Newsticker
Bundes-Notbremse tritt heute in Kraft – Inzidenz steigt
  1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Artenvielfalt auf dem Friedhof: Was auf den Donau-Rieser Gräbern lebt

Wemding

03.04.2021

Artenvielfalt auf dem Friedhof: Was auf den Donau-Rieser Gräbern lebt

Der Friedhof – hier in Wemding – ist nicht nur ein Ort des Todes, sondern auch ein Lebensraum.
Foto: Daniel Weigl

Plus Die Ruhestätten in der Region Donau-Ries bieten mehr Artenvielfalt, als man denkt. Warum sich ein genauer Blick lohnt.

Einen Friedhof als Lebensraum zu bezeichnen, klingt für viele auf den ersten Blick paradox. Schließlich begraben wir hier unsere Liebsten, nachdem sie gestorben sind. Der Friedhof ist ein Ort des Todes und der Trauer.

Für Jürgen Adler, langjähriger evangelischer Pfarrer in Ebermergen, ist es vor allem ein Ort des Friedens: „Wir beten und sprechen mit unseren Verstorbenen, glauben an die Auferstehung und den Schöpfungsfrieden“, so Adler. Deshalb sei der Friedhof ein Teil der Schöpfung und ein Ort des Lebens. Es ist eben eine Frage der Perspektive. Jürgen Adler und seine Frau Brigitte betrachten Friedhöfe noch aus einem zweiten Blickwinkel. Für sie sind es Orte „sprühender Lebenslust“. Die passionierten Pflanzenliebhaber schätzen die letzte Ruhestätte als kleine Paradiese für die heimische Flora und Fauna. Gemeinsam mit ihren Kollegen der Arbeitsgemeinschaft Flora Nordschwaben kartieren sie seit 30 Jahren ehrenamtlich Wildpflanzen in den Landkreisen Dillingen und Donau-Ries. „Vor allem auf Friedhöfen finden wir so einige Schätze“, erklärt Brigitte Adler. Über 100 Friedhöfe der Region haben sie in der Arbeitsgemeinschaft bereits kartiert. „Meistens sind wir zu acht, und jeder spezialisiert sich auf eine bestimmte Form der Vegetation“, erklärt das Ehepaar aus Nördlingen.

Corona bremst das Projekt, Artenvielfalt auf Friedhöfen zu erkunden

Die einen kennen sich mit Bäumen besonders gut aus, die anderen mit Pflanzen, und manche bestimmen Flechten und Moose auf Grabsteinen und Friedhofsmauern. Etwa eine Stunde dauert eine solche Exkursion. Danach wird alles fein säuberlich in Listen eingetragen. „Momentan können wir aufgrund von Corona leider nicht weitermachen, aber wir freuen uns schon darauf, wenn es wieder losgeht, denn es gibt noch einiges zu entdecken“, so Brigitte Adler. Und in der Tat, wer sich etwas mehr auf die kleinen Stellen abseits der Kieswege und zwischen den Pflastersteinen konzentriert, der erkennt den Lebensraum Friedhof sofort.

Ortsbegehung auf dem städtischen Friedhof in Wemding: Es herrscht reges Treiben. Bei strahlendem Sonnenschein bringen viele Wemdinger ihre Gräber für Karfreitag auf Vordermann. Brigitte Adler interessiert sich für die Grabstätten nur am Rande. Sie richtet ihren geschulten Blick vielmehr auf die kleinen Wege und Wiesen zwischen den Grabsteinen. Um den Hals hat sie immer eine kleine Lupe hängen. „So kann ich kleine Härchen auf den Pflanzen besser erkennen“, erklärt sie und zeigt auf die Wurzeln einer Buche. In deren Nischen haben es sich ein paar lilafarbene Märzveilchen gemütlich gemacht. Auf ihnen krabbeln ein Dutzend Feuerwanzen umher. Ein paar Meter weiter zückt Jürgen Adler seine Kamera. Er hat einen Acker-Gelbstern entdeckt.

Auf städtischen Friedhöfen in Donau-Ries ist die Artenvielfalt größer

Es gibt drei Arten davon: den Acker-, den Wald- und den Wiesen-Gelbstern. „Auf dem Wemdinger Friedhof findet man alle drei“, erklärt Adler. Ohnehin sei die Ruhestätte in der Fuchsienstadt einer der schönsten in der Region. Vor allem der obere Bereich, direkt am Waldrand, hat es dem Hobby-Botaniker angetan. Hier findet er zwischen den Grabsteinen – und dem in Wemding einzigartigen Wasserlauf – Anemonen, Lerchensporne, Märzenbecher und Leberblümchen. „Ein kleiner Garten Eden mitten in der Stadt“, freut sich Adler. Im Schnitt über 150 Wildpflanzen entdecken die Ehrenamtlichen der Arbeitsgemeinschaft Flora Nordschwaben bei ihren Exkursionen auf den Friedhöfen. Dabei gibt es Unterschiede: „Wir haben beobachtet, dass auf städtischen Friedhöfen mehr wächst als auf den kleineren Dorfriedhöfen“, erklärt Jürgen Adler.

Das läge vor allem an der Größe, aber vielleicht auch „am nachbarschaftlichen Druck, alles schön sauber zu halten“, ergänzt seine Frau. Oft werden kleine Pflänzchen, die neben den Gräbern und zwischen den Kieswegen hervorsprießen, fälschlicherweise als Unkraut angesehen und herausgerissen. Auch die vielen Kieswege und abgemähten Rasenflächen stören die beiden Hobbybotaniker. „Wir würden uns wünschen, einfach die Natur wachsen zu lassen und somit auch die Artenvielfalt auf den Friedhöfen zu erhalten“, erklärt das Ehepaar. Schließlich handelt es sich um einen Lebensraum.

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren