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Unterglauheim/Augsburg

07.07.2020

Ausgesetzter Säugling: So lief der erste Prozesstag

Seit Dienstag steht eine 32-Jährige aus dem Kreis Dillingen vor dem Augsburger Landgericht. Sie soll ein Neugeborenes ausgesetzt haben.
Bild: Stadler (Archiv)

Plus Seit Dienstag steht eine 32-Jährige aus dem Kreis Dillingen vor Gericht. Sie soll ihr Baby in einer Wiese in Unterglauheim ausgesetzt haben. Eindrücke vom ersten Prozesstag.

Plötzlich steht die Frau im Blitzlichtgewitter. Gerade erst ist sie durch die Tür in den Gerichtssaal gekommen und hat sich auf ihrem Platz niedergelassen, da richten sich zahlreiche Kameras aus dem Zuschauerraum auf sie. Der Fall des ausgesetzten Säuglings von Unterglauheim vor einem Jahr hat für Aufsehen gesorgt. So sind zum Prozessauftakt gegen die 32-jährige Mutter diverse Vertreter überregionaler Medien im Saal des Augsburger Landgerichts anwesend.

Ausgesetzter Säugling: Mutter bleibt zum Prozess-Start emotionslos

Die Angeklagte aus dem Kreis Dillingen – dunkelrote Haare, kräftig gebaut – weiß offenbar nicht so recht, wie sie mit der ungewohnten Aufmerksamkeit umgehen soll. Sie nimmt ihre Gesichtsmaske ab – worauf das Klicken und Blitzen der Kameras noch einmal zunimmt –, wendet sich zu ihrer Verteidigerin neben ihr und wechselt einige Worte. Dann schaut sie wieder schüchtern auf die Ansammlung der Reporter. Und zwischendurch huscht bei diesem Anblick sogar ein verhaltenes Grinsen über ihre Lippen.

Es ist eine der wenigen Gefühlsregungen, die die geistig behinderte Angeklagte am Dienstagmorgen zeigt. Den ersten Verhandlungstag, der bereits nach 15 Minuten wieder vorbei ist, verfolgt sie ansonsten relativ emotionslos. Als die Richterin sie nach dem Beruf fragt, den sie zuletzt ausgeübt hat, muss die 32-Jährige, die durch die Dillinger Lebenshilfe begleitet wurde, einen Moment überlegen. „Gelernt habe ich nichts“, sagt sie zögerlich, und fügt hinzu: „Zuletzt habe ich in der Küche gearbeitet.“ Nach Rücksprache mit ihrer Verteidigerin Cornelia McCready verbessert sie sich auf „Arbeiterin“.

Unterglauheim: Das musste der ausgesetzte Säugling durchmachen

Dann verliest der Staatsanwalt die Anklage. Es geht darum, wie die Frau ihren Sohn im Juli 2019 mitten in der Nacht auf einer Wiese am Ortsrand von Unterglauheim auf die Welt gebracht und alleine zurückgelassen haben soll. Wie der Säugling 34 Stunden im hohen Gras lag, wohl Nagetiere und Ameisen über seinen Körper krabbelten. Nur durch Zufall hörte ein Anwohner das Wimmern des Jungen, der mit dem Hubschrauber in das Augsburger Uniklinikum kam und in den folgenden Tagen um sein Leben kämpfte. Der Säugling hatte einen so schlimmen Sonnenbrand, dass er Verbrennungen ersten Grades erlitt. Er war vollkommen ausgetrocknet und zudem unterkühlt. Weil der Bub so lange Umweltkeimen und Tierfraß ausgesetzt war, entwickelte sich eine schwere Blutvergiftung, weshalb er Antibiotika bekam. Infolge einer Kreislauf- und Ateminsuffizienz wurde der Säugling maschinell beatmet. Kurz darauf versagten auch die Nieren des Kindes, weshalb eine Dialyse notwendig war. Und auch drei Zehen mussten amputiert werden. Diese waren – laut Anklage wohl bedingt durch eine Mangeldurchblutung infolge Unterkühlung – abgestorben. Trotz allem: Der Junge überlebte. Die Mutter muss sich nun wegen versuchten Totschlags verantworten.

Während die Anklage verlesen wird, regt sich bei der 32-Jährigen wenig. Sie stützt ihre Ellbogen auf dem Tisch vor sich ab und legt das Gesicht auf ihre Hände. Manchmal, als besonders dramatische Punkte der Anklage vorgelesen werden, schürzt sie ihre Lippen oder klopft mit zwei Fingern auf ihrem Arm.

Die Angeklagte äußert sich noch nicht

Am ersten Prozesstag gibt die Frau keine Stellungnahme ab – auch, weil eine Sachverständige an diesem Tag verhindert ist. „Meine Mandantin wird sich am Mittwoch äußern“, kündigt Rechtsanwältin McCready an, woraufhin die Angeklagte zustimmend nickt. 15 Minuten nach Prozess-Start verkündet die Richterin: „Für heute sind wir schon am Ende.“ In diesem Moment ist ein erleichtertes Lächeln im Gesicht der 32-Jährigen zu erkennen. Sie erhebt sich von der Anklagebank, zieht ihren Mundschutz vom Hals nach oben und begibt sich in Richtung der wartenden Polizisten, um den Gerichtssaal zu verlassen.

Verteidigerin McCready gibt im Gespräch mit Pressevertretern zu bedenken, wie man das Verhalten ihrer Mandantin einzuordnen hat. Die Frau sei „schwer geistig behindert“ und „erheblich in ihrer Intelligenz vermindert“. Sie befinde sich laut einem Gutachten auf dem geistigen Niveau einer Zwölf- bis 14-Jährigen. Es sei möglich, dass bei ihr deshalb eine verminderte Schuldfähigkeit zum Tragen komme, so McCready. Die Tat als solche sei unstrittig.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Der Termin wird sich deutlich mehr in die Länge ziehen als zum Auftakt am Dienstag. Neben der Aussage der Angeklagten sind zwei Sachverständige und 24 Zeugen angekündigt.

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