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Illertissen

16.06.2017

Ausgegrenzt aus der Welt der Hörenden

Über die Gebärdensprache unterhalten sich Gehörlose. Sie benötigen im Alltag oft einen Dolmetscher – diese sind in Schwaben jedoch selten.
Bild: Dan race/Fotolia (Symbol)

Der Gehörlosenverein Günzburg/Neu-Ulm feiert am Wochenende Jubiläum und will dabei auf Probleme aufmerksam machen – eines betrifft die geringe Zahl an Dolmetschern.

„Wir sind ganz normale Menschen“, stellt Peter Schweizer, der Vorsitzende des Gehörlosenvereins Günzburg/Neu-Ulm, fest. Aber in der alltäglichen Auseinandersetzung mit einer lauten Welt stoßen er und seine Leidensgenossen immer wieder auf Missachtung oder gar Ablehnung. Wer gehörlos ist, habe keine Teilhabe an der Kommunikation der Hörenden, er sei immer ausgeschlossen. Lippenlesen, erklären Peter Schweizer und sein Kollege Andreas Senger, funktioniere nur im Dialog. Der Gesprächspartner müsse langsam und deutlich sprechen und klar formulieren. Trotzdem sei es für Gehörlose anstrengend, sich so mit Hörenden zu unterhalten. Entspannt und gesellig austauschen, das gehe nur mit Leidensgenossen. Deshalb sei ein intensives Vereinsleben unabdingbar. Dass es das seit 25 Jahren in den Kreisen Günzburg und Neu-Ulm gibt, wird nun gefeiert.

Denn in Burtenbach (Kreis Günzburg) steht am Wochenende das Fest zum 25-jährigen Bestehen des Gehörlosenvereins an. Der hat viel geleistet: Dank der Veranstaltungen, die Peter Schweizer und seine Vorstandskollegen organisieren, erhalten Gehörlose ein Stückchen Normalität, können ein gesellschaftliches Leben pflegen und Informationsangebote nutzen. Ansonsten ist das nicht einfach: Ohne Gebärdendolmetscher können sie Vorträgen nicht folgen, ohne Untertitel Filme nicht verstehen.

Es sei zu kurz gedacht, den Gehörlosen einfach die schriftliche Version eines Vortrags in die Hände zu drücken: „Wir haben eine andere Sprache, einen eigenen Wortschatz und eine eigene Grammatik. Einen komplizierten Text müsste uns der Gebärdendolmetscher übersetzen“, sagt Schweizer. Doch in der Regel sei kein Geld da, um etwa Volkshochschulveranstaltungen synchron zu übersetzen.

Mit seinem Verein könne er nur bedingt Ausgleich schaffen, durch Fahrten, Ausflüge, Bildungsreisen, bei denen ein Dolmetscher dabei ist. Am liebsten sei es den Betroffenen, wenn sie in der gemischten Gruppe reisen können, Hörende und Gehörlose, so könnten auch Hemmschwellen abgebaut werden. Oft hätten Hörende Berührungsängste, trauten sich nicht, mit Gehörlosen in Kontakt zu treten. Zum Jubiläum wollen die Gehörlosen in die Offensive gehen, Präsenz zeigen, und die Hörenden einladen, sich mit der stillen Welt auseinanderzusetzen.

Sie zeigen, was Gehörlose bewerkstelligen können: In einer eigenen Ausstellung, der „Deafmesse“, werden Kunsthandwerk und Dienstleistungen vorgestellt. Dabei, erklärt Senger, gehe es darum, die Leistungsfähigkeit gehörloser Menschen aufzuzeigen. Auch soll umfassend über moderne Hilfsmittel informiert werden, die Gehörlosen zur Verfügung stehen. Zudem wolle man auf die spezifischen Bedingungen in Bayern hinweisen. Die Situation der Gehörlosen sei im Freistaat kritischer als in den meisten anderen Bundesländern: Obwohl die Gebärdensprache 2002 in Deutschland als offizielle Sprache anerkannt worden sei, habe die Politik in Bayern wiederholt abgelehnt, die Gebärdensprache als Schulfach einzuführen, so Schweizer.

Im Bezirk Schwaben gebe es nur 13 Gebärdendolmetscher. Die Zahl der Menschen, die für Amts-, Arzt- oder andere Besuche einen Dolmetscher benötigen, könne hingegen nur geschätzt werden, oft übernähmen hörende Angehörige diese Aufgaben.

Der Verein hat 50 Mitglieder, man geht von 4000 Gehörlosen in Bayern und 80000 deutschlandweit aus. Den Dolmetschermangel spüren die Vereinsmitglieder immer wieder deutlich. „Wir müssen unsere Veranstaltungen über ein Jahr im Voraus genau planen, um rechtzeitig einen verpflichten zu können. Es ist völlig unmöglich, auf die Schnelle jemanden zu finden“, so Schweizer. Auch deshalb hoffen die Gehörlosen, mit ihrer Aktion zum Jubiläum am 17. Juni Hörende auf sich aufmerksam machen zu können.

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