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Ulm

24.05.2019

Premiere im Theater Ulm: Der schöne Schein der Scheine

Der Kassierer (Fabian Gröver, Mitte) will sich sein Glück kaufen.
Bild: Jochen Klenk

In Georg Kaisers Stationendrama „Von morgens bis mitternachts“, das jetzt in Ulm gespielt wird, sucht ein kleiner Mann das große Leben. Klappt aber nicht.

Der Kunde keucht, der Portier schnieft, der Laufbursche seufzt, die Damenschuhe klappern, das Kleingeld klimpert. Georg Kaisers „Von morgens bis mitternachts“ beginnt im Theater Ulm ohne Worte, als Stummfilm, garniert mit Geräuschen. Der Bühnenvorhang gleicht einem riesigen Holzschnitt, die Darsteller sind weiß geschminkt und glotzen mit großen Augen. Die Bank, der Ort, an dem der Fall des namenlosen Kassierers seinen Anfang nimmt, gleicht der Szenerie in Charlie Chaplins „Modern Times“: die Welt ein riesiger Apparat, der einzelne Mensch nur ein Zahnrad.

Mit Slapstick und Pantomime beginnt Jasper Brandis’ Inszenierung des 1917 uraufgeführten Stationendramas. Schon seit Jahren trug der Regisseur das Stück mit sich herum; nun als Schauspieldirektor in Ulm konnte er seinen Plan zusammen mit Ausstatter Andreas Freichels endlich in die Tat umsetzen. Damit hat in dieser Saison nach Augsburg („Gas“) auch Ulm einen Georg Kaiser (1878-1945) im Programm, ein Frühwerk. Was bemerkenswert ist, weil der produktive und zu Lebzeiten enorm erfolgreiche Expressionist nur noch selten gespielt wird. Was auch an der etwas kantigen und pathetischen Sprache liegt.

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„Von morgens bis mitternachts“ macht es dem Zuschauer auch sonst nicht leicht. Der Protagonist durchlebt keine richtige Entwicklung, er wandelt von Bild zu Bild, immer auf der Suche nach dem Glück, welches das Geld verheißt. Das pessimistische Stück erzählt, wie der Kassierer, bis dahin ein tadelloser Spießer, durch die flüchtige Begegnung mit einer verrucht-schönen Frau zum Kriminellen wird. Er unterschlägt morgens 60000 Mark des Bauvereins, und als sich der Traum eines Ganovenlebens an der Seite der unbekannten Dame als Hirngespinst herausstellt, will er die Beute anderweitig loswerden: beim Sechstagerennen, im Ballsaal – und am Schluss in einer Kirche. Um Mitternacht nimmt die Suche das erwartbare Ende, nach seltsamen Begegnungen und etlichen, immer wieder um Geld und Existenz kreisenden Monologen des Kassierers.

Ihre Qualität zeigt die Inszenierung vor allem nach der Pause

Regisseur Brandis greift in den Text kaum ein. Aber nutzt die Mittel von Groteske und Humor, um die expressionistische Schwere herauszunehmen. Der Inspizient spielt in einer Szene den Wind, die Familie des Kassierers erscheint in einem Horror-Video, die Herren im Sportpalast sehen mit Hüten und langen Bärten aus wie Mitglieder von ZZ Top. „Von morgens bis mitternachts“ wird in Ulm durch viele Details lebendig – entfaltet seine Qualität allerdings erst nach der (sehr früh gesetzten) Pause. Dann fährt die Drehbühne nach vorne – und auf ihr ein mächtiges Holzgerüst, das gleichzeitig als Sporttribüne, Luxus-Nachtklub und Sektenzentrale dient. Weg vom Holzschnitt, hinein in die Tiefe der Gesellschaft, deren Verheißungen sich für den kleinen Kassierer allerdings als Trugbilder erweisen.

Das Ensemble beweist von Anfang an Spielfreude, präzise Körperarbeit und Wandlungsfähigkeit. Fabian Gröver, für den es die letzte Rolle in Ulm ist, lässt den gehemmten Kassierer den Zyniker in sich erkennen; alle anderen Darsteller übernehmen mehrere kleine Rollen. Ulms „Von morgens bis mitternachts“ ist ein Stück, dessen bitteres Ende einen frösteln lässt, starkes Schauspielertheater mit gewitzten Regieeinfällen. Das Premierenpublikum jedoch applaudiert nur verhalten.

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