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Landkreis Günzburg

21.01.2020

So oft hat 2019 der Notarzt im Kreis Günzburg gefehlt

Claus Wolfschläger (rechts) ist Oberarzt in der Günzburger Kreisklinik. In dieser Notarzt-Schicht fährt Robin Gnann vom BRK das Einsatzfahrzeug.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus In Günzburg gibt es wieder größere Probleme, Schichten zu besetzen. Was das für Patienten heißt und welche Rolle die Kreisklinik für eine Lösung spielen könnte.

Wer einen Unfall hatte und den Notruf 112 wählt, erwartet, dass ihm Sanitäter und Mediziner zur Hilfe kommen. Bayernweit gibt es dazu ein Netz von Rettungswachen und Notarzt-Standorten. Doch bei letzteren ist es ziemlich löchrig geworden – die Lücken in den Dienstplänen werden je nach Region zunehmend größer. Auch in Günzburg bestehen nach wie vor Schwierigkeiten (wir berichteten), nachdem sich die Situation vorübergehend etwas entspannt hatte. Doch wie groß sind sie? Und was bedeutet das für die Patienten?

Das sagt der Rettungs-Zweckverband

Der Geschäftsführer des Rettungsdienst-Zweckverbands Donau-Iller, Jan Terboven, erläutert auf Anfrage unserer Zeitung, dass die tagsüber unter der Woche von den Kreiskliniken übernommenen Dienste weiter stabil seien, hier gebe es keine Ausfälle. Das Problem seien die von Ärzten freiwillig zu besetzenden Nacht- und Wochenendschichten.

Zwar habe es an Weihnachten hier keine Lücken gegeben, doch schon kurz darauf, am 28. Dezember nachts. Im gesamten Rettungsdienst-Bereich Donau-Iller, der neben dem Kreis Günzburg die Kreise Neu-Ulm und Unterallgäu sowie die kreisfreie Stadt Memmingen umfasst, gebe es weniger Ausfälle als im Bayern-Schnitt. In Günzburg habe man auch keine großflächigen Probleme, liege aber über den landesweiten Werten „und muss sich wieder die Frage stellen, wie es weitergehen kann“. Es habe Gespräche gegeben, weitere seien geplant.

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Das Günzburger Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) am Standort Kreisklinik.
Bild: Bernhard Weizenegger

Über die Gründe, warum es in Günzburg nicht zu jeder Zeit klappt und in Krumbach keine Ausfälle auftreten, könne er nur spekulieren. Für die Patienten gebe es jedenfalls keinen wirklichen Grund zur Sorge, schließlich sei der Einsatz der Rettungswagen sichergestellt und man könne den Notarzt von einem Nachbarstandort alarmieren. Terboven geht so oder so davon aus, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre das System überplant werde.

Das sagt die Kassenärztliche Vereinigung

Auch die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) erklärt, dass sich die Lage im vergangenen Jahr in Günzburg wieder etwas verschlechtert habe. Die Gründe für Schwierigkeiten, in Bayern neue Notärzte zu finden, seien vielschichtig, die „deutliche Verbesserung der Vergütung“ für Dienste an einsatzschwachen Standorten gerade auf dem Land habe das nicht ändern können.

An der Freiwilligkeit wolle man nicht rütteln, „die Erfahrungen mit der Einbindung von Kliniken zeigen, dass auch ein möglicher Wille zur Festanstellung von Notärzten schon am Nachwuchsmangel scheitert“. Die KVB sei insgesamt „im Rahmen des Möglichen“ dennoch erfolgreich, Lösungen zu finden. In Günzburg seien im vergangenen Jahr 95,4 Prozent der Dienste besetzt worden, in Krumbach 99,7. Man stehe in Kontakt mit der Günzburger Notarzt-Gruppe und der Kreisklinik, um zu klären, wie mehr Dienste übernommen werden können.

Das sagt der Günzburger Notarzt-Obmann

Der Obmann der Günzburger Notärzte, Dr. Marc-Michael Ventzke, führt die Schwierigkeiten schlicht darauf zurück, dass es am Personal fehlt. „Es gibt nicht mehr den Stamm an Notärzten wie früher“, viele kämen von außerhalb. Und da die Balance von Arbeit und Freizeit gerade für die Jüngeren eine sehr große Bedeutung habe, tue man sich schwer, neue Leute zu finden. Schließlich seien Ärzte in Kliniken und Praxen sehr eingespannt.

Wer in Günzburg arbeite, aber wie viele eben nicht hier wohne, wolle seine durch die Fahrzeit noch knappere Freizeit mit der Familie verbringen. Ventzke hält auch nichts davon, Mediziner zum Dienst zu zwingen. Als einzige Entlastung sieht er, in weniger Fällen Ärzte zu alarmieren, sodass gerade nachts längere Pausen ermöglicht würden. Von den 730 Diensten – Tag beziehungsweise Nacht – seien jedenfalls im vergangenen Jahr insgesamt 23 nicht besetzt gewesen. Das wären 3,15 Prozent, die KVB kommt auf 4,6.

Ein eigenes Abzeichen haben sich die Günzburger Notärzte erstellt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Als Problem stellt er auch fest, dass es zunehmend „amerikanische Verhältnisse“ gebe: Ärzte hätten Angst davor, verklagt zu werden, weil jemandem etwas an der Behandlung nicht passe. Auch habe sich die Anspruchshaltung der Bürger verändert. Früher habe man nicht wegen allem den Notruf gewählt und sei auch mal mit einer Platzwunde selbst in die Klinik gekommen, heute werde für alles der Rettungsdienst gerufen. Das Ziel könne nicht sein, die Zahl der Notarztstandorte zu reduzieren, das habe weitere Wege zur Folge.

Das sagen die Krumbacher Notarzt-Obmänner

Während man sich in Günzburg also schwer tut, alle Dienste zu besetzen, sieht es in Krumbach anders aus. Hier übernimmt zwar ebenfalls einen gewissen Teil die dortige Kreisklinik, aber auch sonst sei im vergangenen Jahr kein Ausfall zu beklagen gewesen, sagt der Krumbacher Obmann Dr. Björn Tauchmann – auch wenn es mitunter knapp gewesen sei. Wenige Dienste seien als abgemeldet notiert worden, da quasi erst in letzter Sekunde noch jemand einsprang. Insgesamt gesehen seien in Krumbach früher als in Günzburg Probleme aufgetreten, sodass man hier mehr Zeit gehabt habe, sich darum zu kümmern – abgesehen davon, dass er selbst sowie der zweite Krumbacher Obmann, Dr. Marcus Härtle, zur Not selbst die Lücken füllen und es auch noch weitere Mediziner gibt, die oft die freien Dienste übernehmen.

Tauchmann sieht als generelles Problem, dass etwa der Notdienst der Hausärzte finanziell attraktiver sei und Anforderungen an die Notfallmediziner steigen. Verschärfend komme hinzu, dass viele früher von zu Hause aus zu Einsätzen gefahren seien, nun aber die Pflicht bestehe, von der Wache aus auszurücken. Niedergelassene Ärzte gebe es in dem Bereich auch so gut wie nicht mehr. Zwar sei die Vergütung planbarer als früher, da sie nicht nur davon abhänge, ob man einen Einsatz hat, aber nach oben hin gedeckelt.

Die Lage bei der Notarzt-Versorgung im Landkreis Günzburg bleibt alles andere als einfach.
Bild: Bernhard Weizenegger

Eine feste Bezahlung könne vielleicht auch den Vorbehalt vieler Ärzte gegenüber Notfallsanitätern eindämmen. Denn dann seien sie gar nicht mehr darauf angewiesen, unbedingt alarmiert zu werden. Wie es in Krumbach weitergeht, vermag der Arzt nicht zu sagen, aber einen Vorteil am Standort sieht er auch im örtlichen Förderverein für den Rettungsdienst, dessen Vorsitzender er ist: Dadurch werde die Fahrzeugausstattung über den bayernweiten Schnitt hinaus verbessert. So oder so könne es nicht die Lösung sein, die Zahl der Notarztstandorte zu verringern. Was im Regelbetrieb zu mehr Ärzten pro Wache führe, lasse den Katastrophenfall schließlich vollkommen außer Acht.

Zur Vergütung sagt Tauchmanns Kollege Dr. Härtle, dass es nicht sein könne, dass man als Minimum sechs Jahre studiert, fünf bis sechs Jahre für den Facharzt dranhängt sowie ein Jahr für die Weiterbildung mit einer abschließenden Prüfung, und dann so schlecht bezahlt werde. „Schlüsseldienste bekommen deutlich mehr“, und der Notdienst der Hausärzte auch.

Zwar gehe es keinem, der den Notarzt-Dienst übernimmt, nur ums Geld. Doch angesichts des Arbeitspensums sei auch die Berufung in dem Beruf irgendwann erschöpft. Vielleicht gehe man in Krumbach den falschen Weg, indem man alles daran setze, Lücken zu füllen und so seit Jahren Ausfälle vermeide. „Vielleicht muss man Dienste offen lassen, vielleicht muss etwas passieren, damit Politik und Kassenärztliche Vereinigung wachgerüttelt werden.“ Geredet werde dort viel – und nichts getan.

Die Lage bei der Notarzt-Versorgung im Landkreis Günzburg bleibt alles andere als einfach.
Bild: Bernhard Weizenegger

Letztlich drehe es sich darum, die ärztliche Ausbildung attraktiver zu machen, besser zu zahlen – und sich zu fragen, ob im Gegensatz zu Polizei und Feuerwehr bei der Notfallrettung die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund stehen soll. Die Frage, ob Notfallsanitäter „mit einer dreijährigen Lehre“ die Lösung gegenüber einem Arzt sein können, müsse sich jeder selbst beantworten.

Das sagt der Ärztliche Leiter

Der für den Rettungsdienstbereich zuständige Ärztliche Leiter, Dr. Steffen Maier, sieht keine mangelnde Versorgung der Bürger. Wie auch Jan Terboven vom Zweckverband (lesen Sie zu ihm ein Porträt: Im Rettungsdienst hat er Karriere gemacht) verweist er auf die Besatzungen der Rettungswagen und benachbarte Notarztstandorte – es gebe ja nicht immer parallele Einsätze, sodass nicht unbedingt neue Lücken gerissen würden, wenn von dort jemand alarmiert wird.

Auch habe er keine Kenntnis, dass es durch abgemeldete Notärzte in diesem Gebiet zu gesundheitlichen Problemen für Patienten gekommen sei. Zahlen zu den Ausfällen kenne er nicht und er tue sich schwer, Gründe für Lücken zu benennen, mehr Geld würde die Dienste seiner Ansicht nach aber attraktiver machen. Bemühungen, einen der beiden Standorte im Landkreis aufzugeben, gebe es übrigens nicht. Er sehe da keine Gefahr, wenngleich die Strukturen natürlich regelmäßig überprüft würden.

Das sagen die Rettungsdienst-Verantwortlichen

Und wie sehen die Betreiber des Rettungsdienstes die Lage? Der Geschäftsführer des Roten Kreuzes im Kreis Günzburg, Daniel Freuding, betont, dass man immer das Einsatzfahrzeug und den Fahrer stelle, egal ob ein Notarzt abgemeldet wurde oder nicht. Denn es komme auch vor, dass ganz kurzfristig doch noch jemand gefunden wird. Nachträglich könne man leider nicht mehr in den Dienstplan schauen. Aber es falle auf, dass es gerade nachts und an Wochenenden Ausfälle gebe, im Schnitt einmal die Woche. Diskussionen über Kompetenzen von Notfallsanitätern und Notärzten hält er für wenig zielführend, diese habe es schon bei den Rettungsassistenten gegeben.

Und weil es dort trotz der Notkompetenz – wenn über längere Zeit kein Notarzt verfügbar ist, dürften auch Rettungsdienstmitarbeiter im Rahmen ihrer erlernten Fähigkeiten unter bestimmten Voraussetzungen medizinisch tätig werden – immer wieder juristische Probleme gab, sei eben der Beruf des Notfallsanitäters mit längerer Ausbildung geschaffen worden. Es bringe nichts, das wieder schlechtzureden. Es gebe in jedem Berufszweig unterschiedlich versierte Kollegen, und auch ein Arzt müsse ja nicht unbedingt automatisch ein guter Notarzt sein, „das ist eine Wochenendfortbildung“. Es gehe nicht darum, Notärzte abzuschaffen, sondern sie von Einsätzen mithilfe der Notfallsanitäter zu entlasten.

Im Regionalverband Schwaben der Johanniter, die in Kötz unter anderem einen Rettungswagenstandort betreiben, ist Markus Adler Bereichsleiter für Einsatzdienste, Ausbildung und Bevölkerungsschutz. Auch er betont, dass Notfallsanitäter keineswegs dazu da seien, die Notärzte zu ersetzen, sondern deren Einsätze zu reduzieren. Für bestimmte Indikationen brauche man nun einmal einen Mediziner. „Wir können den Notarzt nicht abschaffen, wir brauchen auch eine gewisse Dichte an Notarztstandorten“, betont er. Allgemein gesprochen werde es nicht die Lösung sein, nur noch Kliniken dafür zuständig zu machen. Wenn deren Zahl weiter sinke, gewinne man so auch keine Sicherheit bei der Versorgung.

Das sagt der Chef der Kreisklinik

Letztlich stellt sich also die Frage, ob die Probleme minimiert werden können, indem die Kreisklinik in Günzburg weitere Notarztdienste übernimmt. Vorstand Dr. Volker Rehbein sagt dazu, dass man durchaus auch Personalprobleme habe, aber kein einziger Dienst ausgefallen sei – „es ist auffällig, dass es zu nicht von uns besetzten Zeiten zu den Ausfällen kommt“. Es wäre sicherlich schwierig, nachts und an Wochenenden für diese unattraktiven Schichten Leute zu finden, die dann Dienst tun, gibt Rehbein zu bedenken. „Aber wir sehen das auf uns zukommen.“

Sollte dies tatsächlich Realität werden, gehe das aber nicht so einfach von heute auf morgen. „Ein Jahr Vorlauf wäre sicherlich nicht zu hoch gegriffen.“ Darauf habe man die Kassenärztliche Vereinigung auch bereits hingewiesen, sie habe das allerdings lediglich zur Kenntnis genommen. „Wenn es nicht anders geht, sind wir bereit dazu“, erklärt Rehbein.

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Bild: Bernhard Weizenegger
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