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Waltenhausen

21.07.2019

Von Rock aller Art bis zum Ösi-Schmäh beim Ackerbeat

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8 Bilder
„Die Top-Acts spielen bei uns halt schon um 17 Uhr“, sagte Veranstalter Axel Brandt (rechts) gut gelaunt die Stereons aus Neuburg/Donau auf der großen Bühne des Ackerbeat-Festivals an.
Bild: Annegret Döring

Das Ackerbeat in Waltenhausen hat sich zu einem Super-Open-Air gemausert und bot mit einem beeindruckenden Line-Up ein ultra-vielfältiges Musikangebot.

Die Wiese ist trocken und das ist gut so, denn was hier am Freitag und Samstag stattfindet, wird den Boden strapazieren. Es ist wieder Ackerbeat, ein Festival im Niemandsland zwischen Hohenraunau und Waltenhausen auf einer Wiese von Axel Brandt. Zum vierten Mal nun schon und zum ersten Mal bei trockenem Sommerwetter. Der Düsseldorfer Künstler hat Wurzeln in Waltenhausen und hat mit seinem Riesen-Helferteam wieder etwas Großartiges entstehen lassen, wo sich sonst Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Schlagholzblech vom Musikverein Waltenhausen

Thomas Strobel und sein Musikverein Waltenhausen formieren sich vor der Ackerbeatbühne auf der grünen Wiese. Schlagholzblech, heißt die kleinere Formation des Musikvereins, die traditionell das Festival am frühen Abend einläutet, mit böhmisch-mährischer Blasmusik, so wie das in bayerischen Dörfern üblich ist. Das Festival bietet eine Vielfalt von Musikstilen. Die Wiese ist noch nicht so voll, aber beständig trudeln immer mehr Besucher ein. Am Ende werden es so rund 500 sein, informiert Organisator Axel Brandt. Nach der Dorfblasmusik kündigt er die nächste Band an und damit einen kompletten Genre-Wechsel.

Finerip Sexappeal aus Krumbach

Finerip Sexappeal mit Sängerin Nadja und sechs Musikern bieten Finerip, Ska und Reggae mit harten Gitarren-Beats. Blasmusik ist auch dabei, die in fanfarenartigen Beiträgen von Posaune und Trompete um die kehlige Stimme von Nadja schallt. Neben eigenen Liedern (Miss Anger) gibt es auch Coversongs. Zum 3. Mal ist die Band dabei, sagt Nadja, die noch mit einem Geburtstagsüberraschungssong für Gitarrist Kaspar aufwartet, der 40 Jahre alt geworden ist. Auf Happy Birthday von Stevie Wonder appliziert sie einen eigenen Text. Musik aus Jamaika haben die sieben auch im Gepäck und das Publikum kommt in Stimmung und tanzt mit.

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Love Machine aus Düsseldorf

Es ist schon dunkel, als die Düsseldorfer Formation Love Machine auf die Bühne kommt. Die vor gut fünf Jahren gegründete Formation hat schon einigen Bekanntheitsgrad erlangt und beginnt eine Tournee in Waltenhausen. Dafür haben sie lang im Stau gestanden. Nach ausführlichem Soundcheck gibt es anfangs fast eingängig langsamen Beach Sound und nach technischen Problemen finden die fünf Mann zu besserer, sehr rockiger, Bühnenpräsenz. Für Sänger Marcel Rösche ist es kein Problem auf der Bühne das bayerische Bier samt Zigarette zu genießen und gleichzeitig zu performen, da kommt schon auch mal ein (absichtlicher) Rülpser durchs Mikro. Doch seine Stimme ist ziemlich einzigartig dunkel und er selber eine imposante Erscheinung mit seinem ultralangen Bart und später nacktem Oberkörper. Zwischendrin greift er zum Schellenkranz und macht auch an Mini-Bongos rhythmisch eine gute Figur. Untermalt von immer wieder psychedelischen Gitarren gibt es auch fette Schreie, die Metal aus alten Zeiten entsprungen sein könnten. Beim anschließenden Backstage-Gespräch beschreiben sie ihren Stil als „so am ehesten ’Garage’“. Im Publikum sind die Meinungen geteilt: Die einen sind begeistert, die anderen können weniger mit den fünf Mannen anfangen. Aber das ist Festival – für jeden ist was dabei.

Die bekannte Krumbacher Band Skaos

Als nach Mitternacht Lokalmatador Skaos mit astreinem Ska die Bühne komplett ausfüllt und irres Klangvolumen bietet, wird das Publikum mobil. Wie in einem wuselnden Ameisenhaufen zuckt und hampelt, hüpft und zappelt alles. Weniger aktive Festivalbesucher müssen aufpassen, dass sie nicht angesprungen werden oder einen Arm ins Gesicht kriegen, angesichts der entfesselt Tanzenden. Sänger und Posaunist Wolle Winkler bewegt sich wie ein verrücktes Stehaufmännchen mit, ist vorne und hinten auf der Bühne, gibt physisch alles und freut sich, „endlich mal wieder in der Heimat zu spielen – zurück auf dem Ackerboden“. Skill Bill, Shake it und viele Titel mehr elektrisieren das Publikum, das nach ein Uhr Zugaben fordert und auch bekommt.

Mit gut 80 Helfern, alle in schicken Ackerbeat-T-Shirts, hat Axel Brandt das Festgelände samt rustikaler Essensbuden, Zelt, Bühne und Toiletten für die Besucher und die Auftretenden hergerichtet. Liebevoll loungig eingerichtet ist der Backstage-Bereich. Das AckerbeatLine-Up, die Liste der fürs Festival gebuchten Künstler, kann sich sehen lassen, denn am Samstag treten nochmals zehn Bands beziehungsweise Einzelkünstler auf.

Die Freemangroup aus Krumbach

Nachmittags geht es bereits los, als das Publikum noch überschaubar ist. Die Freemangroup aus Krumbach (Michael Kaeuffer, Jürgen Volz, Günter Freymiller) startet entspannt und zieht Instrumentalpassagen gut in die Länge, sodass man sich fast in einer Jam-Session wiederfindet. Man merkt den langjährigen Musikern die Spielfreude an, während im Festival-Räucherschrank schon die Forellen im Buchenholzrauch hängen.

Die Stereons aus Neuburg/Donau

„Bei uns fangen die Top-Acts schon um 17 Uhr an“, preist Axel Brandt die Stereons aus Neuburg/ Donau an und will die Besucher aus dem schattenspendenden Zelt in der Hitze des Nachmittags, der Stimmung wegen, vor die Bühne locken. Die vier Jungs mit bereits eigenen veröffentlichten Produktionen bieten 70er(-Hardrock)-Sound mit melodiösem Keyboard. Obwohl Sänger und Gitarrist Mike Gak wie ein schmächtiger Beamter ausschaut (gerne hätte er eine Fresse wie Mick Jagger, bekennt er), hat er Flüstertöne und eine laute Rockstimme drauf, was er in einem Tribut an Ozzy Osbourne von Black Sabbath in „Hellraiser“ beweist.

Ein sonderbarer Ferrari aus Ulm

Komplett anders klingt das Zwischenprogramm, das „Mein langsamer Ferrari“, ein Trio älterer Männer, aus Ulm beim Umbau der großen Bühne auf der kleineren im Zelt bietet: Es wird lyrisch, mit rhythmisch in gleichförmiger Tonlage gesprochenen Texten des pensionierten Deutschlehrers Jörg Neugebauer, untermalt von Bass-Sound oder sphärischen Klängen von Heulschläuchen oder auf ungewöhnlichem gestrichenen Geigenbogen samt Schlagzeug. Bei den Texten mit schrägem Humor, der ein Weilchen braucht, um in den Gehirnwindungen des Gegenübers anzukommen, ist volle Konzentration gefordert. Zweimal geben die Herren den ungewöhnlichen Pausenfüller.

n.e.t.t.o. aus dem Allgäu

Auf der großen Bühne steht derweil die Band Netto, (die sich eigentlich n.e.t.t.o. schreibt). Die Allgäuer aus dem Dreieck Kempten–Memmingen–Leutkirch haben ein großes Instrumentarium dabei von großen Bongos über Akkordeon, Trompete, Posaune, Tuba und Saxofon bis hin zu zwei Alphörnern. Letztere blasen sie – quasi als Höhepunkt ihres Auftritts – zum bekannten „Passenger“ von Iggy Pop. Beim Lalala ... des Refrains geht die Festivalgemeinde richtig mit. Ob Balkan-Brass oder Punk-Klassiker, Polka oder Tango, die sieben Mann unterlegen alles mit ihrem ganz speziellen Allgäu-Groove, den zum Beispiel die Tuba liefert – ganz schön anregend fürs Tanzbein.

Baits kommt aus Wien

Baits aus Wien bietet mit Frontfrau Sonja Maier gemäß der Übersetzung des Bandnamens (Köder, Verlockung Luder) all das und be-(ver)zaubert vor allem das männliche Publikum. Wie ein punkig angezogenes Tanzmariechen erinnert sie ein bisschen an Nina Hagen, allerdings reicht das Stimmchen lang nicht in deren Welten. Dennoch rockt die Band die Bühne mit gitarrenlastigem Rock und Grunge, ist vor allem laut, aber das Gefühl einer sehr engagierten Schülerband, die es schon durchaus weit gebracht hat, wird man nicht ganz los.

Livelast aus Düsseldorf

Pausenfüller und Überraschungsgast im Zelt ist nun mit Livelast aus Düsseldorf eine Nachwuchsband, die ihre Sache gut macht, wenngleich ein paar Technikproblemchen dieses nicht gerade leicht machen.

Bloody Pressack aus Mindelheim

Auf der großen Bühne machen sich „dia wüascht’n Buam“ (sagen sie über sich selber) von Bloody Pressack bereit. Sie bieten schnellen Ska und fragen immer wieder nach der Lust des Publikums (auf Techno, auf Leberkäs, auf Hummer) und bieten dann den passenden Song – etwa „Rock Lobster“. Das Publikum will Zugaben.

Dein Ernst aus Augsburg

Richtig gut wird es, als nach Mitternacht die Gruppe „Dein Ernst“ aus Augsburg auftritt. Unterstützt durch immer wieder andere Masken und Kostümierungen (Kamel, Paradiesvogel, schwarze Kutten, Königskrone) bieten sie Deutsches in astrein artikulierter Sprache „Was ist Liebe?“, fragt Sänger Jan König in Fußballstutzen und Pullunder mit Fliege, die langen Haare zum Dutt gewunden. „Booker, booker, buch uns“, fleht die Band in einem anderen Lied, aber das ist ja noch einmal gut gegangen in Sachen Ackerbeat-Festival und niemand braucht die Buchung dieser Gruppe bereuen. Eine Mega-Show für ein echt begeistertes Publikum.

Titus Probst aus Graz

Da denkt man, Titus Probst aus Graz wird es schwer haben, das noch zu toppen, doch seine One-Man-Show wird der Knaller des Abends. Der 27-Jährige, der mittags in Graz losgefahren ist, singt deutsch mit charmantem Ösi-Schmäh. Es geht hauptsächlich um Liebe und Beziehungen. „Du bist die Kerze und ich Dein Licht ...“, „Dein Herz“, „Wo bist Du? Wo sind wir“, sind nur einige der Liedzeilen. Er wirkt skurril in seinem roten offenen Zweireiher-Jackett, das mindestens aus den Achtzigern stammt, der grünen Retro-Bundfaltenhose, der kastenartigen 70er-Brille und dem Schnurrbart. Er zeigt aber eine Mords-Bühnenpräsenz und agiert nur ab und zu am Synthesizer. Ansonsten spielt er Synthie-Playbacks, die er selber aufgenommen hat, ein. Er kennt sie aus dem Effeff, wie seine präzisen Bewegungen zu den Soundeffekten verraten. Er lässt das Publikum hinliegen und wieder aufstehen und auch nach zwei Uhr macht das noch mit. Die Wiese ist ja nach drei nassen Ackerbeats trocken geblieben. Der Grazer mit der einst abgebrochenen Schullaufbahn studiert inzwischen Performance, und wie jeder sehen kann, lohnt sich das. Anklänge an Falco lassen sich nicht von der Hand weisen und Großes hoffen bei diesem Künstler.

Ob die Besucherzahl an diesem Samstag die 500er-Marke geknackt hat, ist eher unsicher. Schade angesichts des beeindruckenden Line-Ups beim Ackerbeat, doch Veranstalter Axel Brandt ist an diesem Abend hochzufrieden und lächelt glücklich.

Eine Bildergalerie zum Ackerbeat in Waltenhausen finden Sie hier:

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Ackerbeat in Waltenhausen
Bild: Annegret Döring

Kurz mal reinhören in ein paar Festivalacts:

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