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Dillingen

03.11.2019

Ein Dillinger weiß genau, welche Arzneien helfen

Dr. Matthias Schneider führt die Obere Stadt-Apotheke in Dillingen (Foto), die seit 100 Jahren in Familienbesitz ist, in der vierten Generation. Und die Schwaben-Apotheke, die Schneider ebenso wie Engel- und Brücken-Apotheke (beide Giengen) betreibt, gibt es seit mittlerweile 50 Jahren.
Foto: Berthold Veh

Plus  Apotheker Matthias Schneider feiert mit der Oberen Stadt-Apotheke und der Schwaben-Apotheke in Dillingen zwei Jubiläen. Er erklärt, was ihn an seinem Beruf fasziniert. Und warum es derzeit immer wieder Lieferengpässe gibt.

Sprichwörter bergen eine Gefahr, sie treffen mitunter nicht zu. Wer aber über Matthias Schneider sagt, er habe die Pharmazie mit der Muttermilch aufgesogen, trifft ins Schwarze. Denn seine Mutter Gabriele hatte vor 50 Jahren gerade die Schwaben-Apotheke in Dillingen gegründet, als Schneider geboren wurde. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Florian, der Informatiker wurde, fand Matthias Schneider die Pharmazie immer spannend. „Ich wollte wissen, wie etwas wirkt, und was man gegen Krankheiten tun kann“, sagt der heute 49-Jährige. Er führt inzwischen nicht nur in der vierten Generation die Obere Stadt-Apotheke, die es seit 1611 gibt und die seit 100 Jahren im Besitz der Familie Schneider ist, sowie die beim Rewe neu errichtete Schwaben-Apotheke. Dr. Matthias Schneider gehören auch die Engel- und die Brücken-Apotheke in Giengen. Etwa 70 Mitarbeiter sind in dem Apotheken-Verbund beschäftigt.

Traumhafter Blick in Dillinger Königstraße

Während der Firmenchef über den Wandel berichtet, schweift sein Blick zum Fenster. Von der Oberen Stadt-Apotheke am Heinrich-Roth-Platz 1 eröffnet sich ein traumhafter Blick in die Königstraße. Der Missionar und Sanskritforscher Heinrich Roth ist in diesem Haus aufgewachsen, das Schneiders Urgroßvater Curt vor 100 Jahren gekauft hat. Walter Schneider senior übernahm dessen Apotheke 1939 und führte sie bis ins Jahr 1977. Walter Schneider junior, der langjährige Kreisvorsitzende des Bayerischen Roten Kreuzes, führte das Unternehmen weiter und übergab es 2009 an seinen Sohn Matthias, der 2003 bereits die Schwaben-Apotheke übernommen hatte. Von klar geregelten Notdiensten sei man früher weit entfernt gewesen, sagt der Pharmazeut und Pressesprecher der Apotheker im Landkreis Dillingen. „Wenn Dillinger am Samstagabend ein Medikament brauchten, haben sie geklingelt“, berichtet Matthias Schneider. Das sei selbstverständlich gewesen, und er habe dies auch als Kind nicht als störend empfunden. „Das hat auch niemand ausgenutzt“, sagt Schneider.

Inzwischen habe sich vieles geändert – und nicht alles zum Positiven. Der Verwaltungsaufwand und die Dokumentationspflicht ufern nach Worten des Dillingers aus. Das Verhältnis zu Krankenkassen und Politikern sei immer wieder einmal frustrierend, gesteht Schneider, der auch Aufsichtsratsvorsitzender des pharmazeutischen Großhändlers Sanacorp ist. „Es kommt immer wieder zu Situationen, dass wir gegenüber Patienten Regelungen vertreten müssen, die wir selbst als schwachsinnig empfinden“, sagt der Apotheker.

Wachsende Konkurrenz bei Apotheken

Schneider sieht durch ausländische Internet-Apotheken eine wachsende Konkurrenz auf die Apotheken vor Ort zukommen. Und er kritisiert eine Ungleichbehandlung. „Internet-Apotheken können Rabatte gewähren, die wir nicht geben dürfen“, erläutert der 49-Jährige. Er nennt als Beispiel die zehnprozentige Zuzahlung auf verschreibungspflichtige Arzneimittel, die mindestens fünf Euro und maximal zehn Euro ausmacht. Internet-Apotheken würden sie nicht kassieren, er dürfe sie aber Kunden nicht erlassen. In anderen Ländern wie Frankreich und Österreich sei es gar nicht erlaubt, dass verschreibungspflichtige Medikamente im Internet verkauft werden. Schneider hält es aber für unmöglich, dass diese Regelung, die in Deutschland seit 2004 gilt, wieder zurückgenommen werde. Und so glaubt der Pharmazeut, dass Internetapotheken bald bis zu zehn Prozent des Arzneimittelumsatzes in Deutschland machen werden.

Immer wieder muss Schneider in diesen Tagen Kunden erklären, warum es gegenwärtig bei bestimmten Medikamenten Versorgungs- oder Lieferengpässe gibt. Er nennt als Beispiel den Schmerzmittel-Wirkstoff Ibuprofen, der in verschiedenen Medikamenten wie etwa Dolormin zu finden ist. „Und Dolormin bekommen Sie gerade in keiner Apotheke“, erläutert Schneider – ein klassischer Liefer- und kein Versorgungsengpass, denn andere Medikamente mit dem Wirkstoff Ibuprofen seien ja auf dem Markt. Der Grund für den Engpass: Weltweit habe es nur sechs Standorte gegeben, in denen der Wirkstoff Ibuprofen produziert wird. Und weil vor zwei Jahren eine Firma abgebrannt ist, seien mit einem Schlag 16 Prozent der Herstellungskapazitäten weggefallen.

Früher Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung

Einen richtigen Versorgungsengpass habe es dagegen bei den blutdrucksenkenden Sartanen gegeben. Hier hätten die gigantischen Preisnachlässe von Medikamentenherstellern gegenüber den Krankenkassen in die Irre geführt, analysiert Schneider. Die hätten den Preisdruck an die Hersteller des Wirkstoffs weitergegeben, die wiederum ein kostengünstigeres Produktionsverfahren gewählt hätten. Und da sei es zuletzt zu Verunreinigungen gekommen. „Es gab einen Versorgungsengpass, weil die Hersteller den Arzneistoff nicht mehr liefern durften“, teilt Schneider mit. Der frühere Vorsitzende der Dillinger Wirtschaftsvereinigung sieht in diesem Fall ein strukturelles Problem. „Wenn Kassen immer nur das Billigste wollen, dann bekommen sie auch nur das Billigste.“ Schneider sagt, dass er in seinen Apotheken in der Regel immer etwa 2000 der gängigsten Arzneimittel auf Lager habe. „Gegenwärtig habe ich aber eine Liste von rund 140 Medikamenten, die ich nicht bekomme“, bedauert der Apotheker.

Matthias Schneider findet den Dschungel des Gesundheitswesens gelegentlich selbst fragwürdig. In diesen Zeiten besinnt sich der Chef der Dr.-Schneider-Apotheken auf das, was ihn am Anfang seiner Laufbahn an seinem Beruf fasziniert hat. Der heute 49-Jährige sagt: „Ich wollte wie meine Vorgänger für die Menschen da sein und ihnen helfen, wenn sie krank sind.“

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