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Corona-Pandemie

08.03.2021

Renovieren in Zeiten von Corona: Was jetzt im Trend liegt

Familie Loy aus Bobingen hat nun einen neuen Wintergarten.
Foto: Ulrich Wagner

Plus Selten haben Menschen so viel Zeit zu Hause verbracht wie jetzt. Millionen Deutsche nutzen die Pandemie, um die eigenen vier Wände aufzumöbeln.

Das Urlaubsgefühl gibt es ausnahmsweise nicht im Reisebüro, sondern im Baumarkt. Paletten aus Holz, Kissen mit grauen Bezügen, ein Rasenteppich und eine Pflanze liegen auf dem Einkaufswagen, die Benjamin Geiger und seine Freundin über den Parkplatz des Bauhaus-Marktes im Augsburger Stadtteil Lechhausen schieben. „Wir bauen uns ein Sofa für unseren Balkon“, erklärt Geiger, bevor sie die Einkäufe in ihren großen grünen Van laden. „Jetzt gibt es auch wieder schönes Wetter, das wollen wir nutzen“, ergänzt seine Freundin.

Sie sind nicht die Einzigen, die an den ersten Tagen nach Wiedereröffnung der Baumärkte einkaufen, um anschließend das Zuhause zu verschönern. Der Parkplatz ist an diesem Werktag gut gefüllt. Die meisten Kunden schieben knallorangene Einkaufswagen vor sich her, die sich mit Baustoffen, Blumenerde oder Pflanzen füllen. Mit einem vollen Einkaufswagen kehrt auch Helmut Jörg auf den Parkplatz zurück, er baut eine neue Terrasse und ein neues Dach. Den Entschluss, seinen Garten zu verschönern, habe er zwar unabhängig von Corona gefasst. Seine Idee ist aber eine, die viele Menschen während der Pandemie teilen.

Wenn es ungemütlich wird, zieht man sich ins Private zurück

Die Freizeit zu Hause zu genießen, sich aufs Private zu besinnen, Trendforscher nennen das „Cocooning“. Nicht nur ein Schmetterling braucht seinen Kokon. Warum investieren so viele Familien gerade jetzt in ihr Zuhause? „Es ist der Ort, der Sicherheit geben soll, gerade in unruhigen Zeiten“, sagt Trendberaterin Gabriela Kaiser aus Landsberg. Jetzt während der Pandemie gilt erst recht, was Kaiser betont: Sicherheit kann man nur in einem Zuhause empfinden, das wirklich so ist, wie man es gerne hätte. Das Zuhause müsse für viele Dinge herhalten. Während es für manche Ruhe ausstrahle, gebe es anderen Entspannung, Energie oder Aufmunterung. „Es geht darum, dass man sich zu Hause gut aufgehoben und wohlfühlt.“ Wichtig sei, dass man sich fallen lassen könne. „Ein Zuhause kann nicht alles ersetzten, aber sehr viel.“ Den Urlaub etwa, der 2020 nur sehr eingeschränkt möglich war.

Ob Ferien dieses Jahr erlaubt sind, vielleicht nur Geimpfte ans Meer oder in die Berge dürfen, niemand weiß es bisher. Simone und Hardy Loy kann es auch ein wenig egal sein. Sie haben in ihr Leben zu Hause investiert. Vor etwas mehr als zehn Jahren sind Simone Loy – 51 Jahre alt und sehr aufgeweckt, wenn sie spricht – und ihr Ehemann – 58, etwas ruhiger – nach Bobingen gezogen. Sie arbeiten beide im rund 15 Kilometer entfernten Augsburg als Ingenieure beim Landesamt für Umwelt. Mit ihren beiden Söhnen Konstantin und Benjamin, zwölf und neun Jahre alt, leben sie in einem geräumigen Haus mit Garten, direkt am Ortseingang. Hinter dem Garten beginnt das Feld.

Stolz und zufrieden sitzen Simone und Hardy Loy vor dem Bildschirm, als sie während eines Videogesprächs von den Veränderungen am Haus erzählen. Freudig stehen sie auf und beginnen die virtuelle Führung auf dem Tablet. Los geht es im Flur, den trennen jetzt zwei Schiebetüren vom Wohnzimmer. „Wir haben ein hellhöriges Haus und wollten die Möglichkeit haben, das Erdgeschoss abzutrennen“, sagt Hardy Loy. Das sei gerade jetzt besonders praktisch, weil in der Corona-Zeit alle vier Familienmitglieder häufig zu Hause seien. „Man fängt an, seinen Lebensmittelpunkt zu optimieren, ob es Anstreichen oder Ausmisten ist“, erklärt Hardy Loy. „Wenn man mehr Zeit hat, beschäftigt man sich mehr mit der unmittelbaren Umgebung.“

Verglaste Duschen, eine Garderobe im Windfang, ein vollständig eingerichtetes Bürozimmer: Über zehn Jahre lang hatte das Ehepaar diese Projekte im Hinterkopf. Jetzt, wo die Krise das Leben entschleunigt, verwirklichen sie sie.

Wer jetzt beim Schreiner Möbel bestellt, muss lange warten

Michael Arbter von der gleichnamigen Schreinerei in Bobingen hat die Türen für die Loys gebaut. „Wir haben seit Monaten mehr Arbeit als sonst“, sagt er. „Die Leute fahren nicht in den Urlaub, sie investieren lieber in die eigene Wohnung.“ Wer jetzt bei Arbter einen Tisch oder Türen bestellt, muss vier Monate warten. „Wir haben so viele Anfragen – und die Corona-Regeln verzögern den Ablauf.“

Zahlen aus dem Handel bestätigen den Boom: Dass viele Familien ihr Zuhause verschönern, sei bei den Bauhaus-Verkäufen klar erkennbar, sagt ein Sprecher der Baumarktkette. Klassische Renovierungsmaßnahmen seien sehr beliebt. Farben und Tapeten habe man auch in der Saison der Gartenartikel im vergangenen Frühjahr oft verkauft. Mehr noch: Die Nachfrage nach allen Produkten habe im vergangenen Corona-Jahr deutlich zugenommen. „Viele sagen: Bevor ich eine Reise buche, die ich nicht antreten kann, mache ich den Garten schön.“ Pools seien 2020 schon im Frühsommer ausverkauft gewesen.

Bernd Ohlmann vom Bayerischen Handelsverband kennt das Phänomen Cocooning. Neu sei es nämlich nicht: „Schon zurzeit des Irak-Kriegs oder während der Wirtschaftskrise haben sich die Leute in die eigenen vier Wände zurückgezogen.“ Zu kochen und die Wohnung zu renovieren, das seien Anzeichen für die Besinnung aufs Private. Auch Gesellschaftsspiele, etwa die alten Klassiker „Mühle“ und „Mensch ärgere dich nicht“, seien gerade beliebt. Und man will sich im Garten treffen. Allein der Gartenmarkt im Freistaat habe im Corona-Jahr 2020 um ungefähr zehn Prozent zugelegt, sagt der Handelsexperte. Bei Bauhaus in Augsburg fällt denn auch die riesige Gartenabteilung sofort auf. Mitarbeiter beantworten die Fragen der Kunden an Infoständen. Und im Baustoffbereich sind noch etwas mehr Menschen unterwegs.

Homeoffice: Deutsche investieren mehr Geld in Büroausrüstung

Familie Loy hat ihre Renovierungsarbeiten damit begonnen, in den Kinderzimmern zu malern, dann kam der Umbau. Der ältere Sohn Konstantin kommt in die Pubertät, da war eine Umgestaltung fällig. Stolz zeigen seine Eltern das fertige Zimmer am Tablet-Bildschirm. „Wir haben es umgeplant und Schränke und ein neues Bett besorgt.“ Auch neue Büromöbel hat Konstantin jetzt. Sein jüngerer Bruder Benjamin wollte daraufhin sein Zimmer ebenfalls verändern.

Auch das Büro haben die Loys neu eingerichtet. Die wichtigsten Anschaffungen: ein höhenverstellbarer Schreibtisch und ein neuer Bürostuhl. Hardy Loy dreht sich mit dem Tablet in der Hand im Kreis. Das Büro sieht fast aus wie zweigeteilt, denn auf der einen Seite steht der Schreibtisch, am anderen Ende des Raums eine cremefarbene Couch. Der Hauptgrund für das neueingerichtete Büro sei – wie könnte es anders sein – die Corona-Situation: „Wir machen noch mehr Homeoffice als vorher.“

Die Arbeitsbedingungen im Homeoffice zu verbessern, ist nicht unüblich. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben 65 Prozent der Deutschen schon während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 Geld in die Ausrüstung daheim gesteckt. Am begehrtesten: Bürostühle. Der Studie zufolge haben seit dem ersten Lockdown 41 Prozent der Arbeitnehmer zumindest teilweise im Homeoffice gearbeitet. Besonders in der IT- und Telekommunikationsbranche arbeiten viele Menschen von daheim aus. Die Umgestaltung des Büros hatten Simone und Hardy Loy aber schon länger geplant, genauso wie Veränderungen in den Bädern. Sowohl im Gästebad im Erdgeschoss als auch im Familienbad im ersten Stock haben sie den Duschbereich umgebaut. „Als wir vor zehn Jahren eingezogen sind, wollten wir das nach der Bauphase nicht noch länger hinziehen, weil wir einziehen mussten.“

„Viele haben in den Garten investiert, weil sie dort ihren Urlaub verbracht haben“

Mit Bauarbeiten in Badezimmern kennt Albert Kohl sich aus. Er leitet ein Bobinger Unternehmen für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Seine Kunden wollten ihr Zuhause wie Familie Loy aktiv verschönern, berichtet auch er. Einige hätten selber mitgeholfen. „Bei Bad-Umbauten haben manche Kunden den Handwerkern an Tagen zugearbeitet, an denen diese nicht im Haus waren.“ Kunden hätten beispielsweise die Demontage vorgenommen, die Handwerker die Installation. Natürlich nur, wenn es mit dem Hygienekonzept vereinbar war. „Wer eine handwerkliche Begabung hat, packt gerne bei einfachen Sachen mal mit an.“ Manchmal sicher auch, um Geld zu sparen.

Doch Heizungstechniker Kohl hat auch die andere Seite der Corona-Krise bei seinen Kunden erlebt: „Viele hatten Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren und sind zurückhaltend geblieben“, berichtet er. Als die Corona-Pandemie erste finanzielle Konsequenzen etwa durch Kurzarbeit nach sich zog, hätten einige Kunden wieder storniert.

Familie Loy aus Bobingen weiß ihre glückliche Lage sehr zu schätzen. Selbst angepackt hat aber auch Hardy Loy. Die Holzterrasse im Garten tauschte er selbst aus. Mit dem Holz, das noch gut war, hat er eine zweite kleine Terrasse auf der anderen Seite des Hauses gebaut. Im Winter haben Simone und Hardy Loy dort mit ihren Söhnen einen Glühweinstand gezimmert. Im Sommer haben sie sich eine Tischtennisplatte und eine Slackline zum Balancieren angeschafft. „Wir haben Dinge gesucht, die man im Garten machen kann, weil wir wussten, dass wir uns dort noch mehr aufhalten würden“, sagt Hardy Loy.

Trendberaterin Gabriela Kaiser erklärt das so: „Viele haben in den Garten investiert, weil sie dort ihren Urlaub verbracht haben.“ Pools, Strandkörbe und Wintergärten seien beliebt für den Garten. Ein Trend sei, dass sich Menschen drinnen grüner einrichten. Bestes Beispiel: Dschungeltapeten. „Das hilft natürlich in so einer Zeit. Weil sie nicht ins Grüne konnten, haben sie nachgeholfen und sich das Grün in ihr Zuhause geholt.“

Simone und Hardy Loy haben auch in einen Wintergarten investiert. Durch den Anbau des Wintergartens gewinne das Leben zu Hause an Qualität, sagt Simone Loy. „Wir hatten es vorher schon sehr schön, und jetzt ist es noch schöner“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Fast elf Jahre nach dem Einzug haben die Loys nun einen jahrelangen Prozess abgeschlossen. Vielen anderen Kunden im Baumarkt steht dieses Gefühl erst noch bevor.

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