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Interview

06.07.2018

„Keine Stadt war in einer solch brisanten Lage“

Walter Ansbacher ist Kirchenhistoriker im Dienste des Bistums Augsburg. Seine Leidenschaft gilt – neben der Kirchengeschichte – der Region Dillingen, aus der er stammt und in der er noch immer lebt.

Der Glötter Kirchenhistoriker Dr. Walter Ansbacher spricht über Dillingen im 30-jährigen Krieg. Was heute noch übrig ist?

Herr Ansbacher, wieso beschäftigen Sie sich mit der Geschichte Dillingens?

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Walter Ansbacher: Ich bin gebürtiger Donaualtheimer. Nach meinem Studium der Religionspädagogik in Eichstätt absolvierte ich eine Ausbildung zum Religionslehrer. Parallel dazu begann ich an der Universität Augsburg ein weiteres Studium, das ich 2001 mit der Promotion im Fach Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte abschließen konnte. Deshalb habe ich natürlich auch ein besonderes Interesse an der Geschichte meiner Heimat.

Wie lautet der Titel Ihrer Promotion?

„Keine Stadt war in einer solch brisanten Lage“

Ansbacher: „Das Bistum Augsburg in barockem Aufbruch.“ Dieses kirchengeschichtliche Thema betrifft die Zeit, in der das Bistum Augsburg nach den Schrecken des 30-jährigen Krieges wiederaufgebaut wurde. Mit dieser Epoche habe ich mich schon lange wissenschaftlich beschäftigt.

Wo haben Sie Quellen zu Dillingen in dieser Zeit gefunden?

Ansbacher: Im Dillinger Stadtarchiv sind kaum Akten aus der betreffenden Kriegszeit vorhanden. Einschlägiges Quellenmaterial befindet sich dagegen im Staatsarchiv und im Bistumsarchiv Augsburg. Die eigentliche Hauptquelle ist allerdings ein Tagebucheintrag des Rektors der ehemaligen Dillinger Universität. Hinzu kommen einzelne Briefe des damaligen Dillinger Stadtpfarrers und der Ad-limina-Bericht von 1635.

Ad-limina-Bericht?

Ansbacher: Das ist ein Fünf-Jahres-Bericht des jeweiligen Bischofs nach Rom. Darin wird der Papst über die Zustände im Bistum unterrichtet.

Nun zu Dillingen im Krieg. Wie schlimm wurde die Stadt durch die Kriegsjahre getroffen?

Ansbacher: Die Stadt wurde im April 1632 zunächst von den feindlichen Schweden besetzt. All die Jahre zuvor war sie vor den Kriegswirren nahezu verschont geblieben. Ab 1634 hausten dann die mit dem Kaiser verbündeten Kroaten in Dillingen. Die schwedische Besatzungszeit überstand die Einwohnerschaft im Unterschied zu anderen Städten des Heiligen Römischen Reichs relativ unbeschadet. Dabei befand sich keine andere Stadt im Reich – so wage ich zu behaupten – in einer derart spannungsgeladenen und brisanten Situation wie Dillingen.

Wieso sollte Dillingen in so einer Situation gewesen sein?

Ansbacher: Dillingen war vor allem wegen seiner Universität das Zentrum der Gegenreformation im Bistum Augsburg. Die Protestanten bezeichneten die Stadt deswegen als „des Teufels vernehmlichster Tummelplatz“. Denn die unter Leitung des Jesuitenordens stehende Bildungsstätte war über die Region hinaus das Bollwerk der katholischen Kirche schlechthin.

Die Jesuiten waren Vorkämpfer der Gegenreformation?

Ansbacher: Absolut. Sie bildeten eine starke intellektuelle Gegenströmung zur damaligen Reformationsbewegung und rechtfertigten ihre Ansichten immer wieder mit scharfsinnigen Gutachten und Pamphleten. Ihnen wurde von verschiedenen Seiten gar eine Hauptschuld am Kriegsausbruch zugewiesen.

Wieso wurde Dillingen verschont? Mit dem 30-jährigen Krieg verbinden wir heute noch Gräueltaten und ausradierte Städte. So wie Magdeburg.

Ansbacher: Eine schlüssige Antwort darauf lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht entnehmen. Dieses merkwürdige Faktum gleicht einem Wunder. Obwohl Dillingen eine der Hochburgen der katholischen Gegenreformation war, wurde die Stadt friedlich und ohne Blutvergießen an die feindlichen Schweden übergeben, und das damalige Kriegsrecht schrieb die Schonung einer Stadt bei friedlicher Übergabe vor. Unter den späteren Besatzern dagegen hatte sie weit mehr zu erleiden. König Gustav Adolf II. von Schweden, der Dillingen eigentlich dem Erdboden gleichmachen wollte, soll später gar Hochachtung gegenüber der Stadt und den Jesuiten gezeigt haben. Ferner stand der schwedische Gouverneur David von Osten lange Zeit auf gutem Fuße mit den Jesuitenpatres. Der hatte allerdings seine Gründe.

Welche denn?

Ansbacher: Unter den Schweden kursierten zahlreiche Gerüchte über den scheinbaren Reichtum der Jesuiten. So sollte der Orden einen riesigen Diamanten in Dillingen versteckt haben. Nachdem Stadtkommandant von Osten diesen trotz angestrengter Suche nicht finden konnte, schlug die freundschaftliche Stimmung schnell um.

Gab es diese Reichtümer denn?

Ansbacher: Die Geschichte von dem besagten Diamanten ist reine Legende. Sicher dagegen ist, dass die Jesuiten vor Eintreffen der Schweden wertvolles Kirchensilber und andere liturgische Gerätschaften rechtzeitig ins Allgäu, das heißt nach Mindelheim, weggeschafft haben.

Und wie erging es den Dillingern, nachdem von Osten nichts fand?

Ansbacher: Die Lage wurde ernster. Die Jesuiten wurden nun mit Gefängnisaufenthalt und Demütigungen konfrontiert; einer der Patres starb an den Folgen der Haft. Unter den Schweden scheint hingegen keine Kirche zerstört worden zu sein. Es ist sogar überliefert, dass zwei schwedische Offiziere der Studienkirche Messgewänder gestiftet haben. Der eine war Lutheraner, der andere Zwinglianer. Religiöse Trennlinien waren in diesem Krieg offenbar durchaus überwindbar. Man darf dennoch nicht vergessen, wie viele Menschenleben dieser Krieg nicht nur im Reich, sondern auch in der Region gekostet hat. Etwa vier Fünftel der Bevölkerung in Stadt und Umgebung erlebten das Kriegsende nicht.

Wie das? Die Stadt wurde doch nicht niedergebrannt?

Ansbacher: Seuchen, Hungersnöte und Kriminalität wüteten hier genauso wie andernorts. Die Sterblichkeitsrate war vor allem unter der Landbevölkerung sehr hoch.

Gibt es dazu Zahlen?

Ansbacher: Der Ad-limina-Bericht von 1635 gibt an, dass im Dillinger Umland nicht einmal mehr ein Zehntel der ursprünglichen Bevölkerung übrig geblieben war.

Wie gestaltete sich das weitere Zusammenleben zwischen Besatzern und Bevölkerung?

Ansbacher: Die schwedischen Offiziere lebten größtenteils in der Stadt, was den Bewohnern aufgrund der Disziplin der Offiziere zugutekam. Die Bevölkerung musste allerdings die Soldaten und ihren Tross versorgen. Bemerkenswert bleibt, dass es innerhalb der Stadt offensichtlich kaum zu größeren Ausschreitungen und Verfolgungen kam.

Hat die Stadt vielleicht ein hohes Schutzgeld gezahlt?

Ansbacher: Die Schweden hatten nach der Besetzung zunächst ein Lösegeld in Höhe von 10 000 Talern verlangt, ließen aber mit sich verhandeln und begnügten sich schließlich mit der vergleichsweise geringen Summe von 700 Talern.

Sind die Quellen denn glaubwürdig?

Ansbacher: Auf jeden Fall! Das gilt sowohl für die authentischen Briefe des Dillinger Stadtpfarrers als auch für die Angaben über die Jesuiten sowie für die Berichte aus dem Bistum.

Und woher stammen die Schätzungen zu Toten und Zerstörungen?

Ansbacher: Es liegen dazu einzelne Hinweise aus den genannten Quellen vor. Ferner gab der Bischof von Augsburg nach dem Krieg eine Expertise in Auftrag, um die entstandenen Verheerungen zu ermitteln.

In Ihrem Vortrag ist sogar von einem protestantischen Bürger zu hören, der hohe Summen für die Auslösung von Dillinger Jesuiten aus dem Gefängnis aufwandte. Außergewöhnlich?

Ansbacher: Definitiv außergewöhnlich, vor allem in dieser Zeit. Rektor, Kanzler und ein weiterer Jesuitenpater wurden für 1800 Gulden ausgelöst. Sehr viel Geld für damalige Verhältnisse – und das als Bürgschaft für Feinde der eigenen Konfession. Eine sehr menschliche Geste.

1646 musste Dillingen auf Befehl die Donaubrücke abbrennen. Ein dramatisches Ereignis für die Stadt, so kurz vor Kriegsende.

Ansbacher: Es gibt keinen Hinweis, dass die Zerstörung nicht erfolgte. Sie hatte wohl schlimme Auswirkungen, denn die Brücke diente der Region als Hauptübergang über die Donau und damit auch als wichtige Flucht- und Zufluchtsmöglichkeit für Stadt und Land.

Dillingen ist also glimpflich davongekommen. Wieso gibt es dann den Kinderreim „Kindlein, Kindlein bet, morgen kommt der Schwed, morgen kommt der Oxenstern, der den Kindlein ’s Beten lernt“?

Ansbacher: Die Menschen in der Stadt wussten vorher ja nicht, was auf sie zukommen würde. Den Schweden eilte ein schrecklicher Ruf voraus. Die Bevölkerung hatte daher allen Grund zur Sorge. Übrigens war dieser Reim in unserer Region um 1932 noch gängig. Die Schulkinder mussten ihn auswendig lernen. Heute kennt ihn kaum noch jemand.

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