Newsticker

Urlaubsreisen bald wieder möglich? Söder bleibt skeptisch
  1. Startseite
  2. Lokales (Donauwörth)
  3. Coronakrise: Wenn Betriebe aus der Not eine Tugend machen

Landkreis Donau-Ries

26.03.2020

Coronakrise: Wenn Betriebe aus der Not eine Tugend machen

Die Firma Systemkosmetik in Münster stellt derzeit im Akkord Desinfektionsmittel her. Geschäftsführer Dietmar Schmid berichtet, dass die Nachfrage noch nicht einmal ganz befriedigt werden kann.
Bild: Wenzel

Plus Firmen stellen sich neu auf, reagieren flexibel und produzieren anders. Was bisher Nebenprodukt war, könnte jetzt den Fortbestand der Firma sichern – und Jobs.

Es gibt auch Lichtblicke in diesen wirtschaftlich extrem angespannten Zeiten. Unternehmen aus der Region, die es schaffen, die aktuell völlig veränderte Nachfrage flexibel zu bedienen und so ein Stück weniger Sorgen haben. Zugleich können sie in Zeiten von Corona ein Stück Sicherheit verschaffen.

Dazu gehört die Firma Systemkosmetik in Münster mit etwa 125 Mitarbeitern. Bisher hat der Betrieb nur in kleinen Mengen Desinfektionsmittel hergestellt. Jetzt aber, steigt die Nachfrage rasant, denn es hat sich herumgesprochen, dass Systemkosmetik diese begehrten Sprays liefern kann. Bisher war das Desinfektionsmittel eher ein Beiprodukt.

Derzeit 10.000 Flaschen am Tag - früher die Jahresproduktion

Systemkosmetik fällt unter die Hygieneverordnung, muss also in der Produktion erhöhte Standards erfüllen und stellt deshalb für den eigenen Bedarf diese Mittel her. Einige Apotheken wurden ebenfalls beliefert. So stellte Systemkosmetik etwa 10.000 Flaschen pro Jahr her. Aktuell läuft diese Stückzahl am Tag.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

„Wir hatten die Inhaltsstoffe auf Lager, weil wir daraus Deodorants herstellen wollten“, sagt Geschäftsführer Dietmar Schmid. „Nachdem die Nachfrage so groß war, haben wir die Produktion innerhalb eines Tages umgestellt und machen daraus jetzt die Desinfektionslösungen.“

 Das Unternehmen könnte noch mehr produzieren, aber dafür bräuchte es mehr Rohstoffe.
Bild: Wenzel

50 Prozent der Belegschaft konzentrieren sich aktuell nur darauf. „Alle ziehen mit. Das stärkt bei uns die Moral“, sagt Schmid. Im regulären Hauptgeschäft – hochwertige Kosmetik für Apotheken – ist die Nachfrage gesunken und Inhaltsstoffe können nicht nachgeliefert werden. Abnehmer für das Desinfektionsspray sind in erster Linie Apotheken. Zudem werden Firmen in der Region mit eigenem Bedarf für Mitarbeiter beliefert. „Vom Metallbauer bis zu Luftfahrtindustrie ist da alles dabei“, verrät Schmid, ohne Namen zu nennen.

Die Anfragen aber häufen sich und es laufen Bestellungen aus ganz Deutschland ein – München, Hamburg, Düsseldorf. Doch mittlerweile gibt es ein Nachschubproblem: Es fehlt an den Plastikflaschen und Dosierköpfen. „Bei den Packmitteln haben wir Lieferengpässe“, sagt Schmid. „Deshalb mussten wir unser Liefergebiet einschränken.“ Aktuell werden die Postleitzahlen 9 bis 6 bedient. „Kommt die Ware, könnten wir am Tag bis zu 250.000 Stück herstellen und so noch mehr abdecken und damit mehr Menschen versorgen.“

Der Preis für Alkohole ist in die Höhe geschnellt

Die Alkohole sind außerdem sehr teuer geworden. Der Preis für Isopropanol sei explodiert, berichtet Schmid. Bisher kostete der Liter 1,43 Euro, jetzt 12 Euro. Deshalb haben die Fläschchen mittlerweile auch einen Preis von gut drei Euro das Stück. „Wer Desinfektionsmittel dieser Tage günstiger kauft, der muss sich fragen, ob da wirklich drin ist, was drauf steht“, so der Experte. Man solle vor allem darauf achten, dass die Lösungen auch viruzid sind, also nicht nur Bakterien, sondern auch Viren abtöten. Es gäbe mittlerweile auch schwarze Schafe auf diesem Markt.

Ebenfalls schnell auf die neue Virenlage eingestellt hat man sich bei Glas Strobl in Donauwörth. Thomas Strobl und seine Mitarbeiter fertigen seit einigen Tagen mobile Infektionsschutzwände aus Plexiglas. „Ein Apotheker aus Donauwörth rief uns an, ob ich so etwas bauen könnte“, erzählt Strobl.

Diese Wände schützen Kunden und Mitarbeiter

Er konnte. Und er tut es weiter, denn auch das hat sich wie ein Lauffeuer über die Medien verbreitet. Strobl fertigt aus dem leichten und einfach zu verarbeitenden Material Trennwände, die auf Tresen oder an den Kassen installiert werden. Dort schützen sie Kunden und auch den Mitarbeiter an der Kasse oder hinter dem Tresen vor einer möglichen Infizierung mit dem Coronavirus.

Mittlerweile hat er nicht nur zahlreiche Apotheken, Arztpraxen, Krankenhäuser, sondern auch Lebensmittelgeschäfte und Märkte beliefert. „Das kompensiert für uns einen Teil der jetzt ausgefallenen Aufträge“, berichtet Strobl. Denn viele Kunden möchten aktuell keine Handwerker im Haus haben.

Mobile Schutzwände wie hier in der Maximiliums-Apotheke sind derzeit der Renner. Die Firma Strobl reagiert mit dieser Herstellung auf den aktuellen Bedarf.

Für Strobl, der Landesinnungsmeister des bayerischen Glashandwerks ist, kompensieren die Infektionsschutzwände einen Teil des klassischen Geschäfts. Doch auch er kann nicht so, wie er gerne möchte. „Vergangene Woche musste ich einen Auftrag für 8000 Infektionsschutzwände ablehnen – mir fehlt einfach das Material“, sagt Strobl hörbar enttäuscht.

Der Großhandel kommt mit der Lieferung nicht hinterher

Normalerweise bezieht er Plexiglas durch den Großhandel. Der Konzern Evonik in Deutschland ist einer der größten Hersteller. „Aber die kommen einfach nicht hinterher. Die Nachfrage ist extrem gestiegen“, sagt Strobl. Deshalb kauft er Restbestände auf, wo es nur geht – immer wieder mit Erfolg. „Aktuell haben wir wieder Ware. Wir können neue Aufträge annehmen.“

Um in dieser Notlage zu helfen, hat der Nördlinger Aromahersteller Destilla reagiert. „Wir stellen aus unserem Lager sämtliche Rohstoffe, die für die Herstellung von Desinfektionsmittel gebraucht werden, für Apotheken und Krankenhäuser in der Region zur Verfügung“, teilt ein Unternehmenssprecher mit. Diese dürften sich gerne an Destilla wenden und könnten die Rohstoffe unkompliziert von uns erhalten. „Wir möchten bestmöglich mithelfen und uns solidarisch zeigen.“

Die Nachfrage übersteigt das Angebot

Es seien Anfragen von Rettungskräften wie dem Roten Kreuz, der Feuerwehr oder dem THW an das Unternehmen möglich. Diesen Hilfsorganisationen werde Desinfektionsmittel – ebenfalls aus Lagerbeständen – gespendet, so Geschäftsführer Matthias Thienel. Bei den Grundstoffen für die Herstellung von Desinfektionsmittel handle es sich um Ethanol, Isopropylalkohol und Glycerin, das der Hautpflege diene. „Wir haben uns alles an Ethanol gesichert, was am Markt zu bekommen war. Wir haben die Rohstoffe auf Lager, weil wir diese auch im Lebensmittelbereich verwenden. Wir benötigen Ethanol als Trägerstoff für die Aromen und zur Herstellung von Destillaten“, erklärt der Sprecher.

Der Markt sei leer gefegt und die Preise hätten sich in letzter Zeit verdreifacht. Die Nachfrage nach Ethanol übersteige deutlich das Angebot, weshalb die Lieferanten die Nachfrage nicht bedienen könnten. Destilla sehe sich momentan in der besonderen Verantwortung, die Lieferketten der Lebensmittelindustrie aufrecht zu erhalten, so Matthias Thienel.

Lesen Sie hierzu auch:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren