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11.08.2017

„Die Leichtathletik hat schwer gelitten“

Doping Saubere Leistungen bei der WM? Daran hat Hajo Seppelt große Zweifel. Der ARD-Journalist hat bereits zahlreiche Skandale aufgedeckt. Dafür wird er von Teilen der Sportwelt angefeindet. Warum er trotzdem weiter macht

Wie intensiv verfolgen Sie die Leichtathletik-WM in London?

Seppelt: Ich bin kein Sportfan, der stundenlang vor dem Fernseher sitzt. Dazu hätte ich auch gar nicht die Zeit. Ich schaue mir das an, was für meine Arbeit wichtig ist.

Dann haben Sie sicher auch gesehen, wie vor der WM zahlreiche Sportler nachträglich ihre Medaillen bekommen haben. Diese waren überführten Doping-Sündern bei Nachtests aberkannt worden. Wie bewerten Sie diese Aktion des Leichtathletikverbands?

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Seppelt: Niemand kann den Athleten den Moment der Siegerehrung nach dem Wettkampf zurück geben. Trotzdem finde ich diese Geste gut, die den betrogenen Athleten eine verdiente Plattform bietet.

Wie viele der aktuellen Medaillengewinner werden in einigen Jahren ihre Medaillen noch besitzen?

Seppelt: Das ist reine Spekulation. Daran werde ich mich nicht beteiligen. Was sicher richtig ist: dass die WM 2013 in Moskau großflächig von Betrug durchsetzt war durch die klandestinen Aktionen des Moskauer Labors. Wir wissen von Daegu 2011 durch eine anonyme Umfrage unter Athleten, dass 29 Prozent der Sportler zugegeben haben, im Jahr vor der WM gedopt zu haben. Also zu glauben, dass das, was man bei einer Weltmeisterschaft sieht, größtenteils sauberer Sport ist, ist Fantasterei. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß das Dopingproblem den Sport in seinen Klauen hält.

Mit Blick auf den Ausschluss der russischen Mannschaft: Haben Sie den Eindruck, dass die Leichtathletik das Dopingproblem in seiner ganzen Dimension erkannt hat?

Seppelt: Die Leichtathletik hat, genau wie der Radsport, schwer gelitten – vor allem durch Recherchen von Journalisten. Ob nun aus Zwang oder Einsicht: Es hat in Teilen zu einem Umdenken geführt. Man kann auch sagen, sie haben die Flucht nach vorn angetreten. Tatsächlich gehören die Leichtathleten zu den Verbänden, denen man mehr Glaubwürdigkeit bescheinigen kann als so manch anderem Verband.

Sie haben mit Ihren Enthüllungen maßgeblich dazu beigetragen, dass die russischen Leichtathleten fast komplett ausgeschlossen wurden. War das der richtige Schritt?

Seppelt: Aus meiner Sicht muss auf das Worst-Case-Szenario des Betrugs das Worst-Case-Szenario der Konsequenz folgen. Wenn ein System kaputt ist, dann kann man das System nicht zulassen. Dass das auch Unschuldige treffen kann, ist natürlich bedauerlich. Aber dann liegt die Schuld ja nicht bei denjenigen, die die Sanktionen aussprechen, sondern ursächlich an dem System, das sich nicht an die Regeln hielt. Deshalb muss sich auch ein russischer Athlet, der sich benachteiligt fühlt, beim russischen NOK oder der russischen Anti-Doping-Agentur beschweren. Oder vielleicht am besten bei den Vertretern des russischen Sportministeriums, die das Schlamassel federführend angerichtet haben.

Vor allem aus Russland sind Sie im Internet extrem angefeindet und auch persönlich bedroht worden. Wie gehen Sie damit um?

Seppelt: So etwas bin ich gewohnt. Nicht nur aus Russland. Dass Doping-Berichterstattung immer die Interessen von Leuten tangiert, ist klar. Die Aktivitäten von Trollen aus Russland oder auch von Leuten, die politische Motive bei mir wittern, waren allerdings sehr auffällig. Das schien mir von bestimmten Kreisen in Russland gesteuert zu sein. Dabei ist es eigentlich nur amüsant, wenn Leute eine Agenda bei meiner Arbeit unterstellen. Wer unsere Arbeit kennt, weiß, dass wir stets in alle Richtungen recherchiert haben. Dass wir dabei immer wieder auf Widerstand stoßen liegt daran, dass im Sport keiner über die Probleme offen reden will. Hier wird eine Diskussion, die sich ausschließlich um Sportbetrug dreht, von Leuten politisiert.

Während der Olympischen Spiele in Rio hatten Sie Personenschutz, weil Sie bedroht worden waren.

Seppelt: All diese Dinge, die ständig im Internet stehen, sollte man mal mehr ernst nehmen, mal aber auch weniger.

Zumindest indirekt haben Sie sich mit Staatschefs und Geheimdiensten angelegt. Fragen Sie sich manchmal, ob Ihre Arbeit dieses Risiko wert ist?

Seppelt: Wenn man der Wahrheit auf die Spur kommen will, gibt es keine Grenze. Oder anders ausgedrückt: Ich lege mich ja quasi automatisch mit jemandem an, wenn meine Arbeit seine – wie auch immer gearteten – Interessen in Frage stellt oder gar schädigt. Das ist die logische Konsequenz meiner Arbeit. Und das gefällt manchen Leuten eben nicht. Simpel zusammengefasst: unsere Arbeit beleuchtet die andere Seite der Medaille im Sport. Hochglanzbilder und Eventisierung haben wir schon oft genug. Wenn unsere Arbeit zur Differenzierung im TV-Sportkonsum beiträgt und sich die Menschen ein umfassenderes Bild davon machen können, was sie stundenlang im Fernsehen sehen, dann ist das genau das, was Journalismus leisten soll.

Trotzdem wirkt der Kampf gegen Doping wie der Kampf gegen Windmühlen. Was treibt Sie dennoch an?

Seppelt: Ich kämpfe nicht gegen Doping. Ich berichte über Doping. Selbstverständlich ist es so, dass unsere Berichterstattung nur auf ein Problem aufmerksam macht, es aber nicht löst. Trotzdem ist es interessant, wie sich Leute durch unsere Berichterstattung dazu gedrängt fühlen, Maßnahmen zu ergreifen. Und wenn eine gesellschaftliche Veränderung zum Positiven erfolgt, werden wir sicher nicht sagen, dass wir das schlecht finden. Der Sport hat lange zu viel Betrügereien zugelassen und ist deshalb ein Patient in einem kritischen Zustand. Die Leute sehen heute sehr viel deutlicher, wie kritisch der Zustand ist. Daran hat Journalismus einen Anteil und löst eine öffentliche Debatte aus..

Trotzdem kann man den Eindruck gewinnen, dass viele Zuschauer Doping ein Stück weit als Teil des Sports akzeptieren. Teilen Sie diesen Eindruck?

Seppelt: Viele Leute wollen sich die schöne Show nicht durch Negativ-Schlagzeilen verderben lassen. Aber das ist für mich kein Kriterium der Berichterstattung. Ich will nur sagen, wie es ist und Fakten aufzeigen. Dass manche Doping als Kavaliersdelikt begreifen, mag damit zu tun haben, dass sie sich ein Stück weit daran gewöhnt haben. Das lässt zum Beispiel völlig außer Acht, dass es schlicht Wettbewerbsverzerrung ist und außerdem, wie gefährlich der Einsatz von Pharmaka im Sport sein kann. Sport sollte gesunderhalten, nicht krank machen. Da braucht man nicht darüber diskutieren, Doping frei zu geben. Interview: Andreas Kornes

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