugehörig.

Der Justizminister geht davon aus, dass die islamistische Radikalisierung in Gefängnissen noch schlimmer wird. Die steigende Zahl an Terrorverfahren, die zunehmende Rückkehr von Islamisten aus Kampfgebieten und die Flüchtlingsbewegung führten dazu, dass radikalisierte und extremistische Personen in Zukunft vermehrt inhaftiert werden, erläuterte Bausback.

In der JVA Neuburg-Herrenwörth sind ausschließlich männliche Heranwachsende, momentan im Alter zwischen 15 und 22, untergebracht. Eine Lebensphase, in der Menschen generell – und Häftlinge im Speziellen – besonders nach Orientierung, Halt und Struktur im Alltag suchten, erklärte Islamismus-Experte Ahmad Mansour. Und deshalb auch besonders anfällig seien für Extremisten, die ihnen genau das anbieten. Diese Radikalen würden sich zunächst das Vertrauen der Inhaftierten erschleichen und ihnen dann ihr ideologisches Gedankengut vermitteln. Mansour betonte: „Wir müssen schneller und besser sein als die Salafisten!“ Denn einen bereits Radikalisierten wieder von seinen Überzeugungen abzubringen, sei wesentlich schwieriger, als präventiv dagegen vorzugehen.

In den „ReStart“-Workshops geht es zum Beispiel um Geschlechterrollen, patriarchalische Strukturen, die eigene Identität und das Aufbrechen bestimmter Denkmuster, die den Nährboden für Extremismus bilden. Die Teilnehmer werden nach Auffälligkeit, teils aber auch beliebig ausgewählt. Darunter sind nicht nur Muslime, sondern auch Christen und Konfessionslose, die gefährdet sein könnten, manipuliert zu werden.

26 Workshops hat Mansour mit seinem Team – alle haben einen muslimischen Hintergrund – schon an bayerischen Justizvollzugsanstalten durchgeführt. Dabei haben sie ungefähr 400 Häftlinge erreicht. Zur Förderung ihrer interkulturellen Kompetenzen wurden mehr als 300 Bedienstete in 13 Fortbildungen geschult. Neuburg war die erste JVA, Laufen-Lebenau, Eberach und München folgten. Als nächstes ist Niederschönenfeld an der Reihe. Rund 700000 Euro hat das bayerische Justizministerium seit 2016 in muslimische Seelsorge und Islamismusbekämpfung investiert, „ReStart“ ist nur ein Baustein von vielen. Mansour glaubt, dass andere Bundesländer bald nachziehen werden.

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