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Vöhringen

01.10.2020

Pferd ohne Kopf: Makaberer Fund in Vöhringen

Das kopflose Skelett eines Pferdes lag im Vöhringer Boden versteckt. Das Tier wurde irgendwann im frühen Mittelalter begraben. Damals war es üblich, Pferde ohne Kopf zu bestatten. Warum, wissen die Archäologen allerdings nicht.
Bild: Firma Plana Team, A. Struthmann

Plus Bevor die VR-Bank in Vöhringen bauen konnte, haben sich Archäologen ans Werk gemacht. Ihre Entdeckungen geben wertvolle Einblicke in das frühe Mittelalter.

Die Archäologen haben ihre Arbeit in Vöhringen längst beendet, die Volks- und Raiffeisenbank Neu-Ulm konnte mit ihrem Neubau im Stadtzentrum schon lange loslegen. Jetzt, gut ein Jahr nachdem die Ausgrabungen beendet wurden, sind die Experten so weit, öffentlich über ihre Funde zu sprechen. Ein Goldschatz zur Sanierung der städtischen Finanzen, wie ihn sich vielleicht der ein oder andere Stadtrat gewünscht hätte, lag nicht im Boden versteckt. Stattdessen legten die Archäologen in den sechs Monaten, in denen sie in Vöhringen gegraben hatten, Dutzende Knochen frei.

Archäologen legen Pferdeskelett ohne Kopf frei

Die menschlichen und tierischen Überreste – gefunden wurde auch ein Pferdeskelett, von dem allerdings der Kopf fehlt – gehören laut einer Pressemitteilung des Landesamts für Denkmalpflege zu zwei großen Kreisgrabenanlagen. Die Experten datieren die Gräber auf einen Zeitraum zwischen dem 6. bis 8. Jahrhundert nach Christus, also auf das frühe Mittelalter.

Die Archäologen entdeckten zwei große Kreisgrabenanlagen mit mehreren Bestattungen auf dem Areal zwischen Memminger Straße und Bachgasse, auf dem sich früher das Café Nieser befand. Eines der Gräber gehörte nach Einschätzung der Experten offenkundig einer wohlhabenden und einflussreichen Person. Ganz in der Nähe wurde das Pferdeskelett entdeckt. Daraus schließen die Archäologen, dass es sich bei dem Toten wohl um einen Reiterkrieger des frühen Mittelalters handelte.

So sahen die Ausgrabungsarbeiten von oben aus.

Das Grab des Reiterkriegers befand sich in einer exakt mittig gelegenen, hölzernen Grabkammer der größeren der beiden Kreisgrabenanlagen, teilt das Landesamt für Denkmalpflege mit. Experten vermuten, dass er mit einer umfassenden Bewaffnung bestattet wurde. Derartige Beigaben wurden allerdings nicht gefunden. Es konnten jedoch Reste einer Gürtelgarnitur geborgen werden. Ruth Sandner, Archäologin am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, sagt dazu: „Die Beigabenarmut des Grabes in Vöhringen wirft jedoch Fragen auf, die man im Zuge einer hoffentlich folgenden wissenschaftlichen Ausarbeitung wird beantworten können.“

Das Grab wurde immer wieder benutzt

Bemerkenswert sei laut Denkmalpflegeamt, dass das Grab nach der Erstbelegung in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts nach Christus in regelmäßigen Abständen von etwa einer Generation wiederholt belegt wurde, ähnlich einem Familiengrab heute. Insgesamt wurden, teils in der zentralen Holzkammer, später auch über der Grabkammer, mindestens sechs Erwachsene beigesetzt. Die dort Bestatteten hatten zum Zeitpunkt ihres Todes meist ein fortgeschrittenes Alter erreicht. Es waren Männer und Frauen beigesetzt. Ob und in welcher verwandtschaftlichen Beziehung die Verstorbenen zueinander standen, können nur naturwissenschaftliche Analysen klären. Aufgrund fehlender Grabbeigaben lassen sich zum sozialen Status der Personen keine Rückschlüsse ziehen, heißt es in der Pressemitteilung.

Die Archäologen fanden Überreste mehrerer Bestattungen.

Neben dieser mächtigen Kreisgrabenanlage mit einem Durchmesser von circa 20 Metern wurde noch eine zweite Anlage mit einem Durchmesser von etwa 14 Metern gefunden. Beide Bestattungsplätze waren früher wahrscheinlich als Hügel sichtbar. Nach der Aufgabe der beiden Anlagen wurden zwischen den beiden Grabenanlagen weitere Bestattungen eingebracht. Archäologin Sandner zieht aus dem Ausgrabungsergebnis folgendes Resümee: „Die Anlagen geben einen spannenden Einblick in die frühmittelalterliche Geschichte von Vöhringen.“ Dabei sind die aktuellen Funde gar nicht die ersten dieser Art, die an dieser Stelle aufgetan wurden. Als 1936 auf einem Nachbargrundstück gebaut wurde, wurden dort ebenfalls frühmittelalterliche Gräber entdeckt. Die aktuell gefundenen Kreisgrabenanlagen sind wohl die Fortsetzung dieses Bestattungsplatzes.

Kopfloses Pferdeskelett stellt Archäologen vor Rätsel

Warum das Pferdeskelett in dem Grab in Vöhringen keinen Kopf hatte, können die Archäologen nicht beantworten. Die Bestattung von Pferden ohne Kopf sei jedoch nicht ungewöhnlich, sondern sogar typisch für die Zeit ab der Mitte des 7. Jahrhunderts.

Inzwischen liegt die VR-Bank mit ihrem Bau wieder im Zeitplan. Auch dass der Mühlbach kurzzeitig die Baugrube flutete, hat die Arbeiten nicht dauerhaft behindert. Das Bachbett war unter einer Stützmauer durchgebrochen. Doch das „Malheur“, wie der Sprecher der VR-Bank, Wolfgang Kaimer, den Vorfall im Juli dieses Jahres bezeichnet hatte, konnte noch am selben Tag wieder behoben werden.

Auf dem Gelände entsteht nicht nur die neue Geschäftsstelle der Bank, sondern auch einige Wohneinheiten. In dem Gebäude in der Memminger Straße sollen insgesamt 16 Wohnungen vermietet werden, in einem kleineren Gebäude dahinter in der Blumenstraße sollen 15 Wohnungen verkauft werden. Laut Plan werden die Gebäude zum Ende des kommenden Jahres fertiggestellt. Mit dem Vertrieb der Wohnungen will die Bank voraussichtlich noch in diesem Jahr beginnen, teilt Sprecher Wolfgang Kaimer mit.

Lesen Sie dazu auch aus unserem Archiv: Ausgrabungen in Vöhringen dauern an

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