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Sputnik V

08.04.2021

Einst Pfizer, nun R-Pharm: Ist Illertissen Standort der Impf-Hoffnung?

Rund 350 Menschen arbeiten derzeit beim Pharmakonzern R-Pharm in Illertissen. Dort soll bald Corona-Impfstoff hergestellt werden.
Foto: Alexander Kaya

Plus Bayern sichert sich 2,5 Millionen Dosen vom Corona-Impfstoff Sputnik V bei R-Pharm in Illertissen. Ein Standort mit Tradition. Dennoch läuft nicht alles rund.

Seitdem bekannt ist, dass bei R-Pharm in Illertissen die Produktion eines Corona-Impfstoffes geplant ist, kursiert im Netz wieder ein legendäres Video: Es stammt von einem Spiel des Fußball-Regionalligisten FV Illertissen gegen Greuther Fürth II aus dem Jahr 2013. Ein beinahe einsamer Fan singt und trommelt auf der Tribüne: "Illertissen spielt international." In den sozialen Netzwerken wurde daraus nun eine humorvoll gemeinte Anspielung auf die hoffnungsvollen Erwartungen an den russischen Impfstoff Sputnik V - made in Illertissen. Doch bis es so weit ist, kann es noch dauern.

Dabei hat die Herstellung von Medikamenten in der Vöhlinstadt eine lange Tradition. Seinen Ursprung verdankt der Standort dem Fabrikant Heinrich Mack. Er produzierte bereits 1875 kosmetische Produkte an der Iller. Seine Firma begründete Illertissens Image als Bienenstadt. Ab den 1930er-Jahren wurde dort das auf Bienengift basierende Rheumamittel Forapin hergestellt. Es entstand die größte Bienenfarm Europas mit rund 150 Millionen Tieren mit einstmals bis zu 1500 Mitarbeitern.

R-Pharm in Illertissen: Russischer Milliardär übernimmt den Standort

1971 kam dann Pfizer. Über vier Jahrzehnte produzierte der US-Pharmariese in der Stadt im südlichen Landkreis Neu-Ulm. Das Welt-Unternehmen sortierte allerdings sein Produktionsnetzwerk neu - und Illertissen dabei aus. Das Werk stand zum Verkauf. 2014 übernahm der russische Pharmakonzern R-Pharm und eröffnete eine deutsche Tochter: die R-Pharm Germany GmbH. Besitzer ist der russische Milliardär Alexey Repik, der zum Besuch standesgemäß mit dem Privatjet in Memmingen einflog. Er möchte den Standort zu einer Art Brückenkopf seines Unternehmens in Westeuropa ausbauen, so die Vision.

R-Pharm-Chef Alexey Repik bei seinem Besuch der früheren Pfizer-Niederlassung in Illertissen.
Foto: Seefelder

Die Zusammenarbeit mit Pfizer ging erst noch weiter. Der US-Konzern ließ von R-Pharm Medikamente verpacken. 2018 gab es aber einen deutlichen Auftragsrückgang. Während einst von Jobabbau die Rede war, stehen heute Neueinstellungen im Raum. Denn im September vergangenen Jahres wurde verkündet: Am Standort soll es mit der Impfstoff-Produktion wieder aufwärts gehen.

Seither werden offensichtlich alle Hebel in Gang gesetzt, um in bereits bestehenden Hallen die Anlagen zur Impfstoff-Produktion zu errichten. Anfangs war auch AstraZeneca im Gespräch, mittlerweile dreht sich alles nur noch um Sputnik V. 30 Millionen Euro sollen angeblich investiert werden.

R-Pharm hat Probleme: Baustopp auf Impfstoff-Gelände

Doch wie nach Recherchen unserer Redaktion bekannt wurde, stockte es offensichtlich lange bei der Zusammenarbeit mit den Behörden. Wohl auch deshalb schaute vor drei Wochen der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) in Illertissen vorbei. Dass der Freistaat, wie jetzt bekannt wurde, quasi im Alleingang 2,5 Millionen Sputnik-Dosen abgreifen möchte, soll damals aber noch nicht besprochen worden sein. Geht es nach dem R-Pharm-Manager Alexander Bykow könnte man in Illertissen im Juni oder Juli schon starten.

So sah der Zugang des Pharmaunternehmen Pfizer in Illertissen 2010 aus.
Foto: Ralph Patscheider (Archivbild)

Ob diese Pläne umsetzbar sind, ist fraglich. Denn aus behördlicher Sicht war an dem Vorhaben bislang fast nichts "rechtskonform". Nach einem "freiwilligen Baustopp" seitens des Unternehmens, wurde mittlerweile eine Teilgenehmigung für die Impfstoff-Produktion im kleineren Umfang erteilt. Ein Brandschutzkonzept fehlt weiterhin. Auch das immissionsschutzrechtliche Verfahren, das bis zu sieben Monate dauern kann, steht noch aus. Hier befinde man sich noch "in den Anfängen", so die zuständige Sachbearbeiterin am Neu-Ulmer Landratsamt, das aber zu verstehen gibt: "Wir sind ein Rechtsstaat und halten uns an die Gesetze. Aber natürlich werden alle Ärmel hochgekrempelt, um das so schnell wie möglich auf die Reihe zu bekommen."

Weite Teile der Belegschaft wissen derzeit dem Vernehmen nach nicht mehr über Impfstoff-Pläne, als in den Medien berichtet wird. Wenn das mit der Zulassung klappt, wäre der Standort mit seiner langen Tradition vermutlich für die nächsten Jahre gesichert. Allerdings - das macht auch das Landratsamt deutlich - brauche es auch die Zuarbeit seitens des Pharma-Konzerns.

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