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Landwirtschaft

03.03.2021

Viel Arbeit, wenig Anerkennung: Einblicke in das Leben einer Bäuerin

Dass es die Schweine auf ihrem Hof gut haben, ist Landwirtin Katharina Röger wichtig. Sie sagt: Die Tiere sollen sich wohlfühlen. Doch am Ende ist klar, dass sie sterben müssen.
Foto: Marcus Merk

Plus Eine neue Studie gibt Einblick in das Leben von Bäuerinnen in Bayern. Was beschäftigt sie? Und warum ergreifen junge Frauen den Beruf? Wir haben nachgefragt.

Von Kindesbeinen an lernte Katharina Röger, was es bedeutet, sich um ein Tier zu kümmern. Was es heißt, richtig zu füttern, und was gute Haltungsbedingungen sind. Was sie unternehmen kann, wenn ein Schwein krank wird und was getan werden muss, wenn es dem Tier so schlecht geht, dass es von seinem Leiden erlöst wird.

Schon als Mädchen sagten Mutter und Vater zu ihr: „Wir müssen das Bestmögliche tun, damit es unsere Schweine gut haben“, so die junge Frau – zierliche Statur, schulterlange Haare, goldene Brille –, als sie von früher erzählt. Jetzt sagt sie: „Wenn wir den Tieren ein richtig gutes Leben bieten, sehe ich kein Problem darin, dass sie sterben müssen. Das Fleisch fällt schließlich nicht vom Himmel.“ Eine Aussage, die nicht jedem gefällt. Das weiß sie.

Wie geht es den Bäuerinnen in Bayern? Welche Hoffnungen hegen und welche Sorgen beschäftigen sie?

Selbstbewusst und sachlich berichtet die 20-Jährige über ihre Aufgaben auf dem Baderhof – einem Aussiedlerhof mit Schweinemastbetrieb am Stadtrand von Dillingen, den die Eltern seit den 90er Jahren betreiben. Doch so nüchtern die gelernte Landwirtin von Verordnungen und Wirtschaftlichkeit spricht, so auffallend fürsorglich geht sie mit ihren Tieren um, als sie vorsichtig das Metallgitter öffnet und zu ihnen in den Auslauf tritt. Sie streichelt den Schweinen über den Rücken, lässt eines an ihrer Hand nuckeln und macht mit ihnen Wettrennen durchs Stroh. Sie schaut sich um, nimmt die Schulter zurück und sagt mit einem Lächeln: „Ja, ich sage mit Stolz, dass ich Landwirtin bin.“

Vielleicht nur eine jugendliche Naivität, die aus ihr spricht? Oder steht sie mit ihrer Leidenschaft stellvertretend für viele Bäuerinnen?

Katharina Röger betont, dass für sie beruflich nie etwas anderes als die Landwirtschaft infrage kam. Je mehr sie über ihre Arbeit auf dem Baderhof spricht, über ihre vielen Ideen für die Zukunft, davon, dass sie mit ihrem jüngeren Bruder den Hof übernehmen will, desto deutlicher wird, wie glücklich sie mit ihrer Wahl ist. Dass sie voll und ganz hinter ihrem Weg steht und zuversichtlich in die Zukunft blickt.

Sind alle Landwirtinnen in Bayern derart optimistisch, wenn es um die Zukunft geht? Und wie ist die Situation der Bäuerinnen grundsätzlich, welche Hoffnungen hegen und welche Sorgen beschäftigen sie?

Antworten auf diese Fragen geben die Landwirtinnen selbst, und zwar mehr als 2200 von ihnen. Sie alle haben 2019 bei einer Befragung des bayerischen Landwirtschaftsministeriums und der TU München mitgemacht. Die Ergebnisse sind in der neuen bayerischen Bäuerinnenstudie zusammengefasst.

Bei der Präsentation an diesem Mittwoch sind unter anderem Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU), Professorin Jutta Roosen, die Autorin der Studie, sowie Landesbäuerin Anneliese Göller dabei. Im Livestream diskutieren sie über die Ergebnisse – die teils überraschend und erfreulich sind, teils aber auch erschreckend.

Das jedenfalls sagt Anneliese Göller, die mit unserer Redaktion ausführlich über die Ergebnisse der landesweiten Umfrage spricht und die Ergebnisse interpretiert. „Die letzte Befragung ist über zehn Jahre alt, in dieser Zeit hat sich viel verändert. Wir als Interessensvertretung wollen jetzt einfach wissen, wie unsere Bäuerinnen denken, arbeiten und leben und was sie brauchen.“

Göller, 64, aus Bamberg in Oberfranken, ist seit neun Jahren Landesbäuerin, Mutter von vier Kindern und führt mit ihrem Mann einen großen Betrieb, früher mit Milchvieh, heute nur noch mit Ackerbau. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie anspruchsvoll die Arbeit auf dem Hof sein kann. Das sagt auch Ministerin Kaniber: „Die Befragung zeigt, dass die Bäuerin auf ihrem Betrieb sowie in der Familie eine Schlüsselrolle einnimmt. Das Arbeitspensum ist hoch und für viele belastend – und dennoch ist die Identifikation mit dem eigenen Hof und der Landwirtschaft bei vielen Frauen groß.“

96 Prozent der Bäuerinnen beklagen in der Studie die Abhängigkeit von staatlichen Fördergeldern

Auch Anneliese Göller sind einige positive, aber auch negative Dinge ins Auge gesprungen, „die mir zu denken geben“, wie sie sagt. Gut gefallen habe ihr etwa, dass viele Frauen an ihrer Arbeit als Bäuerin die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schätzen (73 Prozent) sowie die Naturverbundenheit (60 Prozent). Ebenso wie die Möglichkeit der Selbstversorgung (46 Prozent) und die Selbstständigkeit als Bäuerin (41 Prozent).

Die bayerische Landesbäuerin Anneliese Göller.
Foto: Peter Kneffel, dpa

Alles Aspekte, die auch im Gespräch mit Jungbäuerin Katharina Röger immer wieder aufkommen, als sie über den Hof der Familie führt. Vorbei an den Pferdekoppeln, den Ausläufen der Muttersauen, die in den nächsten Jahren für Strohhaltung umgebaut werden, hin zum Hofladen, in dem die Familie eigenes Schweinefleisch und Wurst verkauft und vor dem ihre Schweizer Sennenhündin in der Sonne spielt. Überall riecht es zart nach Frühling, nach Stroh – und wenn der Wind dreht, auch immer wieder beißend nach Schweinemist. „Mich begeistern vor allem die Eigenständigkeit und die Vielfältigkeit. Dass man sich in so vielen Bereichen ausprobieren kann und immer etwas Neues dazulernt“, sagt sie.

Gleiches erzählt auch Lena Zimmermann aus Gablingen im Landkreis Augsburg, die vor einigen Jahren nach dem Tod ihres Vaters mit gerade mal 18 Jahren den elterlichen Betrieb übernahm. „Der Beruf ist absolut zukunftsfähig“, sagt sie. „Er ist nicht nur attraktiv, sondern auch immens wichtig. Schließlich stellen wir Landwirte die Lebensmittel für die Verbraucher her.“

Anneliese Göller weiß, wovon die jungen Frauen sprechen. „Wenn ich mir die Studie anschaue, sehe ich, wie sehr die Frauen es schätzen, wenn sie auf den Höfen ihre Ideen umsetzen, sich einbringen und verschiedene Standbeine aufbauen können. Wenn ich das lese, macht mich das zufrieden – trotz der Dinge, die den Bäuerinnen Probleme machen.“

Als negativ und belastend geben in der Befragung zum Beispiel rund 96 Prozent der Bäuerinnen an, dass ihnen vor allem die immer größer werdende Abhängigkeit von staatlichen Fördermitteln und die Entwicklung der Agrarpolitik Sorgen bereiten. „Die zunehmenden Regulierungen führen dazu, dass es kaum noch Planungssicherheit gibt“, interpretiert Anneliese Göller die Zahlen.

Ebenfalls belastend empfinden viele von ihnen das schlechte Image der Landwirtschaft. „Rund 86 Prozent beklagen, von der Gesellschaft kaum anerkannt zu werden, 80 Prozent sind mit der Berichterstattung in den Medien unzufrieden“, erklärt Michaela Kaniber.

Bayerische Bäuerinnenstudie: Wenn die Eigenständigkeit auch ihre Schattenseiten hat

Anneliese Göller ergänzt: „Sie berichten, dass sie sich einem ständigen Rechtfertigungszwang ausgesetzt sehen“, sagt sie. „Das war vor zehn Jahren noch nicht so ein Thema, aber es treibt die Frauen um.“ Besonders ältere Bäuerinnen hätten mit der mangelnden Wertschätzung beziehungsweise der wachsenden Kritik zu kämpfen. „Sie haben über Jahrzehnte viel geleistet, doch die aktuellen Diskussionen vermitteln den Eindruck, dass sie alles falsch und schlecht gemacht hätten.“

Auch diese beiden Probleme kennt Jungbäuerin Katharina Röger, sagt sie, als sie das Haus der Familie betritt. Im Eingangsbereich hängt ein mannshoher Holzbaum, der Stammbaum der Familie, der bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Ganz oben ist das Bild von Katharina Röger, daneben die Fotos der Eltern und der drei Geschwister. „Zum einen fände ich es gut, wenn wir unser Image etwas aufbessern könnten“, sagt sie. „Aber ich glaube auch, dass viele einfach ein falsches Bild von unserer Arbeit haben.“

Landwirtschaft werde immer mehr in einer Art Traumwelt romantisiert. Aber so, wie sie wirklich ist, sehen viele Menschen sie nicht mehr. „Da müssen auch wir Bauern mehr Transparenz zeigen und unsere Höfe öffnen.“ Aber auch der Verbraucher müsse mehr Verantwortung übernehmen, fordert Katharina Röger: „Wenn er billig einkaufen will, produzieren wir billig. Wenn er mehr zahlt und auf Qualität Wert legt, dann produzieren wir auch hochwertig.“

Lena Zimmermann, Landwirtin aus dem Landkreis Augsburg.
Foto: Diana Zapf-Deniz

Auch die 25-jährige Lena Zimmermann aus Gablingen sieht Aufklärungsbedarf: „Viele Verbraucher wissen gar nicht mehr, wie was hergestellt wird“, sagt sie. „Wir können noch transparenter werden und erklären, was bei der Produktion unserer Lebensmittel dahinter steckt.“

Zum anderen weiß Katharina Röger, dass Eigenständigkeit auch ihre Schattenseiten haben kann. „Wir müssen immer selbst dahinter sein, dass wir alle neuen Verordnungen, Regelungen und Vorgaben von der Politik und dem Lebensmittel-Einzelhandel kennen und umsetzen. Da kommt kein Brief, keine Mitteilung. Das ist unsere Verantwortung und wir haften dafür.“

Auch mehr Planungssicherheit wünscht sich die 20-Jährige. Sie wählt ein Beispiel, um ihren Standpunkt zu erklären: Ein Stall wird üblicherweise für eine Nutzung von 25 Jahren gebaut. Doch die Haltungsbedingungen damals entsprechen kaum noch denen, wie sie der Gesetzgeber heute verlangt – geschweige denn in 25 Jahren, sagt sie. „Wir Landwirte wünschen uns, dass in Zukunft endlich wieder mehr Ruhe in unsere Branche einkehrt.“

Ein Problem für viele Bäuerinnen: Wer übernimmt später mal den Hof?

Überhaupt spielt das Thema Zukunft für die Bäuerinnen eine große Rolle, sagt Kaniber. „Trotz ihrer wichtigen Rolle innerhalb des Betriebes bereitet vielen Frauen die soziale Absicherung Probleme.“ So hätte in der Befragung jede dritte Bäuerin angegeben, fürs Alter, für einen Pflegefall oder eine Trennung schlecht abgesichert zu sein.

Auch die Frage, wer den Betrieb übernimmt, wenn kein Nachfolger da ist, macht den Frauen Sorgen, sagt Landesbäuerin Göller. Dieser Strukturwandel mache vielen Frauen zu schaffen, wenn sie jahrzehntelang mit Herzblut auf ihrem Hof gearbeitet hätten und sie dann alles aufgeben müssten. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hart das ist.“

Dieses Problem besteht zumindest auf dem Baderhof in Dillingen nicht. Katharina Röger steckt voller Ideen, die sie angehen will, wenn sie erst mal Landwirtschaftsmeisterin ist und den Betrieb übernehmen wird. „Ich träume davon, dass wir noch viel mehr in die Direktvermarktung investieren, vielleicht mal in ein eigenes Schlachthaus oder einen Verkaufswagen.“ Eine Begeisterung, die Landesbäuerin Anneliese Göller imponiert: „Die Bedeutung der Frauen für die Betriebe ist sehr groß. Ich sage immer: Die Bäuerin ist das Herzstück des Hofes. Und darin bestätigen mich einmal wieder die Ergebnisse der bayerischen Bäuerinnenstudie.“

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