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Spitzensport

31.03.2021

Olympia-Kandidaten aus dem Kreis Günzburg und der Preis für das Streben nach Gold

Drei Kandidaten, zwei Startplätze: Mountainbiker Georg Egger hat gute Aussichten auf einen Platz im deutschen Olympia-Team.
Foto: Armin Küstenbrück, Ego-Promotion

Plus Wie Georg Egger aus Obergessertshausen und Philipp Weishaupt aus Jettingen die Frage „Lohnt sich das alles?“ beantworten. Für einen Münchner ist der Traum geplatzt.

Tokio ist schon ganz nah. Und es bleibt doch fern. Allen Umständen zum Trotz und unter Ausschluss des internationalen Publikums möchten das Gastgeberland Japan und das Internationale Olympische Komitee an den pandemie-bedingt um ein Jahr verschobenen Spielen 2020 festhalten. Und so werden voraussichtlich ab dem 23. Juli 2021 die weltbesten Athleten in Tokio um Ruhm und Edelmetall kämpfen. Für die meisten Sportler ist die Teilnahme an Olympischen Spielen Höhepunkt ihrer Karriere und Belohnung für viele Jahre Training. Der Weg an die Spitze ist lang und von Verzicht und Disziplin geprägt. Was motiviert junge Menschen, professionell Sport zu treiben? Und welches Fazit ziehen sie? Wir haben uns in Schwaben umgehört – und von einem Münchner erfahren, wie es sich anfühlt, wenn der große Traum platzt.

Georg Egger ist Mountainbike-Profi. Der Obergessertshauser erreichte schon mehrere Top-Platzierungen im Weltcup und bei internationalen Titelkämpfen. Das große Ziel heißt Olympia. „Ist halt doch nur alle vier Jahre“, sagt Egger nonchalant. Um diesen Traum in Tokio wahr zu machen, muss er einen von nur zwei Startplätzen im deutschen Team ergattern.

Nach seinem Bachelor-Abschluss in Maschinenbau ist der 26-Jährige bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr untergekommen und fühlt sich dort „ganz gut ausgelastet“. Ein Leben ohne Sport kann sich Egger überhaupt nicht vorstellen. „Ich glaube, ich könnte nach der Arbeit gar nicht den Rest des Tages auf dem Sofa sitzen“, berichtet er. Allerdings hat sich Entscheidendes getan in seinem Leben: „Seit der Geburt meiner Tochter merke ich, wie viel Zeit für den Sport draufgeht. Training, Wettkämpfe, Social Media, Organisatorisches und Materialpflege erfordern gutes Zeitmanagement.“

Wenn Seriensiege zum Problem werden

Der Mountainbiker weiß, dass er in der Weltspitze nicht jedes Rennen gewinnen kann. Was zum Problem für junge Sportler werden kann, die früh große Erfolge feiern. „Wenn dann bei den Erwachsenen die Leistungsdichte sehr hoch wird und die Siege nicht mehr Schlag auf Schlag kommen, wird gefragt, was da los ist. Dabei ist das eigentlich selbstverständlich. Irgendwann sind nur noch die Besten dabei.“

Zu denen gehört er aktuell sicher. Und ans Karriereende denkt Egger erst, wenn er seine Ziele nicht mehr erreichen und sich der Sport auch finanziell nicht mehr lohnen sollte. Bis dahin sieht er aber noch einen weiten Weg vor sich. Auch Olympia 2024 hat er in seiner persönlichen Langzeit-Planung.

Georg Egger hat die eine oder andere Party gefeiert

Egger bereut es nicht, Profisportler geworden zu sein. Er erzählt, dass er in seiner Sturm-und-Drangphase, so mit 16 oder 18, mental noch kein echter Profi war. Er hat auch gegen den Willen seiner Trainer die eine oder andere Party mitgemacht und sein Leben gelebt, wie er es ausdrückt. „Heute bin ich froh, dass ich mich nicht verbogen und das alles mitgenommen habe.“

Das kann nicht jeder junge Athlet von sich behaupten, wie das Beispiel Jonas Grill verdeutlicht. Er war in seinem „alten“ Leben ein talentierter Hockeyspieler in Diensten des Münchner SC. Als 16-Jähriger sagte er seiner Familie Lebewohl und zog in ein Sportinternat nach Nürnberg. Zwei Jahre später, 2014, nahm er an den Olympischen Jugendspielen in Nanjing (China) teil.

Ein Traum, der zum Alptraum wird

Es ist ein Traum, der bald zum Albtraum wird. Im zweiten Spiel des Turniers zertrümmert ihm ein Hockeyball die rechte Gesichtshälfte. Mehrere Operationen und eine tief sitzende Angst sind die Folge. Unter Tränen berichtet er seiner Mutter ein Jahr später, jede Leidenschaft für seinen ehemaligen Lebensmittelpunkt sei erloschen. Grill stellt nach 13 Jahren den Hockeyschläger beiseite. Heute sagt er: „Manchmal vermisse ich den Sport. Das Leben als Leistungssportler aber nicht. Nach dem Karriereende fühlte ich mich freier.“

Natürlich habe er im und durch den Spitzensport gute Zeiten erlebt, schildert der Münchner. „Aber es hat immer an einem Plan B gefehlt.“ In der Sportschule wurde alles gestrichen, was kein Sport war. „Mir hat oft das Gefühl gefehlt, ein echter Jugendlicher zu sein. Zeit mit Freunden zu verbringen, Freizeit zu haben. Wir mussten sehr schnell erwachsen werden.“ Heute, sagt Grill, „würde ich nicht mehr alles auf eine Karte setzen“.

Der Radfahrer und die Spitzensportfördergruppe der Polizei

Tim Wollenberg ist Radfahrer, wie Georg Egger. Allerdings finden seine Rennen auf der Straße statt. Schon als Achtjähriger träumte er von der Tour de France. Inzwischen fährt er bis zu 600 Kilometer Rad – pro Woche. Seit 2017 macht der Augsburger eine Ausbildung bei der Spitzensportfördergruppe der bayerischen Polizei. „Meine Kollegen beneiden mich nicht, wenn ich im November bei Nieselregen und fünf Grad aufs Rad steige, um nach der Ausbildung noch 100 Kilometer zu machen“, beschreibt er eine häufig erlebte Situation. „Trotzdem liebe ich meinen Sport“, fährt Wollenberg fort.

Bei der Sportfördergruppe werde er optimal unterstützt. „Ich bin finanziell abgesichert und habe eine Ausbildung für die Zeit nach dem Sport. Bevor ich Polizist werde, möchte ich aber Radprofi werden.“

Für seinen Traum hat er früh auf Freizeit mit Freunden und Partys verzichtet. „Aber ich hatte trotzdem eine schöne Jugend. Außerdem war da immer die Gier nach Erfolg. Sie hat mich motiviert, weiter zu machen, auch wenn es manchmal hart ist“, berichtet Wollenberg.

Ein Olympia-Traum ist bereits geplatzt

Philipp Weishaupt ist in Jettingen aufgewachsen und arbeitet seit 20 Jahren als Profi-Springreiter im Stall von Olympiasieger Ludger Beerbaum. In seiner illustren Karriere hat er neben mehreren deutschen Meistertiteln unter anderem zwei Grand Slam-Turniere im internationalen Reitsport gewonnen. Die Olympia-Teilnahme 2012 in London blieb ihm verwehrt, weil sein Pferd nicht fit war. Für die Spiele in Tokio hat er sich in den vergangenen Monaten mehrfach mit herausragenden Platzierungen beworben.

Auf dem Weg zur deutschen Meisterschaft 2020: Philipp Weishaupt und Asathir. Das Paar gilt als aussichtsreicher Kandidat für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio.
Foto: Stefan Lafrentz, dpa

Heute sagt Weishaupt, er habe seine sportlichen Ziele erreicht und sei deshalb zufrieden mit seiner Karriere. Dem Erfolg ordnet er beinahe alles unter, arbeitet Jahr für Jahr, sieben Tage die Woche, zehn Stunden täglich. Die Liebe zum Pferd sei mehr als Sport, eher ein Lifestyle, sagt Weishaupt. Bei ungefähr 45 Turnier-Teilnahmen pro Jahr bleibe nicht viel Zeit für anderes. „Man gibt für den Sport schon einen Teil seines Lebens auf. Auch eine Familie zu haben ist schwierig, weil man so selten zu Hause ist“, erzählt Weishaupt, der seit anderthalb Jahren verheiratet ist – mit einer Reiterin.

"Man kann schon mal ein Bier trinken"

Im Alltag freilich sei Reitern vieles erlaubt, was für andere Sportler tabu ist. „Man kann schon mal ein Bier trinken am Abend“, sagt der Jettinger. Dennoch erfordert auch sein Leben ein gewisses Maß an Bereitschaft zum Verzicht.

Bereut hat Weishaupt seine Entscheidung dennoch keinen Tag. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Trotz aller Einschränkungen: Gewinnen macht Spaß.“

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Janine Berger, der Tsukahara und der Traum von Tokio

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