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Landkreis Dillingen

26.06.2020

Komasaufen: Ist der Landkreis Dillingen ein „Hotspot“?

Bayernweit müssen immer weniger Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung behandelt werden. In Dillingen dagegen gibt es in dieser Statistik einen Anstieg.
Bild: DAK-Gesundheit/Wigger (Symbol)

Plus Immer weniger Jugendliche müssen in Bayern wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. In Dillingen ist aber die Zahl der Fälle laut Statistik gestiegen.

Immer weniger Jugendliche müssen in Bayern wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Das zeigen laut der Krankenkasse DAK-Gesundheit bislang unveröffentlichte Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik für das Jahr 2018. Trotzdem gibt es auch gegenläufige Trends, zum Beispiel in Dillingen.

Landesamt für Statistik: Komasaufen unter Jugendlichen geht zurück

3789 Jugendliche, sogenannte Komasäufer zählte das Landesamt für Statistik für das Jahr 2018 in Bayern. In der Regel versteht man unter dem Begriff Komasaufen ein Rauschtrinken bei Jugendlichen, bei dem sie in kurzer Zeit sehr viel Alkohol konsumieren, um einen stark veränderten Bewusstseinszustand herbeizuführen. In der Statistik fallen unter diese inoffizielle Bezeichnung alle Personen zwischen zehn und 19 Jahren, die in Bayern wohnen und vollstationär wegen einer Alkoholvergiftung behandelt wurden. Die Zahl liegt 7,4 Prozent unter der aus dem vorangegangenen Jahr und sank damit zum siebten Mal in Folge. Damit liegt sie nun auf dem niedrigsten Stand seit 2007.

Christina Rummel von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) erklärt die Entwicklung so: „Alkoholkonsum und der damit einhergehende Kontrollverlust werden bei Jugendlichen zunehmend auch als ‚uncool‘ angesehen. Fit und schön verträgt sich nicht mit Alkohol.“ Das sieht Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml genauso: „Ein verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol statt Alkohol-Missbrauch ist unser gemeinsames Ziel. Deshalb fördert das bayerische Gesundheitsministerium Projekte wie ‚HaLT – Hart am Limit‘ und ‚Disco-Fieber‘.“ Auch den Wettbewerb „bunt statt blau“, bei dem Schüler zwischen zwölf und 17 Jahren mit Plakaten kreative Botschaften gegen das Rauschtrinken entwickeln, unterstützt das Gesundheitsministerium. In zehn Auflagen haben daran bereits mehr als 100.000 Jugendliche teilgenommen.

Komasaufen: Ist der Landkreis Dillingen ein „Hotspot“?

Komasaufen: In Schwaben sticht Dillingen negativ heraus

Rummel von der DHS betont aber auch: „Es darf nicht allein auf die Verhaltensprävention gesetzt werden, vielmehr ist eine effektive Verhältnisprävention zwingend notwendig. Darunter verstehen wir Preisanhebungen, die Reduzierung von Verfügbarkeit, Werbeverbote und kein Alkohol für Jugendliche unter 18 Jahre.“ In anderen europäischen Ländern sei dies eine Selbstverständlichkeit.

Die aktuellen Zahlen zeigen Unterschiede, sowohl zwischen Mädchen und Jungen als auch zwischen verschiedenen Orten in Bayern. Bei männlichen Jugendlichen gab es mit 2123 Fällen 2018 deutlich weniger als noch 2017, ein Minus von 355 Fällen beziehungsweise 14,3 Prozent. Dagegen stieg die Anzahl der vollstationären Behandlungen von Komasäuferinnen um 53 Fälle beziehungsweise 3,3 Prozent auf 1666.

Im Regierungsbezirk Schwaben sticht Dillingen negativ heraus. 25 vollstationäre Behandlungen gab es in der Großen Kreisstadt 2018 wegen Alkoholvergiftungen und damit acht mehr als 2017, ein Plus von 47,1 Prozent. Christina Rummel von der DHS möchte Dillingen dennoch nicht als „Hotspot“ des Komasaufens bezeichnen. Die genauen Hintergründe in Dillingen kenne sie nicht.

Viele Jugendliche überschätzen sich

Nicole Menzel von der Krankenkasse DAK-Gesundheit in Günzburg, die auch für Dillingen zuständig ist, sagt zu den alarmierenden Zahlen: „Viele Jugendliche überschätzen sich und glauben, Alkohol gehöre zum Feiern und Spaßhaben dazu.“ Dabei sei dieser gerade bei jungen Menschen besonders gefährlich. „Alkohol wirkt auf junge Menschen schneller, stärker und länger als auf Erwachsene. Wichtige Gesundheitsthemen wie dieses sollten im Schulalltag diskutiert werden.“ Rummel von der DHS möchte den Eindruck, exzessiver Alkoholkonsum sei ein besonderes Phänomen bei Jugendlichen, so nicht stehen lassen. „Wenn es um die Gesamtzahl der in Deutschland riskant trinkenden Menschen zwischen 18 und 64 Jahren geht, liegen wir bei 6,7 Millionen“, sagt sie. Als riskanter Konsum gilt dabei der durchschnittliche Konsum von mehr als zwölf Gramm (Frauen) beziehungsweise 24 Gramm (Männer) Reinalkohol pro Tag. Zur Einordnung: Ein halber Liter Bier enthält beispielsweise etwa 20 Gramm Reinalkohol. „Wenn Sie sich die deutsche Krankenhausstatistik ansehen, sind es viel mehr Erwachsene, die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen, als Jugendliche.“

Dennoch zeigen die deutschlandweiten Zahlen des Bundesamts für Statistik für das Jahr 2017: Keine Altersgruppe ist so stark betroffen wie die 15- bis 19-Jährigen. Von ihnen kamen fast 19000 wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Es folgen die 50- bis 54-Jährigen mit 11737 Fällen.

Erwachsene haben während des Lockdowns mehr getrunken

Die Expertin gibt auch Tipps für das Umfeld, wenn es bemerkt, dass ein junger Mensch seinen Alkoholkonsum nicht im Griff hat. „Verschweigen hilft nicht, sondern neutral ansprechen mit dem Tenor ‚Ich mache mir Sorgen um dich‘ oder ‚Ich habe beobachtet, dass …‘“, erklärt sie. Eltern und Jugendliche könnten sich Hilfe holen und umfassend informieren, unter anderem online bei der DHS oder unter www.suchthilfeverzeichnis.de.

Ob Jugendliche nach Öffnung von Diskotheken in den kommenden Monaten erst recht einen extremen Rausch suchen, wagt Christina Rummel nicht vorherzusagen. „Für Erwachsene bestehen allerdings erste Hinweise, dass sie in der Zeit des Lockdowns mehr getrunken haben“, sagt sie.

Die Dillinger Polizei versucht, Jugendliche frühzeitig auf die Gefahren von Alkohol und anderen Drogen aufmerksam zu machen. Beamte besuchen Schulen und halten von der siebten bis zur zehnten Jahrgangsstufe Präventionsunterrichte ab. Auch in Berufsschulen sprechen die Polizisten. Nach Angaben der Dillinger Polizei ist die Zahl solcher Schulbesuche in den vergangenen Jahren gestiegen. Zum einen, weil die Schulen häufiger bei der Polizei anfragen würden. Zum anderen, weil die Polizei in diesem Bereich einen eigenen Schwerpunkt setzen möchte. (mit ands)

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