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Dillingen

16.12.2019

Jugendamtsleiter zum Tod des Dreijährigen: "So ein Fall kann überall passieren"

2018 ist die Zahl der Schutzmaßnahmen wegen Kindesmisshandlung in Deutschland um ein Viertel gestiegen.
Bild: Patrick Pleul, dpa

Plus In Dillingen stirbt ein kleiner Bub. Seine Familie wurde bereits vom Jugendamt betreut. Ist die tragische Geschichte ein Einzelfall oder liegt der Fehler im System?

Ein Fall wie der mysteriöse Tod eines Dreijährigen in Dillingen kann überall passieren: Diese traurige Erkenntnis muss man ziehen, wenn man in diesen Tagen mit den Leitern schwäbischer Jugendämter spricht. Der Junge, der offenbar aus einer verwahrlosten Familie stammte, starb Ende Oktober in einer Klinik an seinen lebensbedrohlichen Verletzungen. Das Dillinger Jugendamt hatte die Familie nicht auf dem Schirm, obwohl das Landratsamt schon Monate vorher Hinweise hatte, dass es bei den Eltern daheim nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Familie war vor ihrem Umzug nach Dillingen in Halle an der Saale schon vom Jugendamt betreut worden – allerdings wurde diese Information nie ans Dillinger Jugendamt übermittelt.

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Natürlich wird der Fall auch in anderen Jugendämtern in ganz Bayern diskutiert. Adelbert Singer, Leiter der Behörde in Donauwörth, nimmt seine Kollegen aus Halle in Schutz. Denn die Betreuung der Familie endete deren Angaben zufolge schon im Jahr 2017. „Um beim Umzug einer Familie einen Fall an das neue Jugendamt weiterzugeben, braucht man eine aktuelle Gefährdungssituation – anders ist eine Übergabe nach den gesetzlichen Regelungen gar nicht erlaubt.“ Man könne eine Familie nicht über viele Jahre, unter Umständen bis zur Volljährigkeit der Kinder kontrollieren, nur weil sie einmal vom Jugendamt betreut wurde. Singer nennt einen Vergleich aus der Justiz: „Bewährungsstrafen bei Straftaten verfallen auch nach der Bewährungsfrist. Wir können unsere betreuten Familien nicht ihr Leben lang unter Generalverdacht stellen.“

Wenn eine Familie umzieht, wird die Sache kompliziert

Bayernweit nahmen die Jugendämter im Jahr 2018 laut Landesamt für Statistik 2210 Mal Kinder und Jugendliche zu ihrer eigenen Sicherheit aus den Familien. Im Jahr zuvor waren es noch 2723 Fälle gewesen. Deutschlandweit zeigt sich trotz der Abnahme eine bedenkliche Entwicklung: Um ein Viertel angestiegen sind 2018 die Schutzmaßnahmen wegen Kindesmisshandlung.

Jugendamtsleiter zum Tod des Dreijährigen: "So ein Fall kann überall passieren"

Um diese aufzudecken, sind die Jugendämter vor allem auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. In manchen Fällen sind aufmerksame Beobachter besonders wichtig, erklärt Hannes Neumeier, Leiter des Jugendamtes im Landkreis Augsburg. Der Dreijährige in Dillingen etwa habe nie eine Kita besucht. „Ist eine Familie über keine Institution greifbar, entsteht ein Vakuum, das wir nicht kontrollieren können“ sagt er. Dann sei das Jugendamt „umso mehr auf Hinweise aus der Nachbarschaft angewiesen“. Neumeier betont aber, dass es zuletzt stetig Verbesserungen beim Kinderschutz gegeben habe. Das Bundeskinderschutzgesetz wurde besonders im Jahr 2006 nachgeschärft. Grund war ein Mord in Bremen, der als „der Fall Kevin“ in die Kriminalgeschichte einging. Der Zweijährige war damals von seinem drogensüchtigen Vater misshandelt, getötet und wochenlang im Kühlschrank versteckt worden. In all der Zeit war das Jugendamt für den Jungen zuständig gewesen, doch weder die Mitarbeiter noch andere mit der Familie befasste Behörden hatten den Fall richtig eingeschätzt. Seitdem ist die Kommunikationskette zwischen einzelnen Behörden genau geregelt.

Im Dillinger Landratsamt gab es eine Kommunikationspanne

Beim Tod des Dreijährigen in Dillingen hatte es innerhalb des Landratsamtes eine Kommunikationspanne gegeben. Im Juli hatte sich eine Anwohnerin beim Veterinäramt beschwert, sie höre immer wieder die Hunde der Familie bellen, ohne die Tiere je draußen zu sehen. Die Frau erwähnte explizit, dass im selben Haus auch Kinder eingesperrt seien. Die Behördenmitarbeiterin bat die Nachbarin, auch das Jugendamt zu informieren – was diese aber nie tat. Auch die Beamtin gab die Information nicht weiter.

Um solche Pannen gar nicht erst entstehen zu lassen, wurde bundesweit das Sicherheitssystem „Frühe Hilfen“ ausgebaut – auch in Dillingen. Schon in Geburtskliniken sprechen Sozialpädagoginnen jede Frau an und erklären, dass sie sich beim Jugendamt Hilfe holen kann, wenn es einmal nötig wird. Jugendämter stellen Familienhebammen ein, die Mütter in den ersten Monaten begleiten, wenn sie mit ihrem Kind offensichtlich nicht zurechtkommen. Es gibt Aufklärungsveranstaltungen an Schulen und mehrere Familienstützpunkte in jedem Landkreis.

Jugendamtsleiter aus dem Ries: „Ein Restrisiko bleibt“

Und doch: Ganz sicher wird das System wohl nie sein. Gerade Fälle, in denen eine Familie in der Vergangenheit betreut wurde, am Ende aber wieder auf dem richtigen Weg schien, könnten „einen immer wieder einholen“, sagt der Donau-Rieser Jugendamtsleiter Singer – und sagt es eben ganz ausdrücklich: „Ein Fall wie in Dillingen kann überall passieren. Ein Restrisiko bleibt.“ Um das zu minimieren, fordert sein Kollege aus dem Kreis Augsburg weitere Verbesserungen: „Ganz wichtig ist eine gute Verbindung zum medizinischen System. Ärzte müssen gut darin geschult sein, Misshandlungen bei Kindern zu erkennen. Das bayerische Gesundheitsministerium bietet dazu in einem Pilotversuch Online-Schulungen an. Aber dieses Wissen muss auch Teil der Ausbildung der Ärzte werden.“

Und er wünscht sich ein Umdenken bei den Leuten: „Die Gesellschaft sollte sich bewusst sein, dass es kein Makel ist, sich Hilfe beim Jugendamt zu holen. 90 Prozent der Eltern sind froh, wenn wir auf sie zukommen.“

Lesen Sie dazu auch: Landrat zum Tod des Buben: "Solche Dinge können immer passieren" (Plus+)

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21.12.2019

Wenn die Familie in Halle geblieben wäre, hätte das Jugendamt sich um das Kind gekümmert. Nach einem Umzug kümmert sich das örtliche Jugendamt nicht um das Kind. Das ist doch nicht nachzuvollziehen? Dieser strukturelle Fehler ist abzustellen.

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16.12.2019

Sicher ist in diesem Fall einiges schief gelaufen. Keine Weitergabe an das Jugendamt seiten der Behörde nach dem Hinweis auf Hunde und Kinder, keine Meldung seitens der Anruferin obwohl sie gebeten wurde, dies dem Jugendamt zu melden und auch seitens des Jugendamts von Halle.

Soweit die unglücklichen Verwicklungen. Was aber am meisten als Aufreger dient, ist immer der Hinweis auf Datenschutz usw.

Sicher kann man eine Familie nicht unter Generalverdacht stellen, wenn diese einmal auffällig geworden ist. Aber was macht es aus, wenn das nun zuständige Jugendamt informiert wird und sich mal zumindest vorstellt als zuständige Behörde. Vielleicht hilft dann schon die Tatsache, dass die Familie auf dem Radar des Jugendamtes ist. Denn offensichtlich hat es ja mal etwas bewirkt nachdem sie auffällig geworden sind.

Aber natürlich "Datenschutz". Ich frage mich nur, wo bleibt der Datenschutz beim Finanzamt? Hier funktioniert der Austausch meiner bzw. die jeden Mitbürgers hervorragend. Finanzamt erhält von sämtlichen Einrichtungen eine Mitteilung, z. B. Arbeitsamt (Arbeitslosengeld), Krankenkassen (Krankengeld) oder Banken (Zinseinkünfte). Ach ja ich habe ganz vergessen, hier kassiert der Staat ja seine Einkommenssteuer und wenn ein Steuerpflichtiger seine 500 € Krankengeld "vergisst" ist es ja Steuerhinterziehung und muss drastisch bestraft werden.

Nur wenn es um die Gesundheit oder das Leben eines Kindes geht, muss der Datenschutz schon gewährleistet sein.

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