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Landkreis Günzburg

25.01.2019

Erste Hilfe beim Herzstillstand: Das rät der Chefarzt

An einer Puppe zeigen Ausbilder des Roten Kreuzes, Dieter Saliger (links) und Mario Pettinger, Nancy Rose, wie ein Mensch mit Herzdruckmassage und Defibrillator reanimiert werden kann.
Bild: Christian Kirstges (Archiv)

Bei Ichenhausen wurde ein Mann reanimiert. Doch viele trauen sich nicht an die Herzdruckmassage. Dr. Gregor Kemming gibt wichtige Tipps.

Ein 80-jähriger Mann war kürzlich mit seiner Ehefrau im Auto bei Ichenhausen unterwegs, als sein Herz aufhörte zu schlagen. Die von Ersthelfern per Notruf alarmierte Leitstelle in Krumbach schickte neben dem Rettungsdienst sofort die Feuerwehr, die dem Mann schnell mit ihrem Defibrillator und einer Herzdruckmassage half. Im später eingetroffenen Rettungswagen konnte wieder ein Herzschlag festgestellt werden (wir berichteten). Der Chefarzt der Abteilung Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie in der Kreisklinik Günzburg, Privatdozent Dr. Gregor Kemming, freut sich, dass dies so funktioniert hat.

Wie er im Gespräch mit unserer Zeitung sagt, sei die richtige Hilfe durch Ersthelfer eines der „gesellschaftspolitisch drängendsten Themen“. Denn in Deutschland gebe es im Jahr etwa 50000 Herzstillstände, doch nur zehn bis 20 Prozent dieser Patienten überleben. Aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen, scheuten viele vor der Herzdruckmassage zurück. Er habe selbst seit 1985 die entsprechenden helfenden Maßnahmen unterrichtet und 1991 seine Doktorarbeit zur Laienhilfe geschrieben, als er mit dem Rettungshubschrauber aus München unterwegs war. Schon damals habe er diese Scheu wahrgenommen. Der Notruf werde hingegen von den allermeisten gewählt.

Rettungsdienst und Notarzt brauchen etwas Zeit bis zum Eintreffen

Die Menschen, die zufällig dabei sind, wenn jemand einen Herzstillstand erleidet oder solch einen Menschen finden, sind mit die wichtigsten Helfer. Denn der Rettungsdienst braucht im Schnitt sieben Minuten und der Notarzt zwölf, um zum Patienten zu kommen, die First Responder etwa von der Feuerwehr sind schneller da.

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Wenn nach einem Herzstillstand nicht innerhalb von fünf Minuten die ersten Hilfen wie die Herzdruckmasse beginnen, wird ein Überleben unwahrscheinlich, heißt es auch auf der Internetseite der Kampagne „Ein Leben retten“. Und auch von der Zeit bis zur ersten Hilfe hänge ab, wie gut sich der Patient wieder erholen wird – „das Gehirn beginnt bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand bereits nach nur drei bis fünf Minuten ohne Blutfluss unwiederbringlich zu sterben“.

Bei der Hilfe gilt: „Prüfen, rufen, drücken“

Die Hilfe ist nicht schwer. Sie funktioniert nach dem Grundsatz: „Prüfen, rufen, drücken“, erklärt Kemming. Im ersten Schritt soll der Zusammengebrochene leicht geschüttelt und angesprochen werden, um zu prüfen, ob er noch bei Bewusstsein ist. Dann muss der Notruf 112 gewählt werden – was auch ein Umstehender tun kann. Und dann geht es an die Herzdruckmassage, wenn der Patient bewusstlos ist.

Dr. Gregor Kemming
Bild: Irmgard Lorenz/Kreisklinik (Archiv)

Dazu wird der Brustkorb freigelegt, die Mitte des Brustbeins gesucht und 100 Mal in der Minute fünf bis sechs Zentimeter tief eingedrückt, etwa im Rhythmus des Lieds „Stayin' Alive“ der Bee Gees. Damit muss solange weitergemacht werden, bis professionelle Hilfe eintrifft. So wird die Überlebenschance des Patienten verdreifacht. Die Herzdruckmassage ist das wichtigste, sie ersetzt den Puls. Die Mund-zu-Mund- oder Mund-zu-Nase-Beatmung ist nicht zwingend. Wer sie anwenden kann und will, tut dies im Verhältnis von 30 Herzdruckmassagen und zwei Beatmungen.

Ein Dank auch an die Leitstellen-Disponenten

Als Notarzt und als Klinik-Mediziner nimmt Kemming wahr, dass nach wie vor zu viele Patienten keine Herzdruckmassage durch Ersthelfer bekommen haben. Deshalb spricht er sich dafür aus, dass bereits in der Schule die Kinder herangeführt werden. Auch sei es wünschenswert, dass ein Erste-Hilfe-Kurs keine einmalige Sache ist, sondern dass die Kenntnisse regelmäßig aufgefrischt werden. Eine Früh-Defibrillation wie bei dem 80-Jährigen sei sinnvoll und wichtig, sie steigere die Chancen einer erfolgreichen Reanimation.

Gerade Angehörige von Risikopatienten sollten solch ein Gerät zu Hause haben, zudem wäre eine weitere Defi-Verbreitung und der Ausbau des First-Responder-Systems wichtig. Aber ohne Herzdruckmassage bringe alles nichts. Den Leitstellen-Disponenten spricht Kemming seinen Dank aus, „man kann ihnen ruhig immer mal wieder einen schönen Blumenstrauß vorbeibringen“. Denn sie leiten übers Telefon auch Ersthelfer an.

Tipps der Kampagne „Ein Leben retten“ zur Reanimation finden Sie hier.

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