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AKW Gundremmingen

12.07.2019

Wohin mit dem Atommüll aus Gundremmingen?

Deutschland will bis zum Jahr 2022 aus der Atomkraft aussteigen. Doch eine Einrichtung wird dann in Gundremmingen noch lange in Betrieb sein: Das Zwischenlager für die Brennstäbe, es ist im Hintergrund zu sehen – das weiße Gebäude hinterhalb des hohen Schornsteins.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Deutschland steigt aus der Kernkraft aus. Die Suche nach einem Endlager wird Jahre dauern. Bis das gefunden ist, bleiben in Gundremmingen hunderte Brennstäbe.

Sie treffen sich immer sonntags. In der vergangenen Woche. Im vergangenen Monat. Im vergangenen Jahr. Rund 20 Leute sind am Zufahrtstor vor dem Kernkraftwerk Gundremmingen zusammengekommen. Zwischen 50 und 65 Jahre alt, in Outdoor-Kleidung, Wanderstiefeln. Transparente werden am Zaun befestigt. „Atomkraft, nein danke!“ Und: „Kinderkrebs ist kein Zufall“. Es ist dieses Kraftwerk, gegen das die Frauen und Männer der Mahnwache protestieren. Weil sie Angst haben vor der Strahlung und den Gefahren, die die Atomkraft mit sich bringt. Und vor den Hinterlassenschaften des atomaren Zeitalters, die hier im Landkreis Günzburg lagern und für die Deutschland in den nächsten Jahren dringend eine Lösung finden muss.

Dieses Treffen ist ein besonderes. Heute, an diesem regnerischen Tag im April, feiert die Mahnwache einen Jahrestag, einen „traurigen“, wie die Teilnehmer sagen. Genau 30 Jahre ist es her, dass sie erstmals an dieser Stelle zusammenkamen. Seither dauert ihr Kampf an.

Jeden Sonntag in Gundremmingen: Die Mahnwache postiert sich vor dem Kernkraftwerk, bevor sie zum Protestmarsch startet.
Bild: Bernhard Weizenegger

Konrad Link war im April 1989 dabei. Zu viert seien sie damals gewesen. „Wir haben uns gefragt, wie es sein kann, dass selbst nach der Katastrophe von Tschernobyl weiterhin so viel Atommüll produziert wird“, erinnert er sich. Link, 55, ist ein schmaler Mann mit Mütze und Regenjacke. Er kommt aus einer kleinen Landwirtschaft und wohnt heute in Bocksberg bei Welden. Gelernt hat er Maschinenschlosser, später installierte er Photovoltaikanlagen.

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Der Atommüll in Gundremmingen ist das gefährliche Erbe des Atomzeitalters

Link hat den Einsatz gegen Atomkraft hart bezahlt. „Ich saß von den Mahnwacheteilnehmern am längsten im Gefängnis“, sagt er. Denn manchmal spitzte sich der Protest in der Vergangenheit zu. Zum Beispiel in den 90er Jahren gegen die Atomtransporte zu den umstrittenen Wiederaufbereitungsanlagen in Sellafield und La Hague und zurück. Damals belagerten die Aktivisten Gleise, klaubten Kiesel aus dem Gleisbett. „Es hat uns einiges gekostet, aber es war wichtig“, sagt Link. „Wegschauen konnten wir nicht mehr zulassen.“

Doch sind die Atomkraftgegner, die heute so verloren vor dem Kraftwerk stehen, nicht längst die Sieger in diesem Kampf? Deutschland will bis zum Jahr 2022 aus der Atomkraft aussteigen. Doch eine Einrichtung wird dann noch lange in Betrieb sein: Das Zwischenlager für die abgebrannten Brennelemente. Das gefährliche Erbe des Atomzeitalters.

Thomas Wolf und seine Frau Carola halten heute die Mahnwache am Leben. Sie reichen ein Blatt in die Runde. Jedes Treffen beginnt mit einem kurzen Gedenktext. „Wir stehen hier, um uns zu besinnen. Wir denken an die Menschen, die ihr Leben den Interessen der Atomindustrie geopfert haben. In Kasachstan, Kanada, Sachsen… Tschernobyl mahnt uns zur Umkehr.“ Dann greifen die Teilnehmer zu ihren Fahnen. Und marschieren los.

Im AKW Gundremmingen steht 62 Mal Tschernobyl

Es geht einmal um das gesamte Kernkraftwerk. Außen am Zaun entlang, über grüne Wiesen, im Schatten der gigantischen Kühltürme. Doch es sind nicht die Kühltürme, die Raimund Kamm, 67, Sorgen bereiten. Es ist eine unscheinbare Halle. Kamm kämpft seit Jahren gegen das Zwischenlager in Gundremmingen – zusammen mit anderen Mitstreitern. Er engagiert sich in der Bürgerinitiative „Forum gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik“. Früher saß er als Grünen-Politiker im Bayerischen Landtag.

Nicht viel unterscheidet die Halle von Gebäuden in einem beliebigen Industriegebiet in Deutschland. Hell gestrichen, von außen durch den Zaun gut sichtbar.

Es handelt sich um das Zwischenlager des Kraftwerks. Darin lagern die abgebrannten Brennstäbe aus dem Reaktor in hohen zylindrischen Castor-Behältern aus Stahl. „In jedem Castor ist so viel lang strahlende Radioaktivität drin, wie in Tschernobyl freigesetzt worden ist“, sagt Kamm. Und es sind 62 Castoren. „Hier steht 62 Mal Tschernobyl.“ Die Folgen der Reaktorkatastrophe seien noch immer spürbar: „Bis heute kann man ortsweise keine Pilze und keine Wildschweine aus dem Wald essen“, sagt Kamm. Es strahlt zu sehr.

Früher gehörte das Zwischenlager zum Kernkraftwerk selbst, inzwischen ist der Staat zuständig. Seit 1. Januar betreibt die Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) in Essen alle deutschen Zwischenlager. Und es könnten noch mehr Castoren in Gundremmingen werden: „Das Zwischenlager ist für die Aufbewahrung von 192 Behältern mit Brennelementen aus dem Kernkraftwerk Gundremmingen genehmigt“, berichtet die BGZ. Dort bestreitet man, dass von den Castoren oder dem Zwischenlager eine Gefahr ausgeht: „Es sind keinerlei Störungen aufgetreten, die für Mensch oder Umwelt eine Gefährdung bedeutet hätten“, berichtet die Gesellschaft. Die trockene Zwischenlagerung in Castor-Behältern verhindere die Emissionen radioaktiver Stoffe in die Umgebung vollständig. Auch die radioaktive Direktstrahlung werde durch die massiven Behälter und zusätzlich durch das Zwischenlagergebäude wirksam abgeschirmt.

Die Kritiker sehen das anders. So wie Sigrid Birrenbach, auch eine Demonstrantin der ersten Stunde. Damals war sie Hebamme, heute arbeitet sie als Ärztin am Bodensee. „Wir wollten damals das Unsichtbare sichtbar machen, wir wollten die Bedrohung sichtbar machen“, sagt die 52-Jährige. Die Atomkraftgegner treibt die Erkenntnis an, dass jedes radioaktive Molekül Krebs auslösen kann. Bürgerinitiative und Mahnwache haben deshalb weiterhin Bedenken: Was passiert mit den atomaren Abfällen bei Katastrophen? Was bei Anschlägen, etwa wenn ein Flugzeug auf die Halle stürzt? Und hieß es nicht früher, das Zwischenlager habe keine Schutzwirkung?

Gorleben wurde als geplantes Endlager aufgegeben

Auch hier sieht sich der Betreiber auf der sicheren Seite: In einem atomrechtlichen Genehmigungsverfahren sei nachgewiesen worden, dass zum Beispiel die Konstruktion der Behälter die erforderliche Sicherheit gegenüber Störfällen gewährleistet. Die Behörden hätten auch den Fall von Abstürzen aller gängigen Flugzeugtypen untersucht. Es sei nachgewiesen worden, dass in diesem Fall eine Gefährdung von Leben und Gesundheit der Bevölkerung ausgeschlossen ist.

Die Suche nach einem atomaren Endlager wir wohl Jahre dauern.
Bild: Stefan Puchner, dpa

Wie in Gundremmingen gibt es Zwischenlager bei anderen deutschen Kraftwerken. Eine Dauerlösung sollen sie aber nicht sein. Denn die Bundesregierung ist auf der Suche nach einem atomaren Endlager für hoch radioaktive Stoffe. Diese Suche beginnt gerade neu. Nach langen Protesten und wegen Sicherheitsbedenken war zuvor Gorleben als geplanter Standort aufgegeben worden. Die neue Suche ist eine Herkulesaufgabe, die Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern wird.

München, vergangene Woche, ein angenehm warmer Sommertag. Rund 40 Leute sind zur Informationsveranstaltung über die Endlagersuche in das Kolping-Zentrum in der Nähe des Hauptbahnhofs gekommen. Umweltschützer, Atomkraftgegner, interessierte Bürger. Info-Veranstaltungen dieser Art finden derzeit bundesweit statt.

Wolfram König, 61, ist ein hochgewachsener Mann mit kleinen klugen Augen. Er trägt Jeans, Hemd und Jackett, ist Mitglied der Grünen und Präsident des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit. In seiner Hand liegt die Aufsicht über die Endlagersuche.

„Die Frage ist, wie wir ein Endlager bekommen für die hochgiftigsten und gefährlichsten Stoffe, die die Menschheit je produziert hat“, sagt er. König erklärt, dass es keine Lösung sei, die abgebrannten Brennstäbe dauerhaft in den Zwischenlagern zu lassen. Dass der Atommüll auch nicht exportiert werden soll. Und dass es keine Option sei, die Abfälle durch neue technische Verfahren in andere Stoffe umzuwandeln, ohne eine neue Atomindustrie in Deutschland zu etablieren. Am Endlager führe kein Weg vorbei.

Gesucht wird eine Lagerstätte für am Ende rund 1900 Castor-Behälter. Die Stoffe sollen dauerhaft abgeschlossen werden, in mindestens 300 Metern Tiefe, sicher für mindestens eine Million Jahre. Drei Gesteinstypen kämen in Frage: Salz, Granit oder Ton.

Offen ist allein der Standort. Diesen zu finden, ist das große Problem. Jeder Ort in Deutschland kann bisher infrage kommen.

Ein Castor-Behälter wird mit Hilfe eines Lastwagens auf ein Schiff geschoben. Wo der Atommüll einmal lagern wird, ist weiterhin offen.
Bild:  Uwe Anspach, dpa

Die Suche nach dem Endlager beginnt mit einer „weißen Landkarte“, erklärt König. Dass CSU und Freie Wähler im Koalitionsvertrag schreiben, sie sehen in Bayern keinen geeigneten Standort für ein Endlager, stößt auf Unmut im Rest Deutschlands. Ministerpräsident Markus Söder hat die Aussage eben erst wiederholt und dafür scharfe Kritik geerntet. Denn theoretisch gäbe es Standorte in Bayern, die infrage kommen: Tonschichten rund um Neu-Ulm. Oder Granit im Bayerischen Wald. „Das Verhalten Söders ist unanständig und schädigt Bayern“, meint Kamm. Denn kippt man die Idee der weißen Landkarte, machen die anderen Bundesländer bei der Endlagersuche auch nicht mehr mit, fürchtet er. „Dann bleibt der Atommüll ewig stehen.“

Und die Proteste dürften um ein Vielfaches massiver werden, wenn die ersten möglichen Standorte gehandelt werden.

Die Atomkraftgegner von heute leben 2050 vielleicht nicht mehr

Die Regierung will sich für die Endlagersuche Zeit nehmen. Zuerst soll die zuständige Bundesgesellschaft für Endlagerung Gebiete ausschließen, etwa wo Vulkane ausbrechen könnten oder Erdbeben vorkommen. Danach sollen oberirdische Erkundungen stattfinden, schließlich Erkundungsbergwerke entstehen. Im Jahr 2031 dann soll der Bundestag einen Endlagerstandort beschließen. In allen Phasen soll die Öffentlichkeit eingebunden werden und Klagemöglichkeiten haben. Das Endlager könnte nach dem Jahr 2050 in Betrieb gehen. Viele Atomkraftgegner von heute leben dann vielleicht nicht mehr.

Der Zeitplan lässt bei Raimund Kamm trotzdem die Alarmglocken schrillen. Denn das Zwischenlager Gundremmingen hat nur eine Genehmigung bis 2046. Diese muss also auf jeden Fall verlängert werden. Die Angst ist da, dass das Zwischenlager zum Dauerzustand wird.

Das Atomkraftwerk Gundremmingen wird 2046 längst abgeschaltet und womöglich zurückgebaut sein. „Wie sieht das dann aus? Steht dann nur noch eine Halle auf einer grünen Wiese? Mit den radioaktivsten Stoffen, die es gibt? Ich will mir das nicht vorstellen!“, sagt Kamm fassungslos.

Die Verantwortlichen für das Zwischenlager Gundremmingen wissen um das Problem: Da das Endlager 2050 in Betrieb gehen soll, sei heute schon offensichtlich, dass eine längere Zwischenlagerung als ursprünglich vorgesehen nötig sein wird, sagt BGZ-Sprecher Tobias Schmidt.

Was aber, wenn sich am Schluss gar kein Endlager findet? Weil keiner in Deutschland das „Atomklo“ der Republik sein will? Wolfram König möchte das verhindern: „Wir sind angetreten, um Erfolg zu haben.“ Er wirbt für die Endlagersuche. „Lassen Sie uns diesen Weg gehen!“ Raimund Kamm ist skeptischer. Zu lange dauert sein Einsatz gegen die Atomenergie bereits. „Wir kämpfen dafür, dass dieser Prozess zum Erfolg kommt, aber Vertrauen haben wir nicht mehr“, sagt er.

Konrad Link will nur eines – dass die Atomkraft endgültig Geschichte ist. „Wir erzeugen hier seit 1966 Atommüll und niemand weiß, wie er verantwortungsvoll entsorgt werden kann“, kritisiert er. Nach der Umrundung des Kraftwerks rollen die Mitglieder der Mahnwache ihre Transparente ein. Doch sie werden wiederkommen. Jeden Sonntag.

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