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Landkreis Dillingen

05.05.2020

Corona-Krise: Wer denkt an die Fitnessstudios?

Sofort bereit für einen Wiederbetrieb wenn auch unter verschärften Bedingungen: So wie Christian Deisler (mit Schutzhaube und Desinfektionsmitteln) in seinem Studio in Gundelfingen wäre die Fitness-Branche zur baldigen Öffnung in der Lage.
Bild: K. Ortner

Studio-Betreiber fühlen sich in der Corona-Krise von Politik und Staat vergessen – und halten bis zur Lockerung der Sperrkriterien mit pfiffigen Ideen Kontakt zum Kunden.

Birgit Schmid, eine 52 Jahre alte Frau mit starkem Bewegungsdrang, muss zurzeit gleich auf zwei tägliche „Trainingseinheiten“ verzichten. In dem von ihr mitbetriebenen Fitness-Studio am Rand des südlichen Gewerbegebiets von Wertingen herrscht seit Mitte März gähnende Leere. Da hat die erfahrene Kursleiterin mangels Kunden außer etwas Renovieren, Wandstreichen, Toilettenfliesen-Reparieren und Saunapflege relativ wenig zu tun. Ihre zweite Hauptaufgabe, nämlich als Bedienung in der Gastronomie, fällt seit beinahe zwei Monaten ebenfalls flach. Beim bundesweiten Corona-Stillstand trifft es vor allem diese beiden Branchen hart.

Ist Sport systemrelevant?

Was den Fitness-Verantwortlichen in dutzenden Einrichtungen der Region besonders missfällt: Geredet wird bei der Diskussion um Krisen-Verlierer oft vor allem von Tourismus, Hotel- und Gaststättengewerbe. Der Sport im Allgemeinen scheint dagegen den politisch Verantwortlichen weniger „systemrelevant“ zu sein. Schlimmer: Als sich die Politiker zuletzt zu „Lockerungsübungen“ bei den strikten Pandemie-Regeln entschieden, wurde der schweißtreibenden Betätigung vorerst weiterhin jeglicher Bewegungsspielraum verwehrt. Eine kleine Hoffnung: Am heutigen Mittwoch gibt es eine Bund-Länder-Besprechung bei der Kanzlerin.

Stundenlang auf dem Spinning Bike?

Bis dahin – mindestens – hätte Studio-Frau Schmid ein zwei Stockwerke hohes, rund 800 Quadratmeter umfassendes Areal ganz für sich. „Doch stundenlang auf dem Spinning Bike zu sitzen und den Frust über die ganze Sache wegzustrampeln, das geht nicht so einfach. Und macht ohne menschliche Umgebung keinen Spaß“, sagt sie. Abgesehen vom Spaß muss der Studiobetrieb auch finanziert werden.

Auf ganz Deutschland bezogen summiert es sich auf rund zwölf Millionen Kunden, die den mehr als 10000 Fitnesstempeln mit rund 200000 Mitarbeitern zuletzt fünfeinhalb Milliarden Euro Jahresumsatz bescherten. „Viele Mitglieder zeigen sich solidarisch, andere verlangen ihr Geld zurück“, weist die passionierte Sportlerin Birgit Schmid auf die Misere ihres Geschäftszweigs hin. Solidaritätsadressen an die gebeutelte Branche mit Durchhalteparolen und sogar Liebeserklärungen gibt es im Landkreis immerhin zuhauf, viele Vertragspartner beschwören ihre Treue. Aber wie lange noch werden zahlende Bürger ihrem Studio noch die Stange halten?

Wer bei Fortdauer der Einschränkungen dabei bleibt oder abspringt, lässt sich von den Chefs nicht genau abschätzen. Doch eine der Folgen von Corona steht nach einer Studie des Unternehmens Sport Alliance bereits jetzt fest: Die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge geht rapide zurück, im März wurden über 60 Prozent weniger Mitgliedschaften im Vergleich zum Vorjahr abgeschlossen. „Vereinbarungen laufen aus und es ist fraglich, ob die Menschen weitermachen, denn viele haben Angst und trauen sich gar nicht mehr ins Studio“, weiß mit Nicola Mändle die Chefin eines großen Fitness-Centers in Dillingen. Die Einbußen bei den monatlich eingehenden Euros bekommt auch Tobias Pfennig kräftig zu spüren, der in Lauingen ein nach seinen Worten eher familiäres Zentrum mit „loyalen Mitgliedern“ führt. Anbieter Christian Deisler in der Nachbarstadt Gundelfingen spricht dagegen jetzt schon von einer „wirtschaftlichen Katastrophe“ und zählt Kostenfaktoren wie etwa Miete, Geräte-Leasing oder Mitarbeiter auf. „Zum Glück kommt mir die Kommune als Vermieter entgegen“, lobt er.

"Keiner wird berührt"

Keine Rechnungen, aber dafür deutliche Appelle an Kommunal- wie Landes- und Bundespolitiker formuliert der verärgerte Mann dieser Tage mit großem Engagement. Wie Kollege Pfennig, der die amtlichen Kriterien für das Weiterlaufen der verschiedenen Sparten als „an den Haaren herbeigezogen sieht“, schießt sich der um sein Geschäft fürchtende Deisler seit Wochen auf Ämter wie Personen ein: „Kann mir mal jemand erklären, warum Fußpfleger weiterarbeiten und Friseure aufmachen dürfen, obwohl sie dem Menschen viel näher kommen als wir?“, schimpft er im Gleichklang mit dem Lauinger Fitness-Anbieter Cello Teichmann, der versichert „dass wir bei unserem Job keinen berühren.“ Teichmann ist Personalcoach und betreibt das reine Kursstudio „Cellos Sports Area“ – ohne fixe Kundenverträge, ohne fixen Einnahmen. Seit Wochen bietet auch er täglich Online-Kurse an. Die will er künftig weitermachen, „aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt er. Wie seine Kollegen im Landkreis sehnt er sich nach einer Wiedereröffnung oder zumindest nach einem Fahrplan. Vorbereitet ist er: Schutzhaube, Fiebermessgerät, Desinfektionsstation, separate Ein- und Ausgänge und vieles mehr.

Auch Christian Deisler ist vorbereitet, ersetzt als studierter Sportwissenschaftler noch eins drauf: „Obwohl unsere Branche durch Muskel - und Krafttraining aktiv etwas fürs Immunsystem macht, lässt man uns außen vor.“ Es müsse endlich Schluss sein mit dem abgenutzten Stempel von der „bloßen Muckibude“. In der Gesundheitsvorsorge des Bürgers sieht auch Pia Gantze ihre Arbeit als Geschäftsführerin des ähnlich lautenden Studios in Wertingen: „Zu uns kommen nicht nur Menschen, die eine Topfigur haben möchten, sondern auch Patienten. Sie befürchtet, dass man die Fitness-Szene „einfach ein bisschen vergessen hat.“ Umso stärker rückt bei Gantze und Kollegen das physische wie psychische Wohl der Kunden ins Gedächtnis.

Fit im Home-Office

Trotz Ausgangssperre lautet zwischen Syrgenstein und Buttenwiesen die Devise „Weg mit dem Coronaspeck!“. Für Rücken, Beine, Po & Co. werden Matten, Spezialbälle, Hanteln und selbst Spinning-Geräte ausgeliehen oder gleich frei Haus geliefert. Home-Office in Bewegung: Mit pfiffigen Trainings-Ideen zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie per Sozialem Netzwerk wird sich dem „Social Distancing“ entgegengestemmt. Dabei bedarf es zum Video-Workout laut Tobias Pfennig nicht immer größten Materialaufwand: „Es reicht auch mal ein Besenstiel oder das Kopfkissen.“

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