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Landkreis Dillingen

03.07.2020

Debatte: Wohin führt der Weg der Landwirtschaft im Kreis Dillingen?

Nicht immer geht es in der Landwirtschaft so idyllisch zu wie auf diesem Bild. Immer häufiger müssen sich Landwirte wegen Themen wie Tierwohl oder Umweltschutz rechtfertigen. Die Bauern selbst beklagen, dass sie zum Sündenbock gemacht werden.
Bild: Andreas Schopf

Plus Immer wieder stehen Landwirte in der Kritik – zuletzt auch im Kreis Dillingen. Ist dies berechtigt? Ein Gespräch zwischen Kreisbäuerin Annett Jung und Naturschützer Xaver Kerle.

Frau Jung, immer wieder gibt es Debatten darüber, wie tier- und umweltfreundlich die Landwirtschaft arbeitet, zuletzt, nach einem DZ-Bericht, auch wieder im Landkreis Dillingen. Fühlen Sie sich als Kreisbäuerin in diesen Momenten an den Pranger gestellt?

Annett Jung: Ich sehe das nicht als Pranger. Wir sind ein sehr landwirtschaftlich geprägter Landkreis, und damit ist die Landwirtschaft einfach ein Thema. Mich freut es, dass wir in der Öffentlichkeit ein Thema sind. Dass es da mitunter auch kontroverse Diskussionen gibt, gehört dazu. Schwierig wird es nur, wenn die Diskussionen mit Emotionen geführt werden.

Herr Kerle, Sie sind ein Verfechter des Naturschutzes. Werden bei diesem Thema auch bei Ihnen die Emotionen geweckt?

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Xaver Kerle: Grundsätzlich sehe ich die Zwänge, unter denen die Landwirtschaft steht. Da sind bestimmte Verhaltensweisen nicht immer böswillig. Es gibt zwar Bauern, die gehen rabiat und rücksichtslos vor. Aber ich denke, wenn man in die Diskussion kommt, ist bei den meisten Verständnis für den Naturschutz da. Man hat einfach wirtschaftliche Zwänge im Nacken. Die Lebensmittelketten üben einen starken Druck aus, dazu kommt die Konkurrenz durch die weltweite Vernetzung. Was will da der Bauer machen, wenn er irgendwie über die Runden kommen will? Außerdem nimmt die Bürokratie zu. Ich schimpfe also nicht grundsätzlich über Landwirte.

Debatte: Hat der Landkreis Dillingen ein Gülleproblem?

Und wie ist das mit dem Naturschutz in der Landwirtschaft?

Kerle: Der Naturschutz ist mir sehr wichtig und sollte nach meiner Meinung einen zunehmend höheren Stellenwert bekommen. Ein Riesenspektrum an Tierarten ist uns bereits abhandengekommen und wird uns fehlen. Kleine Blühflächen sind da ein Tropfen auf den heißen Stein. Intensive Düngung spielt da natürlich auch eine Rolle.

Welchen Anteil hat die moderne Landwirtschaft am Artensterben?

Kerle: Man muss die Entwicklung sehen. In Unterliezheim beispielsweise gibt es heutzutage noch einen Landwirt. Früher waren es 40. Die intensive Landwirtschaft hat zugenommen. Auch die Biogasanlagen haben einen negativen Einfluss ausgeübt.

Gespräch in den Räumen der Donau-Zeitung: Annett Jung und Xaver Kerle debattieren über die Zukunft der Landwirtschaft.
Bild: Andreas Schopf

Jung: Da möchte ich gerne einhaken. Die Frage spiegelt unsere moderne Gesellschaft wider. Man sucht Schuldige, am besten in einem Satz, und die Lösung im nächsten Satz. Und festmachen tut man es dann mit einer Unterschrift, Stichwort Artenschutz-Volksbegehren. In Bayern haben 18 Prozent dafür unterschrieben. Wenn die alle wenigstens eine Blühpatenschaft unterschrieben hätten, könnten ganz viele Betriebe auf Patenschaften umstellen. Davon ist man aber weit entfernt. Ein Landwirt aus der Region beispielsweise hat 15.000 Quadratmeter für dieses Pilotprojekt bereitgestellt. Nur 4000 sind gezeichnet worden. Und das nach diesem Hype um das Volksbegehren. Heuer brauchen wir nicht mehr groß nachfragen, der Boom ist vorbei. Da hätten wir uns mehr erwartet. Die Gesellschaft meint, sie gibt eine Unterschrift, und dann kümmert sich irgendwer. Dabei muss man sehen, wie sich die Landwirtschaft entwickelt hat.

Wie hat sie sich entwickelt?

Jung: Um 1900 hat ein Bauer vier Leute ernährt, seine engste Familie also. 1950 waren es zehn Leute, seine Großfamilie. Heute ernährt ein einziger Bauer im Schnitt rund 160 Menschen. Vor diesem Hintergrund ist doch klar, dass wir effizient sein müssen und die Technik hochgefahren haben. Heute sind weltweit eine Milliarde Menschen weniger von Hunger bedroht also früher, das ist ein Erfolg der Landwirtschaft. Ganz ohne Nährstoffe, den man den Pflanzen von außen zuführt, geht das nicht. Der natürlichste Dünger ist die Gülle. Die wird schlechtgeredet, dabei ist die Gülle das schwarze Gold der Landwirtschaft.

Kerle: Da gehen die Meinungen auseinander. Ein Punkt zur Ernährung. Immer mehr, immer mehr ist nicht die Lösung.

Jung: Aber wir haben eine steigende Weltbevölkerung. Wer entscheidet, wie viele Leute auf der Welt leben?

Kerle: Immer mehr ist trotzdem nicht die Lösung. So wird die Bevölkerung immer noch weiter wachsen. Und auch die Ansprüche müssen sinken. Man muss zum Beispiel nicht so viel Fleisch essen.

Jung: Das wurde früher auch nicht. Das ist ein Zeichen für unseren heutigen Lebensstandard.

Kerle: Als ich klein war, hat es in der Woche ein- oder zweimal Fleisch gegeben. Das war ein ganz anderer Umgang mit Lebensmitteln. Und ich möchte auch noch etwas zur Gülle sagen, weil ich da eine ganz andere Meinung vertrete. Landwirte düngen damit kräftig ihre Böden, und das wird immer mehr, weil auch immer mehr Tiere gehalten werden. Unsere Böden müssen das aber erst einmal verkraften.

Jung: Wir haben hohe Vorschriften und sind da auf einem hohen Level. Ein Gülleproblem gibt es bei uns im Landkreis Dillingen nicht. Im Gegenteil: Unser Trinkwasser hat eine hohe Qualität.

Xaver Kerle aus Lutzingen stammt selbst aus der Landwirtschaft und hat sich ganz dem Thema Naturschutz verschrieben.
Bild: Andreas Schopf

Kerle: Ich möchte jetzt nicht gleich das Thema Gülle in Bezug zur Trinkwasserqualität bringen. Aber man muss für überschüssige Gülle eine andere Lösung finden, zum Beispiel für Gärtnereien. Das, was zu viel ist, darf man nicht einfach auf den Boden ausbringen, damit es weg ist.

"Landwirtschaft war noch nie einfach"

Jung: Das geht ja auch gar nicht. Mittlerweile muss man alles genau berechnen und eine Nährstoffbilanz nachweisen. Da kann man auch nichts verdrehen, das wird kontrolliert. Es geht kein Fass Gülle mehr raus, als es nötig ist. Diejenigen, die viel Gülle haben, haben das über Abnahmeverträge geregelt. Dieser Kreislauf ermöglicht gerade der kleineren Landwirtschaft ein Überleben.

Kerle: Das mag schon sein, dass das nach außen stimmt. Aber man darf das Thema nicht kleinreden. Denn es gibt in verschiedenen Bereichen nachhaltig Probleme mit dem Grundwasser.

Jung: Nicht in unserem Landkreis. Fahren Sie mal im Winter über das Land. Seit einigen Jahren haben wir ganz viel Winterbegrünung. Das ist Gründünger, der im Herbst eingesät wird und rein dazu dient, die Nährstoffe aus dem Boden rauszuziehen und das Abdriften in tiefere Bodenschichten verhindert. Im Frühjahr friert es bei ausreichendem Frost ab und wird abgeschlegelt. So habe ich die Nährstoffe wieder in den obersten Schichten des Bodens. Das Verfahren macht man noch nicht so lange und ist immer stärker im Kommen.

Kerle: Das haut nicht immer so hin wie gewünscht.

Jung: Landwirtschaft war noch nie einfach, hat meine Oma immer gesagt.

Auch beim Thema Tierwohl stehen Landwirte immer wieder in der Kritik. Zu Recht?

Jung: Natürlich müssen moderne Ställe aus Gründen der Wirtschaftlichkeit größer sein. Es gibt allerdings moderne Haltungsformen, mittlerweile wird sehr viel Wert auf Tierwohl gelegt. Wir haben eigene Tierwohlprogramme, unter denen viele Landwirte arbeiten. Tiertransporte unterliegen einem eigenen Genehmigungsverfahren. Angesichts der immerwährenden Diskussionen frage ich mich schon, was der Verbraucher will. Man sagt, dass man keine langen Tiertransporte möchte, man will aber auch keine großen Schlachthöfe in Deutschland. Mir ist es lieber, die Tiere werden hier geschlachtet, mit unseren Standards, die im Vergleich zum Ausland verdammt hoch sind. Im Milch-Bereich gibt es ein Programm für mehr Tierwohl. Die Bauern, die nach diesem Standard produzieren, bekommen ihre Ware aber kaum los, weil der Kunde im Supermarkt nach der billigsten Milch greift.

Tönnies-Skandal zeigt Missstände in der Fleisch-Branche

Kerle: Da bin ich überhaupt nicht mit einverstanden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass 200 Kühe, die dicht an dicht auf einem Spaltenboden stehen, mit dem Begriff Tierwohl vereinbar sind. Und die Bilder, wie mit Tieren bei Transporten ins Ausland zum Teil umgegangen wird, sind schockierend.

Jung: Dann stimmen Sie mir zu, dass es besser ist, wenn die Tiere hier und nach unseren Standards geschlachtet werden?

Kerle: Das mag sein. Wenn ich sehe, wie die Tiere bei den Transporten in andere Länder, wo offenbar andere Bestimmungen herrschen, leiden, wird mir schlecht. Der Tönnies-Skandal zeigt allgemein, welche Sauereien in der Branche betrieben werden. Das ist eine Katastrophe.

Jung: Der Skandal zeigt, wie weit wir mit dieser Wirtschaftsform gekommen sind. Wir zwingen alle kleinen Schlachtereien aufzugeben – mit Auflagen und immer höheren Stückkosten.

Annett Jung aus Sonderheim ist die Dillinger Kreisbäuerin und setzt sich für die Interessen der Landwirte im Kreis Dillingen ein.
Bild: Andreas Schopf

Welche Verantwortung trägt der Verbraucher?

Kerle: (lacht) Eine ziemlich große. Eine entscheidende.

Jung: Der Verbraucher entscheidet jeden Tag an der Kasse. 80 Prozent der Kunden kaufen bei den vier großen Supermarktketten. Nur 20 Prozent teilen sich auf alle anderen Anbieter auf. Ich kann es nicht mehr hören, wenn es heißt: „Ich kaufe im Bauernladen ein.“ Die eine Weihnachtsgans im Jahr rettet keinen Bauernladen. Bio und Naturschutz treiben uns alle um. Aber ich muss den Markt anschauen. Der entscheidet, ob man mehr auf Bio setzt, nicht die Politik. Wenn die Leute es nicht kaufen, bringt das nichts – und ich meine nicht die Bio-Banane aus Hintertupfing, sondern regionale Bio-Produkte.

Kerle: Ich finde, wir müssen allgemein runter von unserem Wohlstand. Das will doch keiner. Das ist das Problem. Bei vielen stehen Autos und Urlaube im Vordergrund, während man für Lebensmittel kein Geld ausgeben möchte. Warum sterben so viele Höfe? Da stimmt doch etwas Grundsätzliches nicht. Früher sind wir mit der Gabel über die Felder gelaufen.

Jung: Das ist zu einfach. Das ist die wirtschaftliche Entwicklung. Der Fortschritt ist auch in der Landwirtschaft angekommen, und das muss man ihr zugestehen. Ich möchte nicht mehr mit der Gabel übers Feld rennen. Das Problem ist der Lebensstil, von dem keiner wegwill.

Bezug zur Landwirtschaft ist verloren gegangen

Steckt dann hinter den aktuellen Umwelt-Debatten eine Doppelmoral?

Beide: Ja klar!

Kerle: Man sucht schöne Erklärungen und Umwege, anstatt wirklich an die Ursachen zu gehen. Der Druck auf uns Menschen muss wohl erst noch größer werden, bis wir wirklich etwas ändern.

Jung: Mit Marschieren am Freitag und Unterschriften sammeln ändert keiner die Welt. Es kann nicht die Lösung sein, seine Kinder mit dem dicken Auto zum Demonstrieren zu fahren, einen Kaffee zu trinken und dann seine Kinder zu loben, was sie Tolles gemacht haben. Ich würde meinen Kindern sagen: Gehe Müll sammeln, gehe durch die freie Natur, tue irgendetwas, wenigstens etwas Kleines. Aber das ist unsere Generation, die die Welt verändern möchte mit schlauen Sprüchen, aber das wird nicht funktionieren. Man müsste die Kinder und Jugendlichen mehr einbinden. Vor dem, was man selbst tut, hat man mehr Respekt. Der Bezug zur Landwirtschaft ist vielen komplett verloren gegangen. Deshalb freue ich mich, dass wir im Rahmen der neuen Projektwochen „Schule fürs Leben“ zusammen mit jungen Menschen arbeiten können.

Kerle: Der große Umbruch wird nicht kommen, solange wir nicht bereit sind, von unserem Wohlstandsniveau runterzukommen.

Annett Jung aus Sonderheim ist Kreisbäuerin des Kreisverbandes Dillingen im Bayerischen Bauernverband. Xaver Kerle aus Lutzingen stammt selbst aus der Landwirtschaft und hat sich dem Naturschutz verschrieben.

Lesen Sie hierzu einen Kommentar: Die Bauern sollten nicht zum Sündenbock gemacht werden

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