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08.12.2019

Vom Erz bis zum Engel

Die Feuerwehr in Harburg musste sich im 19. Jahrhundert erst einmal etablieren. Hier die Spritze von 1872.
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Die Feuerwehr in Harburg musste sich im 19. Jahrhundert erst einmal etablieren. Hier die Spritze von 1872.
Bild: Harburger Hefte

Die Autoren der „Harburger Hefte“ blicken in Band 15 in vergangene Jahrhunderte. Vieles, was in der Burgstadt und deren Umgebung passierte, war wenig erfreulich. Es gibt aber auch kuriose Gegebenheiten. 

Durch viele Jahrhunderte reichen die Themen, welche die Autoren der „Harburger Hefte“ in Band 15 aufgegriffen haben. Ebenso breit gefächert ist der Inhalt auf den 240 Seiten. Er reicht vom Abbau von Eisenerz im Wörnitztal über einen im 17. Jahrhundert geborenen Kunsthandwerker, dessen Arbeiten noch heute im Schloss und in Kirchen zu sehen sind, bis hin zum Schicksal der Harburger Juden in der Zeit der Herrschaft des Nationalsozialismus. Im Folgenden ein kurzer Blick in die einzelnen Kapitel.

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Die Begriffe „Vertreibung“ und „Integration“ spielen im Beitrag von Fritz Leimer über den Stuckateur Johannes Bühler eine Rolle. Der wurde 1679 als Sohn eines Glaubensflüchtlings aus Österreich geboren. Aus dem bettelarmen Mann sei ein gesuchter Handwerker geworden. Der habe viel in der Burg gearbeitet, beispielsweise in der Schlosskirche und im Fürstensaal. Seine Werke seien aber auch in der Barbarakirche erhalten geblieben.

Vom Erz bis zum Engel

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An einen Aufruhr in Alerheim, Harburg und Bissingen erinnert Richard Hlawon. Nachdem das Fürstentum Oettingen-Wallerstein 1806 bayerisch geworden war, sollten junge Männer in den drei Orten für die bayerische Armee gemustert werden. Die Bereitschaft war nicht sehr groß. Es kam zu Tumulten, die fast in einen gewaltsamen Widerstand mündeten. „Die Aktion erregte in München ein ziemliches Aufsehen“, so Hlawon. Letztlich sei die Sache im Sande verlaufen, jedoch habe es einige Strafverfahren gegen Untertanen gegeben. Mancher musste für längere Zeit ins Gefängnis.

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Der Historische Verein im Ober-Donau-Kreis hat sich in seinem Jahresbericht 1839 unter anderem mit Harburg beschäftigt. Darauf blickt Jürgen Mündel zurück. Ein gewisser Johann Nepomuk Ritter von Raiser legte über den damaligen Markt („ein offener, unansehnlicher Ort“) ein genaues Zahlenwerk vor. 1450 Bewohner lebten in 240 Wohnhäusern. Es gab fünf Brauhäuser, acht Branntweinbrennereien, neun Wein- und Bierschenken. Allerdings war Raiser offenbar nicht selbst vor Ort: Er schreibt von zwei Stadttoren und „Mauerüberresten“. Tatsächlich hatte Harburg bis Mitte des 19. Jahrhunderts alle fünf Stadttore. Interessant auch der damalige Vorschlag für ein Harburger Dienstsiegel. Der „Adler“ schaue eher aus „wie ein gerupftes Hähnchen“, meint Mündel.

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Heinrich Wolfinger befasst sich auf fast 50 Seiten intensiv mit der Gemarkung Mauren. Wolfinger fand über 20 alte Grenzsteine und fügte eine zerrissene Flurkarte aus dem Jahr 1880 wieder zusammen. Der Autor geht auf die zahlreichen alten Flurnamen und deren Besonderheiten beziehungsweise Ursprung ein. So zeugen die Namen „Schellenfeld“, „Rappertsweiler Waldbezirk“ und „Baldlesweiler Feld“ von Höfen, die in der Umgebung von Mauren existierten, jedoch aufgegeben wurden und verschwanden. Andere Flurnamen erinnern an die Römer, die einst in der Region lebten. Die „Straßenäcker“ lagen einst an einer Römerstraße. Deren Verlauf zeichnet sich bei Trockenheit in Getreidefeldern ebenso ab wie ein damaliger Gutshof. Dies ist auf einigen der zahlreichen Fotos deutlich zu erkennen.

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In den Archiven des TSV Harburg und der Freiwilligen Feuerwehr Harburg hat Richard Hlawon zahlreiche Gegebenheiten, bisweilen auch „kuriose Sachen“ entdeckt. So sei die Gründung eines Turnvereins (TV) in den 1860er Jahren durchaus kompliziert gewesen – und es sei streng zugegangen: „Das Kartenspielen bei Versammlungen war verboten.“ Und weiter: „Wer sich dem Vorstand widersetzt, wird ausgeschlossen.“ Der TV sei dann in die Feuerwehr überführt worden. Diese habe sich erst einmal etablieren müssen: „Es fehlte an Geld für einheitliche Kleidung.“ Auch die Anschaffung einer Spritze sei mühsam gewesen.

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In Band 15 der „Harburger Hefte“ ist auch die Rede von Karl Martin Graß zu finden, die er 2018 bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Pogromnacht 1938 hielt. Graß befasste sich mit dem Schicksal der jüdischen Bürger, die damals in Harburg lebten. Zudem erklärt er die politischen Zusammenhänge in der Zeit, als die Nationalsozialisten herrschten. Graß fand heraus, dass sieben jüdische Mitbürger bis 1936 nach Palästina auswanderten und dort überlebten. Von den Juden, die Anfang 1933 in der Stadt lebten, seien vier im Holocaust ermordet worden. Die Erinnerungen an diese Zeit müsse man „immer wachhalten“, mahnt der Autor.

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Karl Martin Graß beleuchtet auch einen Arbeitseinsatz, den ehemalige Nationalsozialisten 1946 in Harburg leisten mussten: Sie hatten an der Straße nach Brünsee eine Pappelallee zu pflanzen. „Mein Onkel war dabei“, berichtet Graß, der damals neun Jahre alt war und sich auch selbst an die Aktion erinnert.

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„Früher war alles besser.“ Mit diesem Spruch hat sich Fritz Leimer auseinandergesetzt – und herausgefunden, dass dem nicht so war: „Vieles war schlechter.“ Das macht Leimer unter anderem am Beispiel eines Falls aus dem frühen 17. Jahrhundert deutlich. In Harburg wurden Martin Zink und Balthas Eiselin wegen ihrer Homosexualität 1618 zunächst gefoltert und dann zu Tode verurteilt wurden. Zink wurde sogar bei lebendigem Leibe verbrannt. Für die Öffentlichkeit war Leimer zufolge eine solche Hinrichtung „jedes Mal ein Ereignis, das man sich keinesfalls entgehen lassen wollte“. Wirte und Handwerker hätten sich über zahlreiche Kundschaft gefreut.

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Einen breiten Raum nehmen in Band 15 der „Harburger Hefte“ Geschichten aus Heroldingen ein. Dafür verantwortlich ist Ralf Hermann Melber. Der beschäftigt sich mit dem Kammerdiener und Verwalter Nikolaus Beck, der 1623 in dem Dorf geboren wurde. Die Biografie zeige die Situation einer Familie im 30-jährigen Krieg. Beck machte durchaus Karriere. Er kam bis nach Wien und starb 1699 in einem ungewöhnlich hohen Alter in Ansbach. Dort führte er zum Teil die Kasse des Herrschers. Auf die historischen Akten, in denen Nikolaus Beck erwähnt wird, war Gerhard Beck, Archivar auf der Harburg, gestoßen.

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Gleich über 719 Jahre erstrecken sich die umfangreichen Nachforschungen von Ralf Hermann Melber zur Heroldinger Kirchengeschichte. Der Inhalt erstreckt sich über die Zeit von 1300 bis 2019 und handelt unter anderem von einem Pfarrer, der im 30-Jährigen Krieg als „Kanonenfutter“ dienen sollte – und überlebte. Melber beschreibt auch die Baugeschichte der Kirche in Heroldingen. Der Unterbau des Turms stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, der Rest entstand 1849/50. Der Abriss des alten Pfarrhauses 1973 war laut Melber eine „Zankangelegenheit“. Das Gebäude musste weichen, weil der Friedhof erweitert wurde.

Vieles aus der Ortsgeschichte von Heroldingen sei im Landeskirchlichen Archiv in Nürnberg zu finden, berichtet Melber.

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Über die Rolle der Juden im Vereinswesen der Stadt Harburg im 19. und 20. Jahrhundert informiert Richard Hlawon. Fündig wurde er in den Archiven des Liederkranzes, des TSV, der Feuerwehr und des Schützenvereins. Ergebnis: „Die Juden waren vollkommen integriert und spielten eine wichtige Rolle.“ Mit dem Nationalsozialismus habe sich dies schlagartig geändert. 1936 seien die letzten jüdischen Mitglieder aus der Feuerwehr ausgeschlossen worden.

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Am weitesten reichen die Recherchen von Erich Bäcker zurück. Über 2000 Jahre lang wurde nach seinen Erkenntnissen bis ins 20. Jahrhundert hinein im Bereich von Harburg und Ebermergen beiderseits der Wörnitz nach Eisenerz geschürft. Südlich von Ebermergen seien im „Grubenholz“ noch Abraumhalden und Gruben erhalten. Dort seien die metallhaltigen Brocken (Bohnerz) auch gleich verhüttet und in Barren gegossen worden: „Man hat damit gehandelt.“ Dies geschah dort wohl von der Mitte des 5. Jahrhunderts vor Christus bis zur römischen Kaiserzeit. In Harburg wurde das Erz zuletzt am Leitenberg gewonnen. 1923 trieben Arbeiter einen Stollen in den Berg. Der Abbau sei aber nicht mehr rentabel gewesen.

Verkauf Band 15 der „Harburger Hefte“ gibt es erstmals an diesem Wochenende beim Harburger Weihnachtsmarkt zu kaufen – und zwar im Fremdenverkehrsraum (Erdgeschoss) des Rathauses (Samstag 16 bis 20 Uhr, Sonntag 13 bis 18 Uhr). Stückpreis: 12 Euro. Es ist auch das Inhaltsverzeichnis der Bände 1 bis 15 erhältlich (3 Euro). Ebenfalls erworben werden können die Bücher „Harburg & Donau-Ries in alten Dias und Fotos“ (12 Euro) sowie „Diktatur.Krieg.Vertreibung. Der Nationalsozialismus und seine Folgen in Ebermergen, Brünsee und Marbach“ (23 Euro).

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