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Wettenhausen

13.04.2015

Zu Besuch bei den Sorgenfressern

Die Sorgenfresser-Figuren helfen Marcel, Alicia und Antonia, ihre Trauer zu verarbeiten. Dabei unterstützen sie auch die Trauerbegleiterinnen Petra Lagarde und Karin Gall. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat im Kloster Wettenhausen.
Bild: Brigitta Ernst

Ein Mädchen hat ihren Vater durch einen Flugzeugabsturz verloren, der Bruder eines Buben ist erstickt. In Wettenhausen helfen die Malteser trauernden Kindern, das zu verarbeiten.

Kommt man in den schön gestalteten Raum im Kloster Wettenhausen, betritt man ein liebevoll eingerichtetes Kinderreich. Überall sitzen Plüschtiere, fröhliche Malereien hängen an den Wänden und sogar die Sitzhocker sind in frühlingshaftem Apfelgrün und Sonnengelb gehalten. Es ist ein guter Ort zum Sein für die drei Kinder, die hier konzentriert ihre Bilder malen, während die Geschichte vom kleinen Hasen auf CD läuft. Obwohl der Raum so viel Fröhlichkeit ausstrahlt, ist es ein Raum der Trauer. Hier trifft sich seit November die Kindertrauergruppe des Malteser Kinder- und Jugendhospizdienstes Günzburg, Neu-Ulm, Dillingen und Donau-Ries.

Das kostenfreie Angebot richtet sich an Kinder ab vier Jahren, die den Tod eines Angehörigen oder eines Freundes zu verarbeiten haben. So wie die sechsjährige Alicia, deren Vater an Leukämie starb, als sie vier war. Das Mädchen erzählt ernsthaft von der Prinzessin, die es gerade zeichnet. Anders ist die fünf Jahre alte Antonia. Ihr Vater kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Das stille Mädchen malt konzentriert sich und ihre Mutter auf einer bunten Frühlingswiese, während der lebhafte Marcel immer wieder auf den quietschgrünen Sitzsack springt.

„Wir fragen die Kinder nicht aktiv nach ihrer Trauer, wir sehen und erleben, wie es ihnen geht – damit arbeiten wir dann“, erklärt Petra Lagarde. Gemeinsam mit Karin Gall leitet sie die Trauergruppe ehrenamtlich. Die ausgebildete Trauerbegleiterin fährt fort: „Kinder trauern anders als Erwachsene. Sie drücken ihre Gefühle auf vielfältigste Art und Weise aus, statt ,nur‘ darüber zu reden. Gleichzeitig stellen sie Fragen – und erwarten ehrliche und beruhigende Antworten.“

Mit Strategien die Trauer ertragen

Karin Gall kennt als Kinderkrankenschwester und ebenfalls ausgebildete Trauerbegleiterin das Phänomen. Sie ergänzt: „Erwachsene fühlen sich davon häufig überfordert. Einerseits, weil der Tod noch immer Tabuthema ist, andererseits werden Erwachsene beim Tod eines Angehörigen häufig von der eigenen Trauer überwältigt. Damit das Leben nach einem Todesfall in der Familie nicht völlig aus den Fugen gerät, müssen sich die Kinder ebenso wie die Erwachsenen Zeit und Raum zum Trauern nehmen.“

Die Stimmung kann sich rasch ändern, so wie jetzt bei dem fünf Jahre alten Marcel. Auch er hat ein Bild gemalt, ein Raumschiff mit Monstern und einem kleinen, kaum erkennbaren Männchen. Beim Erklären des Bildes sagt er schlicht „Das ist Mo, ich vermisse ihn.“ Mo ist der Kosename seines Bruders, der erstickt ist. Da kommen die Ostergeschenke von Petra Lagarde und Karin Gall genau richtig. Es sind Plüschfiguren mit großem Maul, das brauchen sie, denn es sind Sorgenfresserchen und in das Maul lassen sich alle Sorgen stecken. Auf diese spielerische Weise geben die Frauen den Kindern Strategien für die Trauerbewältigung.

Der Gedanke daran, die Sorgen einfach auffressen zu lassen, gefällt den Kindern. Schnell finden sie Namen für die neuen Gefährten Monsterle und Lili, wie beide Mädchen die Figürchen nennen. Auf die Frage, welche Sorgen sie nun dem Sorgenfresserchen geben, sind die Antworten vielfältig, Marcel steckt „den blöden Regen“ in das große Maul, Alicia den Vorsatz, nicht mehr mit dem Bruder zu streiten und Antonia die Trauer darüber, dass der Papa gestorben ist. „Die Kinder wissen genau, dass damit nicht alles wieder gut ist, doch sie lernen diese Strategien einzusetzen, wenn die Trauer sie übermannt“, erläutern die beiden Frauen.

Kinder trauern ganz anders als Erwachsene

Durch den Kinder- und Jugendhospizdienst haben die Malteser viel Erfahrung im Umgang mit dem Sterben. Koordinatorin Sylvia-Maria Braunwarth weiß, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Tod ist: „Kinder haben erfahrungsgemäß viel weniger Berührungsängste als Erwachsene. Innerhalb der Kindertrauergruppe treffen die Kleinsten auf das Verständnis von Gleichaltrigen. Sie bekommen das Gefühl, nicht allein zu sein und jederzeit ansprechen zu können, was sie beschäftigt. Nur so können sie einen schlimmen Schicksalsschlag verarbeiten. Schließlich geht das Leben weiter und darf nicht vom Tod bestimmt werden“, sagt Sylvia-Maria Braunwarth abschließend.

Heute wird das Treffen erst einmal davon bestimmt, dass die Mütter danach zu einem gemeinsamen Kaffee dazu kommen. Fröhlich zeigen die Kinder ihnen die neuen Sorgenfresserchen, die schon ganze Arbeit geleistet haben: den Kindern das Lachen zurück zu bringen, jedenfalls für den Moment.

Kontakt Interessierte Familien können sich bei der Koordinatorin Sylvia-Maria Braunwarth unter Telefon 08221/2070792 anmelden.

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