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Günzburg

07.02.2020

Fridays for Future: Klimaaktivisten oder doch Schulschwänzer?

Die „Fridays-for-Future“-Demo in Günzburg am Freitagmittag motivierte nur wenige Schüler und Jugendliche, sich am Protest gegen klimaschädliches Verhalten und für einen Sinneswandel in der Klimapolitik zu beteiligen. Der obere Marktplatz war für den Verkehr von der Polizei gesperrt worden. Die Beamten begleiteten den Protestzug durch die Stadt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Seit einem Jahr gibt es die Bewegung in Günzburg. Am Freitag fand eine Demo statt. Was Schüler erreichen wollen und wie kritisch Passanten die Aktion sehen.

Schüler, Eltern und Senioren sind gestern durch die Günzburger Innenstadt gezogen und riefen: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut!“ Mit Trillerpfeifen, Transparenten und Megafon unterstrichen die Teilnehmer der „Fridays-for-Future“-Kundgebung ihren Einsatz für den Klimaschutz, der in Günzburg vor genau einem Jahr begann und den einige Personen kritisch sehen.

„Super, so einen Schmarrn brauchen wir ganz dringend!“, „ist schon interessant, wie viel Zeit manche haben und andere sich den ganzen Tag in der Arbeit abstrampeln“, oder „hoffentlich regnet es“, waren nur einige der vielen negativen Kommentare auf unserer Facebook-Seite, wo wir auf die gestrige Kundgebung hingewiesen haben. Doch nicht nur im Internet, auch auf den Straßen entlang der Kundgebung waren von Passanten immer wieder kritische Stimmen zu vernehmen. Einer von ihnen ist Alexander Schlaiß. Er kritisierte die teilnehmenden Schulschwänzer, die seiner Überzeugung nach an einem Sonntagnachmittag nicht demonstrieren würden.

Fridays for Future: Siebte Demonstration in Günzburg

Dem widersprechen die vier Schüler Jana Hitzler, Veronika Wegele, Lukas Neudeck und Paul Wiedemann vehement, die nach der Kundgebung mit unserer Zeitung über die Aktion sprechen. Am Nachmittag würden ihrer Meinung nach sogar deutlich mehr Menschen teilnehmen – sowohl Schüler als auch Erwachsene. Das haben die vergangenen Monate gezeigt. Die jungen Aktivisten erzählen, dass manche Schüler wegen ihrer Eltern vormittags nicht zu den Kundgebungen gehen dürfen. Die gestrige Demo war die siebte in Günzburg, aber erst die zweite am Vormittag. Bei der Premiere am 8. Februar 2019 seien nach Informationen unserer Zeitung einige Schüler von ihren Eltern abgeholt und zur Schule zurückgebracht worden.

Jana Hitzler und Lukas Neudeck von der "Fridays-for-Future"-Bewegung in Günzburg.
Bild: Bernhard Weizenegger

Damals nahmen ungefähr 300 Menschen an der Demo teil, gestern waren es nur noch um die 40. Ein Zeichen, dass die Bewegung nachlässt? Mitnichten, sagt die 15-jährige Veronika Wegele vom St.-Thomas-Gymnasium in Wettenhausen. Damals seien einige dabei gewesen, die tatsächlich nur die Schule schwänzen wollten und die nicht hinter der Idee von Fridays-for-Future stehen. „Auf der ersten Demo in Günzburg waren auch Menschen dabei, die direkt davor bei Mc Donalds zum Essen waren. So etwas regt mich auf“, sagt der 17-jährige Schülersprecher Lukas Neudeck. Ihm und seiner Bewegung komme es auf die Leute an, die das ganze Jahr über mitwirken. „Und für eine Stadt wie Günzburg sind 40 Personen ganz ordentlich“, sagt die 17-jährige Jana Hitzler, die vor wenigen Tagen für ihre sehr guten Noten in Französisch und ihren Einsatz für die Verbreitung der Sprache und Kultur Frankreichs über den Unterricht hinaus ausgezeichnet wurde.

Teilnehmer bei Fridays for Future engagieren sich in der Schule außerordentlich stark

Diejenigen, die jetzt noch dabei sind, haben mit Schulschwänzern nichts gemein, sagt Hitzler. Ganz im Gegenteil. „Es sind viele, denen eher das Streber-Image anhaftet und die sich in der Schule außerordentlich stark engagieren“, sagt die Schülerin vom Maria-Ward-Gymnasium. Der dortige Schulleiter Christian Hörtrich sieht die Kundgebung während der Unterrichtszeit relativ locker: „Wir machen das, was wir machen müssen.“ Es gab in jeder Klasse einen Anwesenheits-check, danach wurden die Eltern der fehlenden Schüler verständigt. Diese schulische Pflicht habe man wahrgenommen, Strafen in Form einer Verwarnung gebe es für die Schüler allerdings nicht.

Stattdessen werden die ausgefallenen Stunden nachgearbeitet – und zwar mit Themen, die im Zusammenhang mit Klimaschutz stehen. Vergangenes Jahr wurde an der Schule wegen der Demonstration das „Klimafasten“ eingeführt. Sieben Wochen lang soll jede Woche ein neues Thema aktiv mitgelebt werden, sei es Energie zu sparen, auf fairen Konsum zu achten oder umweltfreundliche Verkehrsmittel zu wählen.

Klimaaktivisten fordern den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs

Der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs im Landkreis ist eines der zentralen Anliegen der jungen Klimaaktivisten. Den Jugendlichen ist bewusst, dass sie allein durch die Kundgebungen nicht den globalen Klimaschutz verbessern können. „Aber wir möchten den Druck auf die Politik ausüben, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ohne die teilweise radikalen Methoden wie die Demonstrationen während des Unterrichts hätte es nie diese Aufmerksamkeit gegeben“, sagt Hitzler.

Eine der ältesten Teilnehmer der gestrigen Kundgebung war Marie Golombowski. Die 65-Jährige ist von Beginn an dabei und prangert das Konsumverhalten vieler Menschen an: „Manche haben einen Grill für 1500 Euro daheim, aber kaufen das 1,99-Euro-Billigfleisch, das aus der Massentierhaltung stammt. Das passt nicht zusammen.“

Schüler organisierten eine Müllsammelaktion

Etwas, das nicht zusammenpasst, kritisieren auch manche Passanten. Verzichten die Teilnehmer alle auf das Auto, fliegen nicht in den Urlaub und fabrizieren keinen Plastikmüll? „Man kann und muss nicht alles vermeiden. Uns geht es darum, bewusster zu leben und Dinge zu hinterfragen“, sagen die vier Schüler. Man kann mit vielen kleinen Dingen einen großen Beitrag leisten. So organisierten die Schüler vor einigen Monaten eine Müllsammelaktion, um zu zeigen, dass sie auch selbst etwas verändern wollen, statt nur die fehlenden Taten der Politiker anzuklagen.

Unterstützung gibt es für die jungen Menschen auch von älteren Generationen. Eine Rentnerin schaut dem Treiben auf dem Marktplatz gespannt zu und sagt: „Ich finde es toll, dass sich die jungen Menschen engagieren.“ Hitzler und ihre Mitstreiter werden nicht nur deshalb auch in den nächsten Monaten für den Klimaschutz demonstrieren.

Während der Demo war der obere Marktplatz sowie einige Straßen für den Verkehr von der Polizei gesperrt worden. Polizeichef Stefan Müller gab an, dass sich die Teilnehmer der Kundgebung „absolut friedlich“ verhalten haben und alles wie mit den Organisatoren besprochen abgelaufen sei. Etwa 20 Polizeibeamte seien für die Kundgebung abgestellt gewesen. Ein Facebook-Nutzer wollte wissen, „wer den Polizeieinsatz für den ganzen Scheiß“ zahlt. Müller hat die Antwort parat: „Das muss sich der Staat leisten können und dürfen. Denn das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit ist ein sehr hohes Gut und würde das Recht eklatant beschränken, wenn dafür plötzlich Kosten erhoben werden können.“

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