1. Startseite
  2. Kultur
  3. Ein Chamäleon auf der E-Gitarre

Rockmusik

28.10.2019

Ein Chamäleon auf der E-Gitarre

„Ich lebe für die Musik“, sagt der Profimusiker Andy Susemihl und weigert sich, sich auf einen Musikstil oder eine Sprache festlegen zu lassen – obwohl Branchenkenner diese Vielseitigkeit für einen Nachteil halten.
Bild: Foto: Chris Gögler

Der Ulmer Gitarrist Andy Susemihl begleitete Unheilig und heizte schon für Guns N’Roses und Ozzy Osbourne ein. Dazu macht er Heavy Metal bis Deutschpop in Eigenregie – und irritiert sein Publikum

Ein verheißungsvoller Karrierestart sieht anders aus. Mühsam hatte der 14-jährige Andy Susemihl verhindert, dass er nach qualvollen musikalischen Ersterfahrungen mit der Blockflöte auf Wunsch seines Vaters Schifferklavier lernen musste. Stattdessen hielt er 1978 das in Händen, was er sich immer ersehnt hatte: eine Fender Stratocaster, den Klassiker unter den E-Gitarren. Und dann beschied ihm nach gerade mal einem Jahr Unterricht sein Musiklehrer eher lustlos, er möge sich nun alleine helfen. „Ich dachte, der findet mich einfach schlecht – ich habe kein Talent“, erinnert sich der 55-Jährige heute.

August 2012: In Wacken droht eines der drei weltgrößten Heavy-Metal-Festivals im Morast abzusaufen. Autos stecken im Schlamm fest, die Zelte der Festivalbesucher dümpeln in einer matschigen Seenlandschaft vor sich hin, während die Fans mit jedem Schritt knöcheltief im Schlick einsinken. Doch am finalen Festivaltag reißt der Himmel auf. Auf der Bühne inszenieren sich der finnische Zombie-Rocker Lordi sowie Udo Dirkschneider, ehemaliger Sänger der deutschen Heavy Metal-Band Accept, der sich in den 90er Jahren mit seinem eigenen Projekt U.D.O. einen internationalen Namen gemacht hatte. 85000 enthusiastische Fans feiern den Auftritt in dieser Konstellation. An Dirkschneiders Seite auf der Bühne: Andy Susemihl, der vermeintlich untalentierte E-Gitarrist aus Ulm-Dornstadt.

„Der Name Guns N‘Roses“ hatte uns nichts gesagt“

„Ich wollte nie was anderes machen“, betont der Profimusiker noch Jahrzehnte nachdem ihn der Gitarrenlehrer abservierte. Nach der Trennung ging Susemihl seinen Weg als Autodidakt, spielte in verschiedenen Combos seiner Heimatstadt und sorgte schließlich 1985 mit seiner Band Messina erstmals überregional für Aufhorchen.

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Dass in der damaligen Metal-Hochburg Ulm ein außergewöhnliches Gitarrentalent in den Klubs aufspielte, drang bis nach Stuttgart durch zur deutschlandweit erfolgreichen Band Sinner. Mit Sinner produzierte Susemihl sein erstes Album oder präziser: die erste „Langspielplatte und Kassette“ – wie er sich belustigt erinnert. Zum sorglos-rauschenden Leben eines Rockstars reichte dies noch nicht: „Ich habe nebenher immer ein paar andere Jobs gemacht.“

Seinem Traum vom Profimusiker kam Susemihl 1987 näher, als Udo Dirkschneider ihn für sein neues Projekt U.D.O. anwarb. Der musikalische Aktionsradius und die Hallen wurden größer. Und 1988 bot sich die Chance, durch die USA zu touren – im Vorprogramm einer US-Band. „Der Name hat uns nichts gesagt“, bekennt Andy Susemihl grinsend. Als Guns N’Roses dann während der zweimonatigen Tour ihre erste Platin-Platte einsackten, wurde auch den Jungs aus der deutschen Vorband bewusst, dass sie hier nicht mit irgendeiner Feierabendcombo unterwegs waren. Und ebenso, als sie für den Exzentriker Axl Rose und seine Mitstreiter im legendären New Yorker Madison Square Garden die Bühne bereiten durften.

„Ozzy Osbourne war ein Anti-Star“

Was konnte nach Guns N’Roses noch kommen? Der Mann, dem man nachsagt, er habe sieben Leben: Mit Ozzy Osbourne, der seine internationale Karriere bei Black Sabbath gestartet hatte, brach U.D.O. 1989 zur Europatour auf. „Ozzy war ein total netter Typ“, blickt Susemihl zurück, „ein Anti-Star“. Was sich auch in Osbournes Anfälligkeit für Ausfälle bestätigte. „Wie war der Gig?“, habe Ozzy einmal treuherzig gefragt – als seine deutsche Vorband just auf dem Weg zur Bühne war. Immerhin musste der „Fürst der Finsternis“ nicht wie in diesem Jahr alle Auftritte absagen, sondern fiel nach Andy Susemihls Schilderung lediglich sporadisch aus. Übrigens auch nur, bis Ehefrau Sharon auf der Tour auftauchte.

Gestählt durch seine internationale Erfahrung befand es Susemihl 1990 an der Zeit, sein eigenes Projekt zu starten. Er gründete die Band Lazy und musste erleben, dass sie „mit Pauken und Trompeten den Bach runter“ ging. „Das hat mich desillusioniert“, bekennt der Gitarrist, der überzeugt ist, dass zu einer erfolgreichen Musikerlaufbahn immer auch eine gewaltige Ladung Glück gehört.

Da die angestrebte Karriere als Rockstar in Deutschland ins Stocken geraten war, entschied sich Susemihl 1992 zum totalen Bruch und siedelte nach Los Angeles über. Sechs Monate lang nahm der Autodidakt Unterricht an einem Gitarreninstitut – um zur Überzeugung zu gelangen, dass ihn dies nicht wirklich weiterbringen würde. So wechselte der bis dato reine Instrumentalmusiker in den Gesangsunterricht: „Viele Sänger haben einen an der Klatsche“, stellt er nüchtern fest und gedachte damals, dieses Problem für sich pragmatisch zu lösen. Seitdem singt Susemihl bei eigenen Auftritten selbst – und dies, wie ihm vielfach attestiert wird, durchaus gut. Schließlich gibt es peinlichere Vergleiche als den mit Sting.

Die Vielseitigkeit zieht sich bei Andy Susemihl durch alle musikalischen Bereiche – auch stilistisch. Heavy Metal, Rock, Blues, Country, Pop, Jazz: Der Mann, der sich als „Musik-Nerd“ bezeichnet und fast 500000 Tonträger verkauft hat, hat alles schon einmal gemacht. 2009 startete er zusammen mit einem Musikerkollegen ein schwäbisches Mundartprojekt. 2013 begleitete er als Gitarrist die „Lichter der Stadt“-Tour von Unheilig. 2017 produzierte er mit „Alles wird gut!“ ein Album mit eigenen deutschen Texten und im September den neuen Song „Freunde“. Susemihl spricht bei diesen Exkursen von „anspruchsvoller deutscher Popmusik“. Und davon, dass Branchenkenner ihm gesagt hätten, diese „Zielgruppenirritation“, wie er sie beim Wandeln zwischen Musikstilen und Sprachen betreibe, sei schlecht fürs Image und fürs Geschäft. Sie verhindert, dass das musikalische Chamäleon Susemihl einem Genre fest zugeordnet, in eine Schublade gepresst werden kann.

Regelmäßig mit dem Metal-SängerDavid Reece auf Tour

Das Leben im sonnigen Kalifornien der 90er Jahre sagte dem jungen Musiker aus der schwäbischen Provinz zu. Er fuhr nun Ford Mustang und nicht mehr VW Golf. Er spielte in verschiedenen Bands, sammelte Erfahrungen und wollte eigentlich in die USA zurückkehren, als er im Jahr 2001 wieder in Ulm aufschlug. Dort stellte er jedoch fest, dass er seine inzwischen an Demenz erkrankte Mutter nicht mehr alleine lassen konnte – und entschied sich, zu bleiben, um sie zu pflegen: „Meine Mutter war der beste Mensch in meinem Leben.“ Nach ihrem Tod widmete ihr Susemihl den Song „Bei Dir“.

Aktuell lebt und arbeitet Susemihl in Erolzheim (Kreis Biberach). Als Musiker, Sänger, Texter, Komponist und Produzent erstellt er komplette Alben für sich und andere. Mit dem amerikanischen Heavy Metal-Sänger David Reece ist er regelmäßig auf Konzerten quer durch Europa unterwegs.

Seine Vorliebe aber gehört dem Rock, weshalb er sein 2018 erschienenes Album „Elevation“ als sein bislang bestes bezeichnet. Gitarrenlastigen Rock spielt er auch, wenn er mit seinem Projekt Andy Susemihl & Superfriends als Trio mit eigenen Stücken unterwegs ist – für ihn nach seinen eigenen Worten eine große Herausforderung. Eine vom Festivalfieber euphorisierte Fanmasse in Wacken mit etablierten Hits zu begeistern, sei einfach, stellt er fest: „Das Publikum mit eigenen Stücken zu überzeugen, ist dagegen ungleich schwieriger.“

Termine Andy Susemihl spielt mit seinen Superfriends am Samstag, 16. November, um 21 Uhr im Irish Pub Fiddler’s Green in Pfaffenhofen (Kreis Neu-Ulm). Ein neues Album will er Mitte nächsten Jahres auf den Markt bringen.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren