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Nationalsozialismus

14.02.2019

Augsburger Silber: Geraubt, verkauft, zurückgegeben

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Silberobjekte aus ehemals jüdischem Eigentum, darunter auch ein vergoldeter Pokal (links hinten) aus dem Besitz der Familie Marx. 
Bild: Walter Haberland, Bayerisches Nationalmuseum

Vor 80 Jahren mussten Juden ihre Wertsachen abliefern. Auch eine Familie aus Schwaben gab ihr Silber fort. Die Geschichte einer Aufdeckung.

Provenienzforschung – das ist ein überaus sperriger Begriff des Kunstbetriebs, der in seiner Nüchternheit eher verstellt als verdeutlicht, worum es dabei geht: darum, die Herkunft von geraubten Kunstgegenständen zu erkunden. Entrissen wurde es vor allem jüdischen Bürgern in der Zeit des Nationalsozialismus. Dass Provenienzforschung mit empörenden politischen Geschehnissen und tragischen menschlichen Schicksalen zu tun hat, dass sie aber auch spannend wie ein Kriminalfall ist, zeigt eine außergewöhnliche Geschichte aus Augsburg, München und Saarbrücken.

Wer auf dem Such-Portal der Provenienzforschung „lost art“ den Namen Dina Marx eingibt, der findet zwei schöne Dinge: ein silbernes Gewürzgefäß des Augsburger Silberschmieds Johann Balthasar Stenglin und einen teilweise vergoldeten, ziselierten und punzierten Pokal von etwa 1620, der ebenfalls aus einer der in der Frühen Neuzeit weltberühmten Augsburger Silberschmieden stammt. Unter dem Stichwort „Provenienz“ steht da: 1939 erwarb das Bayerische Nationalmuseum die beiden Objekte vom Münchner Leihamt.

Vor 80 Jahren, und zwar am 21. Februar, hatte das Nazi-Regime seine dritte Anordnung „über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ erlassen. Jüdische Deutsche mussten ihre Wertgegenstände aus Silber und Gold sowie Edelsteine und Perlen abgeben – nach der so- genannten „Arisierung“ von Immobilien und Betrieben ein weiterer Schritt der Ausplünderung der jüdischen Minderheit.

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Dina Marx war damals 39 Jahre alt. Sie war in Binswangen, einer schwäbischen Landgemeinde mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil, als Tochter des Getreidehändlers Salomon Strauß und seiner Frau Betty geboren worden und hatte drei ältere Brüder. Nach dem Umzug der Familie nach Augsburg hatte sie wie andere jüdische Mädchen das Maria-Theresia-Gymnasium besucht, danach am Konservatorium Gesang studiert. Nach ihrer Heirat lebte sie mit ihrem Mann, dem Kaufmann Leo Marx aus Saarbrücken, und ihren Kindern zunächst in Augsburg und danach in München, wo Leo Marx eine Wäschevertretung übernommen hatte. Leo Marx hatte schon ab 1934 unter der Verfolgung der Nationalsozialisten zu leiden. 1939 gelang ihm die Flucht nach Shanghai.

Dina Marx lebte nun mit ihren beiden kleinen Söhnen Gert und Joel in München allein. Sie musste in eine Wohnung in der Ludwigsvorstadt umziehen, nachdem das eigene Wohnhaus der Familie in Nymphenburg zwangsverkauft. Nun also, wahrscheinlich im März 1939, brachte sie ihre beiden Silberpokale ins städtische Leihamt, wo sie penibel erfasst wurden und Dina Marx eine winzige Vergütung auf einem Sperrkonto erhielt. Alles, was das Leihamt als künstlerisch wertvoll einschätzte – Besteck, Leuchter, Schalen oder Becher –, wurde verkauft. Behörden, Händler, Münchner Bürger und Museen bedienten sich im großen Stil, der Erlös ging an die Staatskasse. Über 300 Silberobjekte erwarb der damalige Direktor des Bayerischen Nationalmuseums, Hans Buchheit, im Herbst 1939 beim Leihamt für sein Haus. Es war vor allem Nürnberger und Augsburger Silber, mit dem Buchheit seine Sammlung komplettieren wollte. Zwei Drittel der durch staatlichen Zwang entzogenen Objekte konnten nach dem Krieg ihren Eigentümern, wenn sie den Holocaust überlebt hatten, oder aber deren Nachfahren zurückgegeben werden.

112 Silbergegenstände aus der Aktion von 1939 blieben am Nationalmuseum. Dort wird seit einigen Jahren Provenienzforschung methodisch betrieben, Leiter des Referats ist Hauptkonservator Alfred Grimm. Das Leihamts-Verzeichnis war inzwischen spurlos verschwunden, doch Grimm entdeckte eine Mappe mit dem Vermerk „Beschlagnahmtes Silber“, und so konnte er bei diesen Objekten feststellen, wem sie bis 1939 gehört hatten. Die Nachfahren zu finden und ihnen das Eigentum zurückzugeben, das war ihm jedoch bisher kaum möglich, obwohl er alle Gegenstände auf die Webseite „lost art“ und die museumseigene Homepage gestellt hatte.

Mit den beiden Silbergefäßen von Dina Marx hatte Grimm nun Erfolg. „Das ist der erste Fall, den wir exemplarisch abschließen konnten.“ Der entscheidende Hinweis kam von einem Augsburger Regionalforscher. Alfred Hausmann hat als pensionierter Lehrer und Mitglied der Augsburger ErinnerungsWerkstatt schon vielfach Lebensgeschichten von Opfern des NS-Regimes erkundet. Jetzt suchte er eigentlich nach Informationen über Theodor und Friedrich Strauß, einen jüdischen Unternehmer und seinen Bruder. Bei der Archivsuche stieß Hausmann auf die Schwester der beiden Männer, Dina Marx, und ihren Mann Leo. Er wollte auch ihre Geschichte aufschreiben und schrieb viele Stellen an, unter anderem den Heimatverein des Geburtsorts von Leo Marx, Gersweiler bei Saarbrücken. Da erfuhr er, dass der Sohn von Leo in Saarbrücken lebe.

Das konnte jedoch nicht ein Sohn aus der Ehe von Dina und Leo Marx sein. Denn Dina hatte es nicht geschafft, ihrem Mann nach Shanghai zu folgen und aus München herauszukommen. 1941 wurde sie mit ihren beiden zehn und drei Jahre alten Buben Gert und Joel in einer großen Gruppe jüdischer Münchner und Augsburger nach Kaunas in Litauen verschleppt. In Kaunas ermordete eine SS-Einsatzgruppe die etwa 1000 wehrlosen Opfer in einer Massenerschießung. Leo Marx überlebte in Shanghai; nach 1945 kehrte er aus dem Exil nach Deutschland zurück, nicht mehr nach München, sondern in seine Heimat Saarbrücken. Er heiratete dort nochmals und bekam einen Sohn.

Inzwischen hatte Alfred Hausmann im Internet auch die beiden Silbergefäße von Dina Marx entdeckt und von der Suche des Nationalmuseums nach Eigentümern erfahren. Er rief Alfred Grimm an und wies ihn auf den Sohn von Leo Marx hin, und so kann der Münchner Provenienzforscher nun dank des Spürsinns eines Augsburgers die beiden Gefäße an den Erben aus Saarbrücken übergeben.

Für Alfred Grimm markiert der Fall das Ende seiner Amtszeit. Im März geht er in den Ruhestand. Zum Abschluss seiner Tätigkeit will Grimm nochmals auf das Thema Raubkunst hinweisen. Die 112 beschlagnahmten Silberobjekte stellt er ab Ende Februar im Nationalmuseum aus. Bei allen konnte er die ursprünglichen Eigentümer ermitteln; bei den beiden Gefäßen von Dina Marx nun auch den Erben.

 Ausstellung: „Silber für das Reich – Silberobjekte aus jüdischem Eigentum im Bayerischen Nationalmuseum“ läuft vom 28. Februar bis 10. November.

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