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Donau-Ries

24.05.2020

Muslime im Donau-Ries: Familie Nevruz betet für ein Ende der Corona-Krise

Beim Fastenbrechen nach Sonnenuntergang: die Familien Nevruz in Bäumenheim.
Bild: Helmut Bissinger

Plus Für die Gläubigen geht die viermonatige Fastenzeit zu Ende. Ein Ramadan, wie ihn noch niemand erlebt hat. Die beliebten Treffen nach Sonnenuntergang fallen angesichts der Pandemie aus. Wie das eine Familie empfindet.

Corona hat den Fastenmonat für die Muslime zu einer noch außergewöhnlicheren Zeit werden lassen, als es der Ramadan ohnehin schon ist. „Es waren Feierlichkeiten, wie es sie noch nicht gegeben hat“, sagt Hamdi Nevruz aus Bäumenheim. Seine Nichte Zümra kann den besonderen Umständen aber auch etwas abgewinnen: „Ramadan war in diesem Jahr viel spiritueller“, sagt die 19-Jährige. Sie habe die Abende genutzt, um – wie es Tradition ist – im Koran zu lesen.

Gemeinsames Fastenbrechen nach Sonnenuntergang ist unmöglich

„Alles war anders als sonst“, blickt Hamdi Nevruz zurück. Am Sonntag nun endet der Fastenmonat – auch in einer anderen Form als üblich. Nach einem langen Tag des Fastens bei Sonnenuntergang mit der Großfamilie und Freunden gemeinsam beim Abendessen sitzen, das ist für viele Muslime das Wichtigste am heiligen Monat Ramadan. Doch diese so beliebten und für die Gemeinschaft der Muslime auch in Bäumenheim oder Donauwörth so wichtigen traditionellen Festmähler hat es wegen der Corona-Pandemie nicht gegeben.

Zümra Nevruz, die demnächst ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau bei einer Firma in Mertingen abschließt, schmunzelt ein wenig, als sie erzählt, dass die Mitglieder der Familie vier Wochen lang jeden Tag um drei Uhr morgens aufgestanden seien, um ausgiebig, noch bei Dunkelheit, zu frühstücken. Das Abendessen hat Hava Nevruz dann immer so zubereitet, dass es nach Sonnenuntergang serviert werden konnte. „Da sind wir ein bisschen im Nachteil“, lacht Hamdi Nevruz. In der Türkei werde es früher dunkel – und dadurch könnte man dort früher das Fasten brechen.

Muslime im Donau-Ries: Familie Nevruz betet für ein Ende der Corona-Krise

Kontakt mit der Türkei, wo Corona wütet

Ansonsten ist er aber schon froh, in Bäumenheim zu leben. Zur Familie im türkischen Kayseri hält man ständig mit modernen Kommunikationsmitteln Kontakt. „Dort hat Corona voll zugeschlagen“, berichtet der 59-Jährige, der früher als Rangierer bei der Bundesbahn gearbeitet hat. In der alten Heimat gelte ein striktes Ausgangsverbot, „sogar ein Besuch in der Moschee ist nicht möglich“. Diesbezüglich hat es aber auch in der Fatih-Moschee in Bäumenheim Einschränkungen gegeben: Aus den sonst üblichen fünf täglichen Ramadan-Gebeten sind drei geworden, „alles mit dem nötigen Abstand“. Immer wieder habe man in der Moschee gemeinsam für ein Ende der Corona-Krise gebetet.

Hamdi Nevruz, 1980 nach Deutschland gekommen, war 30 Jahre lang der Vorsitzende des Fatih-Vereins. Es habe ihm schon Angst gemacht, als das Coronavirus in Deutschland so heftig grassierte, mit anderen Menschen zu sprechen. Angst habe er nicht um seine Gesundheit und sein Leben gehabt, vielmehr darum, andere möglicherweise anzustecken. Er habe viel Verständnis, dass diesmal alles rund um den Fastenmonat bescheidener ausgefallen sei. Wenn ein Staat als Maßnahme zur Eindämmung einer Epidemie alle großen Versammlungen und Aktivitäten aussetze, sei es doch auch leicht möglich gewesen, die Gebetszeiten zu reduzieren.

Besonders das Ende des Fastenmonats wird üblicherweise groß gefeiert: zunächst mit einem feierlichen Gebet, dann mit einem fröhlichen Essen nach Sonnenuntergang. Zuckerfest nennen das die Muslime. „Das muss alles entfallen“, bedauern alle in der Großfamilie Nevruz. Zuhause spricht man türkisch, ansonsten deutsch. Das Leben in zwei Kulturen gefällt Zümra. Sie kennt Mevlana genauso wie Goethe, sie weiß, was in Deutschland wichtig ist, aber auch, wie die Menschen in der Türkei „ticken“.

Die Menschen rücken enger zusammen

„Die Fastenzeit haben die sunnitischen Muslime in der Region gut gemeistert.“ Davon ist Hamdi Nevruz überzeugt. Das Coronavirus bewirke, wie er meint, dass die Menschen enger zusammenrücken. Und es zeige sich, dass es jeden treffen könne, ob reich oder arm, ob Katholik oder Muslim, ob Mann oder Frau. Seine Gedanken sind in diesen Tagen auch in der Türkei, wo die Regierung zum Ende des Ramadan wegen der Pandemie sogar eine viertägige Ausgangssperre verhängt hat.

Ein palästinensisches Mädchen wartet während des heiligen Monats Ramadan in Rafah im Gazastreifen auf die Verteilung von Wohltätigkeitsessen.
Bild: Khaled Omar/XinHua/dpa

In Bäumenheim kann man wenigstens in kleinem Rahmen feiern: mit Manti, mit Hackfleisch gefüllten Maultaschen (eine Spezialität aus Kayseri und Kappadokien), mit einer speziellen Linsensuppe und den allseits bei Türkei-Urlaubern bekannten, süßen Backwaren.

Ob die Familie wie sonst in jedem Jahr im Sommer für vier Wochen in der Türkei die Landsleute treffen kann, bleibt ungewiss. „Es wäre einfach schön“, meint Zümra. Aber ob ein Besuch bei den Verwandten und Freunden möglich sei, „das ist fraglich“. Wenn es eine Flugverbindung gäbe, dann drohe aber möglicherweise eine Quarantäne, in der Türkei genauso wie bei der Rückkehr in Deutschland.

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