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Wanderserie

17.08.2019

Auf nach Norden! Wir suchen das Zentrum der Region

Wüsste man es nicht besser, hielte man die Straße zwischen Albisried und Wald schon für das Ende der Welt.
15 Bilder
Wüsste man es nicht besser, hielte man die Straße zwischen Albisried und Wald schon für das Ende der Welt.
Bild: Michael Schreiner

In vier Etappen wandern wir in diesem Sommer durch das Journal-Land. Folge 3: Von Süd nach Nord – abseits der Allgäu-Tourismus-Verdichtungen.

Das golden und schräg einfallende Morgenlicht lässt die Eierbecher und die Semmeln leuchten wie Kostbarkeiten. Aufbruchstimmung in Pfronten-Steinach, es ist 7.25 Uhr und auf 850 Metern Höhe sind längst noch nicht alle Gäste in den Schuhen. Wir schon. Die Rucksäcke sind gepackt, nach dem Frühstück im Gasthof Löwen geht es hinaus und immer nach Norden. In der „Bergmetzgerei“ Hipp nebenan kauft eine Rheinländerin mit schönem Singsang ein, vor der Türe stehen die Urlauberautos. IGB, PF, KA, B, DO, ERZ.

Start in Pfronten: Hier ist das Allgäu, wie man es kennt – touristisch bestens erschlossen.
Bild: Michael Schreiner

Wir sind im Touristenallgäu, die Häuser, ob sie nun „Hotel Garni Bergidyll“ oder „Aggenstein“ heißen, sind gut gebucht. Vorm Gasthof Adler, den es seit 1495 gibt, steht ein Lastwagen – Augustinerbräu München bringt Nachschub. Die Vils glitzert silbern und der Pfrontener Hausberg, der Breitenberg, könnte auch als Tafelberg in Südamerika durchgehen. Ein Tattoo-Laden heißt „Relax + Pain“ – Erholung und Schmerz. Das könnte eine gute Zusammenfassung unseres ersten Wandertages werden. Aber noch liegt viel Norden vor uns und noch mehr Grün.

Bevor es aus Pfronten raus durchs Berger Moos geht, fällt ein schöner Schriftzug ins Auge: „Spielwaren Reiseandenken“. Das sind Botschaften aus der guten alten Zeit – in der es noch keine Urlauber auf E-Bikes und auch keine Ferien auf dem Bauernhof mit WLAN-Code gab. Dafür gab es damals noch Wasen, Ohrengspaten und Rässen. Kennt heute keiner mehr, oder?

Hohe Berge, blonde Mädchen: In der Allgäumetzgerei wird noch mit Liebe gewurstet.
Bild: Michael Schreiner

Wir jedenfalls nicht, aber zum Glück klärt ein Schild am Moorpfad uns auf: Zu jedem Hof gehörte einst ein Moos. Und damit im Winter die Stube warm war, musste man im Frühjahr Wasen stechen – Torffladen, die den Rest des Jahres trockneten. Naturidylle, über die riesige braune Falter taumeln oder Brennstoffdepot für den nächsten Winter – nichts bleibt, wie es ist.

Postkartenallgäu: der Blick auf den Pfrontener Kichturm hinter dem Moos.
Bild: Matthias Zimmermann

Bevor es nach Rehbichl hinauf geht, begegnen wir einer Holzstatue. Der „Ehrwürdige Bruder Georg aus Pfronten“. Geboren in Kreuzegg am 25. November 1626. Beruf: Bäcker. Georg ging nach Süden, zu Fuß nach Rom, wo er als Bäcker und Ordensmann segensreich wirkte bis zum letzten Atemzug. Nach Rom – zu Fuß! Die nächsten Stunden wird uns sein Beispiel immer wieder moralisch stützen, wenn es bei 30 Grad mal biestig wird. Denk an den Ehrwürdigen Georg!

Im Allgäu gibt es viele Wälder aber nur ein Wald – Wegweiser zu unserem Etappenziel.     
Bild: Matthias Zimmermann

In Schweinegg haben wir das Gefühl, die Welt besteht ab nun für immer aus grünen sanften Hügeln, auf denen hier und da Kühe stehen, die träge Radfahrern auf E-Bikes nachsehen. Ansonsten: 1 Kapelle, 1 Traktor, 1 Lieferwagen, der Pakete ausfährt. Tourismus im Allgäu jedenfalls sieht viel luftiger aus als der in der Altstadt von Dubrovnik. Wir treffen niemanden, seit in Rehbichl vorm Kolping-Ferienheim „Haus Zauberberg“ ein paar Familien die Autos vollpackten zur Heimreise. Auf unserer Karte „UK 50-48“ sind die Wege, die wir nun gehen, so leer eingezeichnet, wie wir sie auch vorfinden. Das meditative Kuhgebimmel am Schweinegger Weiher, piepsende Enten und ein Motorflieger, der über die Burgruinen von Hohenfreyberg und Eisenstein fliegt: Der Sound des späten Vormittags dehnt die Zeit – und ist das nicht schon ein Hallen der Autobahn, das da mitschwingt in den Ohren? Oder war es der Traktor, von dem Erwin springt, einen großen Rechen in der Hand?

Traktor in der Scheune: Gehört im Allgäu zu den seltenen Bildern. Die meisten fahren, ständig.
Bild: Matthias Zimmermann

Wir spüren den strengen Blick des Ehrwürdigen Georg auf uns ruhen

Den treffen wir nämlich hinter der nächsten Kurve: Arbeitshose, kurzes Hemd und wenig Zeit. Brigitte, seine Frau, recht schon an der steilen Böschung das geschnittene Gras zusammen. Handarbeit? Wo doch schon die kleineren Traktoren, die uns begegnen, die Größe von Doppelgaragen haben? „Das ist Landschaftspflege“ sagen die beiden. Man schneidet es halt ab, damit es nicht braun wird und unschön aussieht. Und hier kommst du nicht ran mit der Maschine. Fünfmal im Jahr wird gemäht. 60 Kühe brauchen Futter, sagt Erwin und recht. Der Tourismus? Wird jedes Jahr noch mehr. Es gibt Orte, an die geht man gar nicht mehr hin, weil es einfach nicht mehr so ist wie früher. Erst recht, seit sie die Straße gerichtet haben. Aber was soll’s, die Region lebt ja davon. Sie bleiben lieber bei den Kühen. Idealismus klar, aber der Sohn macht weiter. Und jetzt haben sie sogar einen Melkroboter wegen ihm. Andere Zeiten. Überhaupt, die Jungen: gehen alle in die Industrie. Mehr Geld, weniger Arbeit. Und im Allgäu gibt es gute Industrie! Aber zufrieden sind die dann auch nicht. Brigitte und Erwin schon, das merkt man. Auch wenn es jetzt weitergehen muss. Für uns auch. Dahinten ist die Autobahn, da müssen wir drüber.

Vor der Kapelle Schwarzenbach, deren schönes Holztürmchen etwas Bommelmützenhaftes hat, kreuzen sich ein paar Sträßchen. Auf einer kommt uns ein Ehepaar aus Stuttgart entgegen – auf E-Bikes. Man müsste einmal eine Untersuchung in Auftrag geben, wie es heute ohne diesen Schwung um den Allgäu-Tourismus stünde… Jedenfalls, die beiden kommen seit vielen Jahren – und haben inzwischen eine Wohnung hier. „Wir lieben das Allgäu, es ist einfach schön hier, man kann schwimmen, radfahren, wandern und im Winter Ski fahren“, schwärmen sie. Ein Blick noch auf die Karte, alles klar, und weg sind sie. Wir folgen den kleinen weißen Schildern, die scheinbar jeden Weiler kennen, in die andere Richtung. Aggenstein und Breitenberg im Rücken geht es fort mit Muskelkraft.

Weil wir auf der Karte UK 50-48 mit dem Kugelschreiber einen Strich von Pfronten-Steinach steil nach Norden gezogen haben, führt unser Weg durch Anwanden. Wird aufgenommen in die EBSKO, die ewige Bestenliste schön klingender Ortsnamen (wo auch Untermagerbein sich findet, aus Journaltour 1 im Ries). Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Schwaltenweiher, wo eine ehrwürdige Pause eingeplant ist. Dort: Freibad-Feeling. Bunte Sonnenschirme, ein aufblasbarer Flamingo, Paddler, Luftmatrazen, Eiskäufer in Badehose und Bikini und über allem der Geruch nach Sonnenmilch und Mückenspray. Auf den Abfalleimern steht „Nur!! für Kiosk Abfälle“, Essen bestellen kann nur, wer sich seine Tischnummer gemerkt hat. Solcherart geraten wir an Tisch Nummer 21 in eine schöne Ferienstimmung, fühlen aber nach 45 Minuten den strengen Blick des Ehrwürdigen Georg auf uns ruhen: Auch eure Wege führen irgendwie nach Rom, jedenfalls: weiter!

Freibadgefühl am Schwaltenweiher, einem der beliebtesten Badeplätze im Ostallgäu.
Bild: Michael Schreiner

Über Luimoos (genau: ohne Diskussion sofortige Aufnahme in die EBSKO) kommen wir zum Luimooser Weiher. Wir sind noch immer überrascht, auf welchen verwaist schönen Seitenwegen des Fremdenverkehrs wir wandeln. Bräunlich, aber idyllisch, der Luimooser Weiher. Liegt ganz allein da, ein Moorsee, der meilenweit entfernt ist vom Schwaltenweiher-gefühl. Das Wasser wirkt entzündungshemmend, lesen wir, entsagen aber mangels Entzündungen einem Bad und marschieren weiter. Eine Zeltstadt mitten im Grün – es gibt schlechtere Plätze für ein Ferienlager. Niemand zu sehen, aber Stimmen aus dem Wald sind zu hören. Der Tourismus wirkt unauffällig in diesem Winkel. Aber er flutscht wohl auch hier, schließen wir aus der Begegnung mit einem großen Mietwäschelaster, der im winzigen Treffisried rangiert. Von der Holzkapelle aus, die dem heiligen Franz Xaver gewidmet ist, fällt der Blick auf ein Anwesen, vor dem ein Dutzend Autos stehen. Sicher eine Pension oder ein Ferienhof! Was soll dann aber dieses weiße Wagenrad auf einem Pfahl? Und warum haben die Autos keine Kennzeichen?

Karl Huber und sein blauer Renault-Oldtimer, der vor seiner Werkstatt in Treffisried steht.          
Bild: Matthias Zimmermann

Niemand da, nicht einmal ein E-Bike-Tourist

Wieder einmal alles anders als gedacht: Hier ist – weit entfernt von der nächsten Hauptstraße – der Betrieb von Auto Huber. Eine Werkstatt, so fern von der Kundschaft? Karl Huber hat sich deswegen keinen Kopf gemacht, er hat einfach angefangen. 36 Jahre ist das her. Werbung? Braucht er nicht. Die Kunden kommen von allein, aus Marktoberdorf und Füssen. Oder vielleicht auch so wie wir: Weil sie den blauen Oldtimer gesehen haben, der auf dem Hof in der Sonne blitzt. Ein Renault, Baujahr 1952. 800 Stunden Arbeit hat Huber in den Wagen investiert. Irgendwann fährt er mit seiner Frau damit vielleicht einmal zur Lavendelblüte in die Provence. Heute aber erst einmal zum Wertstoffhof, die Ladefläche ist schon vollgeladen mit alten Kartons…

Dieses Allgäu ist eine Entdeckung. Winzige Weiler sind in die großzügig weite Landschaft gestreut – alles hier ruht in sich wie Karl Huber, wenn er eine Motorhaube öffnet. So viel Einsamkeit um uns herum: Das hatten wir nicht erwartet. Ein Milchlaster brettert an uns vorbei, verschwindet hinter einer Kurve. Zwischen Eiterberg mit seiner 1925 wieder aufgebauten Kapelle und dem Altar aus dem 17. Jahrhundert (auf dem jede Menge knallbunte Plastikblumen drapiert sind) und Luttenried kreisen Bussarde im Sommerhimmel, in der Ferne röcheln Traktoren, knuffige Schumpen schauen uns erwartungsvoll entgegen. Sonst: Niemand da, nicht einmal ein E-Bike-Tourist. Nur Landschaft, nur Grün. Es gibt tatsächlich so etwas wie schöne Eintönigkeit. Für wen hätte der Ehrwürdige Georg hier backen sollen?

Aber was ist das da vorne? Lastwagen, mehrere gelbe Bagger und Raupen, gewaltige Kiesberge und eine riesige Sandgrube, die das grüne Idyll durchschneidet wie eine gewaltige offene Wunde. Sieht nach Straßenbau aus. Sogar im Berger Moos stand ein Dixi-Klo – aber offenbar nicht auf dieser Baustelle. Jedenfalls machen gleich zwei Baggerfahrer eine Pause und pinkeln in ihre Schaufeln. Wanderer, kommst du nach Albisried, kannst du was erleben! Tatsächlich zieht sich die Straßenbaustelle bis durch den Ort, durch dessen Mitte ein einziger breiter Graben verläuft. Viele heruntergelassene Rollläden – wer jetzt nicht in Urlaub gefahren ist, hat gute Nerven oder schlechte Karten. An der OAL24 entlang nehmen wir Kurs auf Wald. Noch fünf Kilometer. Wenn es Georg bis Rom geschafft hat …

In Holzmanns (einem von 14 Weilern, die zu Wald gehören) am Haflingerhof fällt ein Wandgemälde ins Auge. Es zeigt drei Pferde – und darunter den Spruch: „Die Jugend soll uns nicht vergessen – man hat nicht immer Motoren besessen.“ Während wir das notieren, ahnen wir noch nichts von der Begegnung mit Sandra Mayr ein paar Schritte weiter in Wetzlers. Sie hat acht Pferde im Stall! Außerdem Hühner, Kühe natürlich (wir sind im Allgäu!), einen Hund, Meerschweinchen – und Hängebauchschwein Leni, das frei durchs Gelände schaukelt. Zum Glück hatte uns dieses rote Schild neugierig gemacht.

Leni, das Hängebauchschwein von Familie Mayr in Wetzlers: Was für ein Leben beim Café ’s idipfla.            
Bild: Matthias Zimmermann

„’s idipfla, Café“, stand da drauf. Café? Hier? Gibt’s nicht. Aber dann ist da tatsächlich ein Café. Den ehemaligen Hühnerstall haben Sandra Mayr und ihr Mann Bernhard zu einem hübschen Flecken ausgebaut. Drinnen: Kunsthandwerk aus eigener Produktion – und Getränke, eine Kaffeemaschine, Kuchen … Der Besucher kann sich selbst bedienen und in die Vertrauenskasse werfen, was er für angemessen hält. Wer lesen will: es gibt auch Bücher. Draußen: ein paar schöne Gartentische mit Stühlen unter schattigen Bäumen. „Ein netter Fleck zum Entspannen, Durchatmen und Genießen“ soll das ’s idipfla sein. Und das ist es. Sandra Mayr, die seit 13 Jahren Reitunterricht gibt und abends Gitarrenunterricht und außerdem Filzkunstwerke bastelt, freut sich über unseren Besuch. Läuft das Café? „Noch sind es nicht sehr viele“, meint sie, „aber so jeden zweiten Tag kommt schon mal jemand. Es ist halt noch ein Geheimtipp …“ Aber es gehe ihr vor allem darum, diesen schönen Ort mit anderen Menschen zu teilen. Wir trinken eine Limetten-Limo, bevor wir uns auf den Weg machen. An Weihern vorbei, durch ein offenes Naturfreibad nach Wald. Kommt auf die EBSKO.

Wie können zwei Wandertage so unterschiedlich sein?

Wald. Stenogramm des Abends: Finden ein Zimmer im Gasthof Post. Rucksäcke abwerfen, Dusche – und dann? Nein, nicht in den Biergarten. Uns reizt die nahe Wertach, die tief sich einschneidet hier ins Land. Also: Weiterwandern, raus aus Wald, einen Waldweg steil abwärts nehmend, dem Gluckergeräusch nach. Allein an der Wertach, in der die Abendsonne tanzt. Plopp, plopp – nie hat ein kühles Bier besser geschmeckt. Es wird bald Zeit, eine Wiederkommensliste Allgäu anzulegen – mit unseren Entdeckungen auf dieser Süd-Nord-Wanderung, wo wir viel auf der Rückseite des typischen Allgäumarketinghochglanzes unterwegs waren.

Tag zwei beginnt mit grauem, dann schwarzem Wolkenhimmel und einem Frühspaziergang durch Wald. Auf der Anschlagtafel: Kursangebote. „Blockflöte für Anfänger“ und „Klang-Yoga“. So mischen sich Tradition und Moderne. Plötzlich laufen Kühe auf die Straße, lautlos schwanken sie an der Kirche vorbei. Mit lautem Kettenrattern hinterher: zwei Männer auf alten Mountain-bikes, leuchtend gelbe Warnwesten über der Jacke, einen Stock in der Hand schwingend. Wir stoßen auf ein Museum, ein alter Stadel, der geschlossen ist, aber auch außen nahezu überquillt vor Exponaten. Wagenräder, Werkzeuge, ein Grabstein, ein Mühlstein, eine furchterregende Güllepumpe von 1940. Auf die Außenbretter genagelt findet sich auch die alte Kirchturmspitze von Wald, die, so klärt ein Schild auf, „am 5. Januar 2012 um 16.30 Uhr durch Blitzschlag zerstört wurde. Das Kreuz zerbrach in neun Teile.“ Blitzschlag gibt es keinen an diesem Tag – aber Regen.

Gefangen im Regen: Zwangspause in Wald. Warten auf ein Wolkenloch.
Bild: Michael Schreiner

Wie können zwei Wandertage so unterschiedlich sein? Starkregen, Stärkstregen, Platzregen. Im Block steht sogar: Sintflut. Sie hält uns 90 Minuten gefangen im verglasten Wartehäuschen vor der Schule. Zuvor hatten wir versucht, auf dem nagelneuen „Mitfahrerbänkle“ einen Lift bis Marktoberdorf zu ergattern. Fünf Kilometer Beschleunigung zum Auftakt: Stellten wir uns gut vor. Bisschen plaudern mit unserem Zufallschauffeur … Dazu haben wir wie geheißen das Ortsschild Marktoberdorf hochgeklappt. Schöne Idee, das Mitfahrerbänkle – aber der Praxistest geht schief. Droben in der Bäckerei sagen sie: Ganz neu, gibt’s erst seit vier Wochen. Aber gehalten hat wohl noch niemand. Wir sitzen weiter in der Bushaltestelle vor der Schule und schauen zu, wie der Regen Blasen wirft auf der Straße. Irgendwann, eine Tüte Gummibären später, lässt es nach, wir laufen los, endlich wieder unterwegs. Ziel: Norden.

War es der Regen, der sie rauslockte? Jedenfalls begegnen wir hinter Wald drei Rehen und einem Fuchs, die durch nasses Sattgrün trollen. Der Himmel hält, Ronried überrascht mit einem Maibaum von 2014, den sie zu einer Sitzgarnitur vor der Pfarrkirche zersägt haben. Gleich daneben ragt der Maibaum von 2018 in die Höhe – auf dem werden sie vielleicht auch bald sitzen. Andere Menschen gibt es nur im Auto vorbeifahrend. Wohin soll man auch laufen im Dorf? Geschäfte gibt’s keine. Und einfach so was anschauen, bringt ja auch nichts. Kennt man ja alles. Im Vorbeigehen sehen wir eine Frau Fensterputzen – im Kuhstall.

Mit Kühen ist immer zu rechnen: Weiden hinter Brennholz in Ronried.          
Bild: Matthias Zimmermann

Am Ortsende von Leuterschach biegen wir scharf nach links ab. Ein kleiner Garten, schmal und lang wie eine abgerollte Tapete, liegt vor der Feldkirche St. Mang. Der Himmel trübt sich wieder ein, aber bislang hält es. Heiliger Georg, steh uns bei. Die Landschaft sieht gar nicht mehr nach Allgäu aus. Wo sind die Berge? Verschluckt von Wald und Wolken. Grün ist zwar immer noch die Hauptfarbe auf der Palette, aber mit der Sonne ist auch das Leuchten verschwunden. Immerhin gibt es noch Kühe. Und die Wertach, die braun und schäumend nach Norden gurgelt. Ständige Begleiter außerdem: Elektrozäune und Begrenzungspfähle mit einem Loch oben drin. Für den Winter, da kann man sie verlängern, mit Stangen. Ist noch weit weg.

Der Weg nach Geisenried ist wie mit dem Lineal gezogen, vorbei an einem großen Sportgelände, Neubaugebieten und einer prächtigen Sporthalle. Ein durchschnittliches Gebäude im Ostallgäu hat eine Wohnfläche von 175 m2 stand auf der Tafel im Pfrontener Moos. Nach zwei Tagen hier scheint uns diese Zahl eher konservativ geschätzt. Überdurchschnittlich ist aber auch der alte Pfarrhof von Geisenried: mit Lüftlmalerei und fabrikneuen Isolierglas-Sprossenfenstern. Kurz verlieren wir uns auf der sich schlangenförmig durch den Ort windenden Hauptstraße aus den Augen. Kann passieren, wenn man die Augen einfach nicht von der Speisekarte der Dorfwirtschaft lösen kann. Zahl der vegetarischen Gerichte: 0. Nachspeisen: 1. Fleischgerichte: 13. Aber jetzt Pause machen ist gefährlich. Am Ende gibt es auch keine alkoholfreien Getränke. Und jetzt ein Weizen…

Untenrum sind wir jetzt nass. Und oben?

Schon sind wir wieder auf freiem Feld. Über uns braut sich was zusammen und dann sind wir auch noch falsch abgebogen. Kurskorrektur, mitten durch eine regenfeuchte Wiese. Untenrum sind wir jetzt nass. Und oben? Gerade noch schaffen wir es in die Unterführungsröhre der B12, da platscht es wieder los. Zeit, die letzten Vorräte zu teilen. Eine Landjäger für zwei. Eine Breze. Eine Käsesemmel. Im Stehen. Jetzt beim Wirt… Vorbei. Kein Blick zurück. Außerdem zieht die schwarze Wolke auch schon ab. Mal wieder wendet sich das Blatt. Vor uns auf der Karte liegt ein langes Stück Einsamkeit. Zwischenziel: Elbsee. Dahin führt erst mal ein Trampelpfad, mitten durch das Dümpfelmoos.

Dichtes Geäst beschattet das Dümpfelmoos – ein verstecktes Naturereignis.
Bild: Michael Schreiner

Der Weg durch ein paar hundert Meter Wildnis beginnt an einer Schautafel. Kaum zu glauben, was da steht: Vor nicht einmal zehn Jahren war hier nur dröger Fichtenwald. Dann kamen Naturschützer und haben das Grundstück, auf dem seit dem 19. Jahrhundert Torf gestochen wurde, gekauft. Von Hand wurden Bäume gefällt und Gräben gestaut. Seitdem wächst hier wieder ein Moor. Wir federn über duftenden Waldboden, entlang

von brackigen Tümpeln, die grasgrün schimmern vor Wasserlinsen. Ab und an muss man sich bücken, um nicht gegen einen Ast zu laufen. Wie Kreidestriche auf dunklem Grund leuchten Birkenstämme heraus. Ganz still ist es um uns herum. In Hochstimmung treffen wir nach einigen Minuten auf den nächsten Forstweg. Der ist ziegelrot vor Tonscherben, die zur Befestigung auf 20 Metern Länge ausgestreut sind. So kann es weitergehen, wir laufen bestimmt noch bis Kaufbeuren!

Unser Weg führt am Waldrand entlang. Vor uns quert ein alter grüner Traktor eine Wiese, hält neben einer Weide mit Jungrindern an. Als wir zu ihm aufschließen, füllt ein Mann gerade Wasser aus einem verbeulten Fass auf dem Traktor in eine alte Badewanne. Blickkontakt. Kopfnicken. „Wo geht’s hin?“, will er wissen. Er trägt eine dunkelgraue Wollweste mit Zopfmuster und passt vom Alter gut zu seinem Fahrzeug. Ein gutes halbes Jahr sind die Tiere alt. Ja, ja. Pause. Schließlich sagt er: „Ich will euch nicht länger aufhalten“. Wir haben verstanden. Auf uns wartet der Elbsee.

Von jetzt an geht’s bergab, das wissen wir nur noch nicht. Stattdessen staunen wir über Riesenpilze, die hier wachsen: groß wie kleine Regenschirme. Auf einem Fichtenstamm steht, schon ganz verwittert, das blaue X, dem wir jetzt folgen. Fichten gibt es jetzt viele. Genau genommen gar nicht mehr viel anderes. Langsam werden doch die Beine schwer. Wir müssen ja nicht mehr bis Kaufbeuren. Am Elbsee machen wir erst mal Pause, danach geht es bestimmt gleich besser. Wo bleibt er nur, der See? Fichten, Kies und jetzt auch Regen. Wir irren auf einem Riesenumweg um den See. Ein Paar in Sportkleidung legt die Regenponchos an – sich und ihren Collie-Hunden. Wir gehen weiter. Ohne Schirm und Jacke. Alles darf nass werden – bloß unsere Blöcke mit den Notizen nicht! Umziehen können wir uns erst beim Café am See, sonst bleibt uns gar nichts Trockenes mehr.

Aus Aitrang kommen wir nicht weg – es sei denn eben zu Fuß

Wir sind nass bis auf die Haut, als wir endlich an das Gasthaus am Ufer gefunden haben. Gasthaus ist aber grob untertrieben, eher handelt es sich um ein mittelständisches Freizeitunternehmen mit Campingplatz, Hotel, Restaurant, Café – und gleich neben der Terrasse ist auch noch ein Bootsverleih. All diese Angebote interessieren uns im Moment aber nur am Rande. Wir wären schon zufrieden mit einem ruhigen Plätzchen im Trockenen und etwas zu trinken. Krisenstimmung. Ein Kellner im schwarzen Anzug und weißem Hemd bedient auch auf der überdachten Terrasse, wo die Spatzen schon auf Kuchenkrümel spechten. Zwei Frauen beschweren sich – nur halb im Scherz – beim Kellner über die Spiegel: „Da bist du ja breit drin wie eine Tonne, also wirklich, das könnt ihr doch nicht machen!“ Der Elbsee immerhin spiegelt korrekt: Grau, Tristesse, Regen – dahinter der Tafelberg von Pfronten. Die Raucher von den feinen Tischdeckentischen drin drängen nach draußen.

Wir fassen einen Entschluss: durch den Regen jetzt noch bis Aitrang, dann in den Zug – und Schluss. Der Regen trieft und perlt an Jacken und Plastiküberzügen, das Wanderglück säuft ab. Aitrang in Sicht. Den Ort durchqueren wir dreimal, finden den Bahnhof – bloß hält da seit 20 Jahren kein Zug mehr. Und Busse? Nichts. Eine riesige Linde steht mitten auf der Fahrbahn. Aber kein Bus. Aus Aitrang kommen wir nicht weg – es sei denn eben zu Fuß. Noch 12,5 Kilometer bis Kaufbeuren. Idee: Wir rufen hier und jetzt den Notfall aus und ein Taxi! Vorher aber noch in dem Bäckerei-Café ein bisschen süßes Trostzeug einkaufen. Davor steht ein Mann und raucht. Kariertes Hemd, Erscheinung: von hier. Zwischen seinen Zügen grüßt der Mann Autofahrer, Passanten – und wird selbst gegrüßt. „Seid Ihr in den Regen gekommen?“, fragt der Raucher. Er ja auch, weshalb das Rasenmähen ausgefallen ist. Wir plaudern ein wenig. Ja, es sei ein Jammer, dass der Zug nicht mehr halte in Aitrang. Ein Taxi wollten wir? Uuiiih, das wird teuer, das kommt ja aus Kaufbeuren, habe er auch mal gemacht. Und dann bläst der Mann Rauch aus, wirft die Kippe weg und sagt: „Wisst’s ihr was? I fahr euch schnell.“

Der Retter von Aitrang, er heißt Karl-Heinz, Karl-Heinz Hartmann. Wer ihn uns geschickt hat? Vielleicht war’s der ehrwürdige Georg. Im Auto, auf der Fahrt zum Bahnhof Kaufbeuren, erzählt der Heinz, dass er seit 40 Jahren bei der Feuerwehr ist, außerdem ewig schon bei der Blaskapelle, er spielt Zug-Posaune. Einer wie er verkörpert das, was man Gemeinwesen nennt. Im Ort schaue man noch, wenn man den Nachbarn verdächtig lange nicht gesehen habe. Wir reden ein wenig übers Land, über den Wahnsinn der Großviehbetriebe von Bad Grönenbach, über den ausufernden Maisanbau für die Biogasanlagen („das finde ich nicht in Ordnung, Lebensmittel dafür hernehmen, damit hab ich ein Problem“). Es sind im Auto ja nur zwei, drei Zigarettenlängen bis Kaufbeuren. Landschaft zieht draußen vorbei – gehend wäre es ein halbes Spätnachmittagsprogramm.

Jetzt scheint tatsächlich wieder die Sonne draußen. Es ist der letzte Satz im Block.

Aus vier Himmelsrichtungen auf den Mittelpunkt unserer Region zulaufen: Diese Sternwanderung ist heuer unser großes Journal-Sommerprojekt. In vier Folgen wollen wir im August unsere Heimat erkunden. Orte, Landschaften und Menschen entdecken – immer unterwegs auf einer möglichst geraden Linie von den Rändern auf Kirchheim im Unterallgäu zu. Ungefähr dort haben wir die Mitte unseres Verbreitungsgebietes lokalisiert. Den genauen Ort verraten wir in Folge 4. Wir halten Augen und Ohren offen. Auf dem Weg zur Mitte vertrauen wir auf den Zufall und sind abseits der Hauptwege unterwegs.

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