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Günzburg

14.03.2018

Die „Mädchen für alles“ am Amtsgericht Günzburg

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3 Bilder
Wachtmeister Werner Weckerle bei der Sicherheitskontrolle am Amtsgericht Günzburg.
Bild: Bernhard Weizenegger

Vom Sicherheitsexperten bis zum Hausmeister können die Wachtmeister am Amtsgericht Günzburg so ziemlich jede Aufgabe übernehmen. Wie ihr Alltag aussieht.

Das erste Hindernis am Amtsgericht Günzburg ist die Pforte. Erst wenn drinnen jemand den Türöffner drückt, geht die große Glastür summend auf. Dann heißt es: Taschen leeren. Geldbeutel, Schlüssel und Handy landen auf einem kleinen Tischchen, die Jacke wird ebenso durchsucht wie Rucksäcke und Umhängetaschen. Dann geht es durch den Metalldetektor, anschließend folgt ein kurzes Abtasten. Erst wenn alles in Ordnung ist, darf der Besucher das Gerichtsgebäude an der Ichenhauser Straße betreten. Und was dem menschlichen Auge entgeht, zeichnen 32 Kameras rund um das Gebäude auf.

Seit 2012 ein 54-jähriger Angeklagter am Amtsgericht Dachau um sich schoss und dabei einen jungen Staatsanwalt tötete, haben die Gerichte in Bayern ihre Sicherheitsmaßnahmen drastisch verschärft. In Günzburg wachen darüber Wachtmeister Werner Weckerle und sein Team. Alles, was zur Waffe werden kann, ist im Gerichtssaal streng verboten. An diesem Tag hat Weckerle bereits zwei Messer gefunden. „Das passiert beinahe täglich“, sagt er und legt die Klinge in eine durchsichtige Plastikkiste. Wenn er wieder geht, darf der Besitzer sein Messer abholen. „Meistens sind es erlaubte Gegenstände, zum Beispiel Teppich- oder Taschenmesser. Manchmal finden wir aber auch verbotene Gegenstände. Die beschlagnahmen wir und übergeben sie der Polizei.“ Dazu zählen etwa Butterfly-Messer, Schlagringe, Pfefferspray. Und natürlich Schusswaffen. „Die haben wir hier zum Glück noch nie gehabt. Nur einmal haben wir scharfe Munition bei einer Frau gefunden. Sie meinte dann, sie hätte sie gefunden“, sagt Weckerle schmunzelnd.

Ihm macht so schnell keiner etwas vor. Seit 28 Jahren arbeitet der Freihaldener für die Justiz, seit 20 Jahren leitet er die Wachtmeisterei in Günzburg. Ernsthafte Auseinandersetzungen hatte er noch nie. Schlagstock und Pfefferspray, die Standardausrüstung zählen, kamen bisher nicht zum Einsatz. „Klar, blöde Sprüche kommen vor. Manchmal kommt auch jemand alkoholisiert. Aber die meisten wissen sich zu benehmen“, sagt Weckerle.

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Ohne ihn und sein Team würde am Günzburger Amtsgericht wohl nichts mehr funktionieren. Denn die Sicherheitskontrolle ist nur eine von vielen Aufgaben. Post, Akten, Anrufe, Zeugen, Angeklagte, all das landet erst einmal bei den Wachtmeistern. Sie sorgen dann dafür, dass alles da landet, wo es hinsoll. „Ich bin hier ein bisschen das ,Mädchen für alles’“, sagt Weckerle. Am alten Gerichtsstandort am Schlossplatz habe er sogar noch Glühbirnen selbst ausgewechselt. Im neuen Gerichtsgebäude müsse er das zwar nicht mehr machen. Doch wenn irgendwo im Haus etwas nicht funktioniert, müssten trotzdem die Wachtmeister ran und notfalls einen Handwerker rufen. Denn einen Hausmeister gebe es nicht, sagt Weckerle.

Vier weitere Kollegen unterstützen Weckerle bei seinen Aufgaben, zwei davon kommen von einer externen Sicherheitsfirma. So wie Catherine Rateau. Die Französin war früher Stewardess, vor zwei Jahren entschied sich die heute 60-Jährige, noch etwas Neues zu versuchen. „Ich wollte wieder den Kontakt zu Menschen haben und nicht nur am Computer arbeiten. Also habe ich bei der IHK eine Weiterbildung zur Sicherheitsfachkraft gemacht.“ Nach sechsmonatiger Ausbildung, dem Wälzen vieler Gesetzestexte und einer bestandenen Prüfung konnte sie direkt am Amtsgericht Günzburg anfangen.

Es gibt aber spezielle Aufgaben, die nur Justizbeamte übernehmen dürfen. Dazu zählen etwa Ausweiskontrollen, das Konfiszieren von Mobiltelefonen oder das Vorführen von Angeklagten aus der Haft. Auch Festnahmen im Gerichtssaal zählen zu den Tätigkeiten der Wachtmeister. Weigert sich ein wichtiger Zeuge zum Beispiel, eine Aussage zu machen, kann er schon mal auf Anweisung des Richters in Beugehaft genommen werden. Auch bei kreativen Strafen werden die Wachtmeister hinzugezogen. „Direktor Henle hat einmal einem jungen Mann aufgetragen, ein bestimmtes Buch zu lesen. Der saß dann hier bei uns und wir haben das überwacht“, erzählt Werner Weckerle.

Er sagt aber auch, dass die Aufgaben für seine Truppe immer mehr werden. So mussten er und ein Kollege schon mehrmals beim Prozess gegen Beate Zschäpe in München aushelfen. Spaß macht Werner Weckerle seine Arbeit aber auch nach 28 Jahren noch.

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