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Neue TV-Show

14.07.2019

Comedian Michael Mittermeier: „Ich bin Humorpopulist“

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Der Comedian Michael Mittermeier.
Bild: imago stock&people

Michael Mittermeier setzt anstößige Pointen und politische Statements. Ein Gespräch über Political Correctness, die Grünen und „MacGyver“.

Sie bekannten sich zu den Grünen, als das in Bayern noch ungewöhnlich war. Freuen Sie sich über ihren Höhenflug oder betrauern Sie ihren verlorenen Exotenstatus?

Michael Mittermeier: Ich habe es lange ausgesessen und freue mich. Die Grünen wurden oft totgeschrieben, weil andere ihre Ideen übernommen haben. Sie machen nicht alles besser, aber geben den Menschen eine Vision für die Zukunft, zum Beispiel beim Klimaschutz. Andere Parteien beschäftigen sich mit Fehlern der Konkurrenz oder drehen wegen eines Youtube-Videos durch. Dabei sagt selbst Horst Seehofer, es ist gut, wenn sich die Jungen für Politik interessieren – verkehrte Welt.

Sie machen sich gerne über Political Correctness lustig. Teilnehmerinnen von Reality-TV-Sendungen nennen Sie „Boulevardschlampen“ und „Bitches“. Bekommen Sie dafür heute mehr Gegenwind?

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Mittermeier: Nein, ich habe immer gemacht, was ich mache. Und die Leute wissen, dass dahinter kein böser Wille steckt. Das mit den Boulevardschlampen ist ein Gag über Political Correctness. Man wird auch mal drüber lachen dürfen. Die Leute, die einen beschimpfen, gab es schon vor 20 Jahren. Im Internet fanden sie ihre Stimme. Wenn man dort manches liest, fragt man sich: Wie schwarz muss euer Herz sein?

Erhalten Sie viele Hassnachrichten – und von welcher Seite?

Mittermeier: Natürlich von den Rechten. Wenn du dich zum Beispiel für Flüchtlinge engagierst, kriegst du die volle Breitseite. Das hat Methode. Es gibt sicher auch Linke, die mich hassen, aber ganz ehrlich: Das ist mir wurscht.

Sie haben Politologie studiert. Wann haben Sie begonnen, dieses Thema in Ihren Auftritten zu verwenden?

Mittermeier: Ich war immer schon politisch auf der Bühne, auch vor 30 Jahren. Da hat nur keiner meine Programme gesehen. Bekannt geworden bin ich mit „Zapped“. Auch das war gesellschaftspolitisch, weil Fernsehen das Massenmedium der Zeit war. Und später ging es auch mal wieder um Tagespolitik.

Manche Fans schätzen Witze über „Arschlochkinder“ oder „MacGyver“ mehr als Ihre politische Seite. Schränken Sie sich ein, um das Publikum nicht mit schwerer Kost zu vergraulen?

Mittermeier: Ich mache das, worauf ich Lust habe. Wenn ich das machen würde, wonach es dem Publikum steht, wer wäre ich denn dann? Dann lasse ich mich ja vom Volkswillen leiten. Ich bin nie Trends hinterhergelaufen. Meistens habe ich sie vorgegeben. Als 2004 mein Programm „Paranoid“ politischer wurde, hat mich jeder gewarnt: Mach das nicht. Ich tat es trotzdem. Das Publikum hat sich geändert. Manche Zuschauer sind vielleicht gegangen, aber deutlich mehr sind dazugekommen. Gerade von Rechten höre ich häufig, dass ich nicht mehr lustig bin. Nach dem Motto: Er vertritt nicht meine Meinung, deshalb ist er doof.

Ein Jahr nach dieser Tour sagten Sie über Angela Merkel, die als mögliche Kanzlerin gehandelt wurde, den Satz: „Sie kann es nicht.“ Sehen Sie das noch genauso?

Mittermeier: Ich war und bin kein Merkel-Fan. Sie hat eine Entwicklung durchlaufen, manches richtig gemacht und vieles falsch. Ich erkenne es an, wenn jemand etwas tut oder sagt, von dem ich denke, dass es richtig ist – auch wenn derjenige sonst nicht meine Meinung teilt. Diese Überparteilichkeit ist wichtig und geht uns verloren.

Nun wird der Grünenvorsitzende Robert Habeck als möglicher Kanzler gehandelt. Warum machen Sie keine Witze über ihn?

Mittermeier: Ich habe schon über die Grünen Gags gemacht, über die SPD, über die Linken. Ich mache Witze über die Taliban, den IS und über die Kirche. Alle paar Wochen wirft mir jemand vor, die eine oder die andere Seite zu vernachlässigen – doch das stimmt nicht. Mir geht es um Unterhaltung. Und darin steckt, das haben viele vergessen, das Wort „Haltung“. Ich habe eine Haltung zu vielen Dingen: zur Politik, zur Welt, zum Fernsehprogramm oder dazu, wie man auf die Bühne geht. Wenn jemand zu mir kommt, kann er sicher sein, dass ich immer meine 120 Prozent raushaue.

Den Teil über Donald Trump haben Sie aus Ihrem Programm „Lucky Punch“ geworfen. Man müsse irgendwann erkennen, wer der bessere Komiker sei, sagen Sie. Geblieben ist nur ein Gag: Der US-Präsident trage „Kim Kardashians abgelegte Arschhaut ins Gesicht getackert“ …

Mittermeier:  …weil das sehr lustig ist. Ein guter Gag ist ein guter Gag.

Aber beweist man damit die von Ihnen beschworene Haltung, wenn das der einzige Witz über diesen Politiker ist?

Mittermeier: Es ist ja nicht der einzige. Wer die Nummer danach versteht, merkt, dass ich Trump als Komiker darstelle. Mag sein, dass das auch andere gemacht haben, aber ich war sehr früh dran mit dieser Nummer. Und dann zitiere ich Trumps besten Witz. Nach einem Amoklauf schlug er vor, Lehrer mit Waffen auszustatten. Ich beackere ein Feld, das er bereitet.

Vergangene Woche sprachen Sie in Ihrer neuen Show „Mittermeier!“ über Sicherheit und unter anderem über den schlechten Zustand der Bundeswehr. Nun wird die zuständige Ministerin vielleicht Chefin der EU-Kommission. Was halten Sie davon?

Mittermeier: Es zeigt, wie beliebig die Politik geworden ist. Von der Leyen war eine sehr gute Familienministerin. Wie kommt man von einer Familienministerin zur Verteidigungsministerin? Manche meinen: Das passt super, in meiner Familie herrscht immer Krieg. Und jetzt zur EU? Ich will die Personalie an sich nicht bewerten, weil ich mich mit den Details der EU nicht auskenne. Wahrscheinlich wird sie das gut machen. Aber wie sie ausgewählt wurde, das wirkt auf den normalen Bürger absurd und beliebig.

Bereitet Ihnen das Sorge?

Mittermeier: Natürlich. Das schafft leider Raum für Populismus – und zwar sehr billigen. Ich nutze selbst häufig Klischees. Ich bin Humorpopulist. Aber ich hab auch nichts zu sagen in diesem Land. Die Politiker müssen aufpassen, dass sie keine Vorlage für stumpfsinnige Aussagen liefern wie: Das System ist scheiße. Da frage ich: Das in Nordkorea oder unseres, in dem es uns eigentlich ganz okay geht? Man kann jeden Tag Kritik anbringen, aber doch bitte an einem Politiker oder seinen Entscheidungen. Unser System ist nicht scheiße. Wir haben eine Demokratie. Ich darf auf die Bühne gehen und sagen, was ich will.

In ihrer aktuellen Sendung unterstützen Sie die Schülerdemonstranten von Fridays for future …

Mittermeier:  …und habe sie gleichzeitig ironisch behandelt. Ich kann mich dazu bekennen und gleichzeitig darüber scherzen. Das Lustige ist: Jetzt bin ich von Abiturienten beschimpft worden, weil ich mich darüber lustig gemacht habe, wie sie über das bayerische Mathe-Abi gejammert haben. Leute, nehmt doch Humor nicht so ernst.

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