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Ukrainische Soldaten kommen für Flugabwehr-Ausbildung nach Deutschland
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Interview
31.08.2017

Warum die Mafia auf Bayern steht

In Italien landen immer mehr Mafiabosse vor Gericht, doch in Deutschland wird die Gefahr von Ndrangheta & Co. nach wie vor verdrängt.
Foto: Allessandro di Meo, dpa (Symbolbild)

Die italienische Mafia ist in Deutschland aktiv wie nie zuvor. Die Expertin Petra Reski erklärt, wie die Macht der Mafia wächst und wie ihre Gefahr noch immer unterschätzt wird.

Frau Reski, mit Ihren Büchern gelten Sie mit als eine der bekanntesten deutschen Mafiaexperten. In Bayern fliegen immer wieder Mitglieder der italienischen Mafia auf. Das Allgäu hatte in den neunziger Jahren gar den Ruf als Rückzugsraum, als dort der Auftragskiller Giorgio Basile verhaftet wurde. Was macht Bayern für die italienische Mafia so attraktiv?

Petra Reski: Angehörige der Mafia kamen immer im Gefolge anderer Landsleute ins Land, die nichts mit der Mafia zu tun hatten. So warben etwa einst im Allgäu Fabriken der Textilindustrie gezielt Gastarbeiter aus Sizilien an. Daraus entwickelte sich ein Anknüpfungspunkt für die Mafia, auch weil die Nähe zur Grenze wichtig war. Wenn sich so eine Region einmal etabliert hat, gibt ihn die Mafia nicht so schnell wieder auf. Dazu kommt der hohe Wohlstand, der Deutschland insgesamt heute attraktiver denn je für die italienische Mafia macht.

Die italienische Antimafia- und Antiterrorbehörde hat Deutschland jüngst als „Gewerbegebiet“ für die besonders mächtige Mafiaorganisation Ndrangheta bezeichnet. Woran liegt das?

Reski: Vor allem liegt das an der deutschen Gesetzeslage, die Geldwäsche einfach macht. Die italienischen Mafia-Bekämpfer kritisieren die deutschen Gesetze sogar als „Einladungsschreiben an die Mafia“. In Italien gilt eine Beweislastumkehr. Dabei müssen Investoren nachweisen, dass ihr Geld aus sauberen Quellen stammt. In Deutschland muss dagegen die Polizei beweisen, dass es sich um Schwarzgeld handelt, was ungleich schwieriger ist und, anders als in Italien, selbst bei Verdacht auf Mafia-Zugehörigkeit nicht beschlagnahmt wird. Deshalb kann die Ndrangheta in Deutschland leichter und risikoloser Geld waschen als in Italien. Auch die gute Wirtschaftslage in Deutschland lockt die Mafia an.

Wie profitiert die Mafia von der guten Wirtschaftslage?

Reski: Durch die Wirtschaftskrise gibt es in Italien weniger große öffentliche Aufträge. Das ist aber der Bereich, auf den es Organisationen wie die Ndrangheta mit ihrer Baumafia abgesehen hat, für Geldwäsche im großen Stil. In Deutschland hingegen boomen Bauprojekte.

Die Mafia tritt in Deutschland im biederen Gewand des Investors auf?

Reski: Genau. Und zwar im riesengroßen Stil: In Ostdeutschland hat die Ndrangheta halbe Innenstädte aufgekauft. Die Deutschen haben ein falsches Bild von der Mafia. Und die Mafia profitiert davon. Die Mafia wird dabei als eine Art Folklore-Verein dargestellt, der allenfalls für Italiener gefährlich ist und die bizarren blutrünstigen Riten werden von außen mit wohligem Gruseln verfolgt. Dieses Klischee ist aber ein fataler Irrtum: Die italienische Mafia bedroht auch die deutsche Gesellschaft, die Wirtschaft und die Demokratie in Deutschland.

Die Autorin und Journalistin Petra Reski ist Expertin für die Machenschaften der Mafia in Deutschland.
Foto: imago/Sven Simon

Wie sieht diese Bedrohung aus?

Reski: Ich fürchte, viele Politiker halten diese Investoren für harmlos. Aber die Mafia bedroht nicht nur die anständigen Unternehmen mit ihren Arbeitsplätzen, die bei Ausschreibungen mit Methoden der Baumafia nicht mithalten können. Wenn sich die Mafia Politiker gefügig macht oder Einfluss gewinnt, wird auch in Deutschland die Demokratie ausgehöhlt. Die Mafia ist kein Fremdkörper, sondern ein Bestandteil jeder Gesellschaft, in der sie sich bewegt. Die Methoden mit Freundschaften, Beziehungspflege in Politik und Wirtschaft funktionieren genau wie in Italien. In Ostdeutschland wurde die Mafia auch durch enge Beziehungen zu ehemaligen Stasi-Angehörigen stark.

Ist der Kampf gegen die Mafia zu lax?

Reski: Das ist natürlich ein Kampf gegen Windmühlen. In Italien haben wir aber die besten Anti-Mafia-Gesetze der Welt. Die vielen Opfer, die Morde an Staatsanwälten und Polizisten haben zu viel mehr Sensibilität und Engagement gegen die Mafia geführt. Ich würde mir wünschen, dass es eine solche Sensibilität auch in den Medien und der Politik in Deutschland gäbe, wo das Mafia-Problem meist verdrängt und totgeschwiegen wird. In Europa haben wir das Problem überall.

Wie wichtig sind für die Mafia kriminelle Felder wie der Drogenhandel?

Reski: Der Drogenhandel ist immer noch eine Stütze der Mafia, aber lange nicht mehr der wesentliche Pfeiler. Der Drogenhandel ist mit großen Risiken verbunden. Bei Wirtschaftsdelikten, etwa bei Korruption und Betrug in der Baumafia, sind die Strafen und das Entdeckungsrisiko sehr viel geringer. Wie ich das in meinem letzten Roman beschrieben habe, macht die Mafia zum Beispiel ein großes Geschäft mit der Flüchtlingskrise: Schon vor zehn Jahren haben Mafiabosse in Sizilien in großem Stil Kasernen und Lagerhäuser gekauft, die dann Aufnahmezentren wurden.

Sehr viele Italiener in Deutschland – insbesondere Gastronomen – leiden unter dem Image, mit der Mafia in Verbindung gebracht zu werden ...

Reski: Ja, das ist für die Italiener schrecklich, auch weil die Mafia italienische Werte wie Gastfreundschaft bis hin zur italienischen Küche für ihre Zwecke missbraucht. Pizzerien sind heute immer noch beliebte Stützpunkte der Mafia, aus dem banalen juristischen Grund, dass eine Pizzeria als öffentlicher Ort in Deutschland nicht abgehört werden darf. Und anständige Gastronomen werden noch immer oft erpresst. Die Schutzgelderpressungen mit Brandstiftungen sind zwar kein Thema mehr. Heute werden die Betreiber eher gezwungen, bei Lieferanten und Zulieferern zu bestellen, die der Mafia gehören.

Die Autorin Petra Reski lebt in Venedig. Ihre Anti-Mafia-Bücher „Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“ und „Von Kamen nach Corleone“ wurden Bestseller, als sie Verflechtungen der Ndrangheta in Deutschland aufdeckte. Die preisgekrönte 59-jährige Journalistin schrieb über die Mafia auch mehrere Krimis um ihre fiktive Anti-Mafia-Ermittlerin Serena Vitale, zuletzt „Bei aller Liebe“ (Hoffmann und Campe, 320 S., 20 Euro).

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