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Krumbach

13.09.2019

Wie Lisa Welzhofer in Israel ihren Vater fand

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6 Bilder
Lisa Welzhofer mit ihrer Mutter Barbara.
Bild: Sammlung Welzhofer

Im Literaturherbst erzählt die Günzburger Autorin Lisa Welzhofer von der Reise ihres Lebens. Ihre Lesung ist auch eine besondere „Krumbacher Rückkehr“.

Es liegt im Keller, in einer blauen Kunstledertasche. Ein kleines Büchlein, roter Leineneinband, darauf steht „Barbara“. Als Lisa Welzhofer das Büchlein öffnet, fallen ihr gepresste Bougainvillea-Blüten entgegen. Es ist das Tagebuch ihrer verstorbenen Mutter. Es erzählt von einer jungen Frau aus Günzburg, beseelt vom 1968er-Zeitgeist. Die nach Israel reist, in einem Kibbuz arbeitet – und einen jungen Mann kennenlernt. Sie wird schwanger, doch ihre Hoffnung auf ein gemeinsames Familienleben bleibt vergeblich. Vielleicht muss das so sein. Eine „deutsch-israelische“ Familiengeschichte? Wohl kaum möglich, so kurz nach all dem, was war. Barbara wird 1978 allein nach Günzburg zurückkehren, ihre Tochter zur Welt bringen, die ohne Vater aufwachsen wird.


Familiengeschichte zwischen Schwaben und dem See Genezareth

Diese Familiengeschichte zwischen Schwaben und dem See Genezareth in Israel erzählt die aus Günzburg stammende Autorin Lisa Welzhofer, 2005/2006 Mitglied der Redaktion der Mittelschwäbischen Nachrichten in Krumbach, in ihrem Buch „Kibbuzkind“.

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Lisa Welzhofer. 

Am Freitag, 18. Oktober, ist sie um 19.30 Uhr im Rahmen des Literaturherbstes zu Gast im Hürbener Bürgerhaus in der Heinrich-Sinz-Straße 18. „Ist es merkwürdig, dass meine Mutter und ich nie über ihre Zeit im Kibbuz gesprochen haben? Es war eines jener Geheimnisse, wie es sie wahrscheinlich in vielen Familien gibt.

Hier gibt's das Programm des Literaturherbsts 2019:

Gastspiel der Liebe beim Krumbacher Literaturherbst

Fragen, die auf der Hand liegen, aber die sich keiner zu stellen traut, weil schon Kinder ein Sensorium dafür haben, wo in der Familie die dunklen Ecken liegen, die niemand ausleuchten will“, sagt Lisa Welzhofer rückblickend. „In den 80er Jahren war ich in meiner Grundschulklasse in Günzburg das einzige Kind mit einer alleinerziehenden Mutter“, erinnert sie sich. Ihre Mutter stirbt an Krebs, Lisa Welzhofer muss ihr Haus ausräumen. Sie findet ein kleines Büchlein. Es ist gewissermaßen der Schlüssel zu ihrem eigenen Leben. Bald darauf sitzt Lisa Welzhofer in einem Hotel eines Kibbuz am See Genezareth.

Lisa mit Vater Hagai.
Bild: liwe

Am Horizont schimmern rötlich-braun die hart umkämpften Golanhöhen. Sie denkt daran, dass die Reise in den Norden Israels „ein Silvestervorsatz“ war. „So als könnte ich die Abwesenheit meines Vaters beenden wie andere eine schlechte Angewohnheit. Vielleicht wollte ich auch einfach nur diesen Ort sehen, an dem sich meine Eltern vor Jahrzehnten kennengelernt hatten.“ Ihr Vater war Soldat in der israelischen Armee, dann eine Art Vorarbeiter in einer Bananenplantage. Kibbuz, „klassenloses Leben“? Das ist lange her. Der Kibbuz ist, wie es Lisa Welzhofer beschreibt, ein kleines Dorf mit viel privater Landwirtschaft.

Tabuthema: das Kind in Deutschland

Auf einem der kleinen Fußwege wandert sie durch diese ihr so fremde Welt. Dann „spreche ich auf Englisch einen alten Mann an und frage ihn nach der Familie meines Vaters. Er erinnert sich sofort. Meine Großeltern gehörten 1937 zu den Gründerfamilien des Kibbuz.“ Eine Schwester ihres Vaters arbeitet im Management des Hotels. „Ich finde die Schwester, meine Tante. Ich erzähle ihr von meiner Mutter, die ihren Bruder kannte. Sie sieht mich an und versteht. Auch in ihrer Familie gab es ein Tabuthema: das Kind in Deutschland.“

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Sie erzählt von Lisa Welzhofers Vater Hagai. „Er wollte nie Kinder“, sagt sie. „Kurz vor dem Treffen mit meinem Vater fühlte ich mich sehr verlassen“, denkt Lisa Welzhofer zurück. Es wird eine komplizierte Begegnung. Ihr Vater versucht ihr zu erklären, warum er sich so lange nicht gemeldet hat, keine Familie wollte. Am Ende ist da, wie Lisa Welzhofer heute schildert, auch eine „brutale“ Erkenntnis. „Mein Vater hatte sich nicht in meine Mutter verliebt.“ Doch dann sagt ihr Vater auch, dass er es „diesmal besser machen“ möchte. Die beiden reisen durch Israel, Hagai kommt mit seiner Familie immer wieder nach Deutschland.

Hagai als junger Soldat in den 70er Jahren.
Bild: Sammlung Welzhofer

2013 wird Lisa Welzhofers Sohn Viktor geboren. Damit war es „nicht länger nur meine Geschichte, sondern auch seine.“ Sie möchte ihrem Sohn diese Geschichte erzählen. Es entsteht das Buch „Kibbuzkind“ in dem sie ihrem Sohn in mehreren Briefen die Geschichte zwischen Günzburg und dem See Genezareth in Israel erzählt. Nun ist die Autorin, inzwischen verheiratete Mutter zweier Kinder, die als Redakteurin für die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten arbeitet, beim Krumbacher Literaturherbst zu Gast. Im Rahmen ihrer Journalistenausbildung war Lisa Welzhofer 2005/2006 Volontärin in der Redaktion der Mittelschwäbischen Nachrichten. So ist die Lesung in Krumbach für sie auch eine besondere Rückkehr.

Lisa Welzhofer, Kibbuzkind. Eine deutsch-israelische Familiengeschichte, Edition Chrismon, Leipzig, 2018, 160 Seiten. Veranstalter: Volkshochschule Krumbach und Mittelschwäbische Nachrichten. Moderation: Peter Bauer. Karten gibt es im Vorverkauf bei Bücher Thurn, 08282/995199 und im abc-Büchershop, 08282/9953903.

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