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Kreis Landsberg

19.03.2016

Ein Vulkan und die letzte große Not

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Diese Darstellung des Landsberger Marktes erinnert an die Zeit der Hungerkrise 1816/17, als die Preise für Lebensmittel - vor allem Brotgetreide - vervierfachten.
Bild: Neues Stadtmuseum/Bernd Kittlinger

Vor 200 Jahren erlebten weite Teile Europas ein „Jahr ohne Sommer“. 1816 war das zweitkälteste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen auf dem Hohen Peißenberg. Die Krise wurde zunächst aber kaum wahrgenommen.

Am morgigen Sonntag um 5.30 Uhr beginnt der Frühling und endet der Winter. Welcher Winter? Man könnte fast von einem Jahr ohne Winter sprechen, denn es gab 2015/16 in den Monaten von Dezember bis Februar 23 Vegetationstage mit einer Mitteltemperatur von über fünf Grad, aber nur sieben Eistage, an denen die Temperatur unter dem Gefrierpunkt blieb. Nicht viel besser sah es 1816 aus – allerdings zur eigentlich warmen Jahreszeit. 200 Jahre liegt das „Jahr ohne Sommer“ nunmehr zurück. Kaum Sonne, Schnee bis in den Sommer, Dauerregen und Hagel sorgten für eine miserable Ernte und ließen im folgenden Jahr die Nahrungsmittelpreise explodieren. Viele hungerten, es war die letzte große Hungerkrise in Mitteleuropa. 1816 war mit durchschnittlich vier Grad das zweitkälteste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen auf dem Hohen Peißenberg 1781.

Seitdem der jetzige Klimawandel immer deutlicher zu spüren ist, wird das Klima auch immer zu einem Thema für Historiker und so geraten derzeit auch die Jahre 1816 und 1817 verstärkt ins Blickfeld. Ein wesentlicher Faktor für das Jahr ohne Sommer war der Ausbruch des Vulkans Tambora auf Indonesien im Jahr 1815. Die riesigen Asche- und Staubmengen, die er ausspuckte, verminderten die Sonneneinstrahlung, in vielen Teilen der Welt wurden sehr niedrige Temperaturen registriert, ebenso kam es zu übermäßig vielen Niederschlägen. Besonders betroffen waren unter anderem Frankreich, der Süden und Westen Deutschlands und die Schweiz – somit auch der Raum Landsberg.

Dieses Krisenjahr war lange Zeit in Vergessenheit geraten, in der heimatkundlichen Literatur findet sich davon kaum etwas. Zumindest ein paar Sätze war es aber noch 1901 Pfarrer Joseph Anton Hugo wert, der in seiner „Chronik von Diessen“ schrieb: „Im ganzen Sommer 1816 gab es nur 7 schöne Tage. Die übrige Zeit regnete es. Das Getreide wuchs auf dem Felde aus und Heu und Grummet konnten nur in verdorbenem Zustande heimgebracht werden, so daß es in den Scheunen verfaulte. Die Folge war: Teurung und Hungersnot. Schon um die Erntezeit kostete das Schäffel Korn 55 Gulden. Im Jahre 1817 aber stieg der Preis hiefür auf 150 Gulden. Viele Leute mußten damals mit ,Kleien’ oder ,Haferbrot’ sich begnügen, in welches gehackte Brennnesseln eingebacken wurden. Der Sommer 1817 war fruchtbar und schön, so daß die Getreidepreise rasch sanken.“ 1911 arbeitete der zeitweise in Landsberg tätige Priester und Schriftsteller Peter Dörfler diese Krisenzeit auch in seinem Drama „Im Hungerjahr“ auf, das 1914 unter anderem vom Theaterverein in Thaining gespielt wurde.

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100 Jahre später streifte der ehemalige Stadtheimatpfleger Anton Lichtenstern das Katastrophenjahr in seinem Buch „Landsberg am Lech“ und stellte es auch in einen Zusammenhang mit der schwierigen Zeit der Säkularisation und der gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen nach Revolution, Kriegen und staatlicher Neuordnung nach 1800: Die Klima- und Hungerkrise von 1816/17 versetzte der Region einen weiteren Schlag. Er selbst erinnert sich auch noch, wie er als Schüler im Stadtmuseum ein winziges Brot sah, das im Hungerjahr gebacken worden war. Er habe das damals auch deshalb merkwürdig gefunden, weil es angesichts des Hungers nicht gegessen wurde.

Die Obrigkeit negierte die Krise erst einmal, wie sich auch aus dem damaligen Landsberger Wochenblatt ersehen lässt. Zwar ließen die nicht enden wollenden Schnee- und Regenfälle und Hagelschläge die Kornpreise auf der Landsberger Schranne bis zur Erntezeit 1816 schon bis auf das Vierfache des Normalpreises steigen. Bis dahin findet sich aber nur ein Bezug auf die heraufziehende Krise: eine amtliche Aufforderung zu öffentlichen Gebeten um eine gesegnete Ernte am 10. August 1816. Am 12. Oktober wird dann berichtet, dass diejenigen, deren Ernten durch Wolkenbruch und Hagelschauer vernichtet wurde, Saat- und Brotgetreide-Vorschüsse erhalten konnten – gegen Wiederersatz aus der kommenden Ernte 1817. Die wiederholten Aufforderungen aus dem Winter 1816/17, die an den Staat fälligen Getreideabgaben endlich zu liefern, deuten die damalige Not an.

Ein weiterer Hinweis findet sich am 22. März 1817: Angesichts des aus der „gegenwärtigen Theuerung hervorgegangenen Nothstands“ wurde dazu aufgefordert, auch das Brachfeld (die Fluren waren in drei Felder für Winter- und Sommergetreide und ein brach bleibendes Drittel eingeteilt) mit Sommergetreide und Kartoffeln zu bestellen, wobei man sich fragen muss, woher angesichts des Mangels das zusätzliche Saatgut hätte kommen sollen. Ein paar Ausgaben später wurden die Leser des Wochenblatts mit dem Anbau von Kartoffeln und Rüben vertraut gemacht, die damals noch eher als exotische Früchte galten.

Im Juni 1817 kostete auf der Landsberger Schranne das Schäffel (278 Liter) Weizen oder Dinkel im Mittel 89 Gulden und der Roggen 68 Gulden, normal waren zehn bis 15 Gulden. Jetzt begann man, die Bedürftigen mit Brotgetreide aus den Notreserven der staatlichen Kornkästen zu versorgen, verbunden freilich mit einer Mahnung: „Da leider sehr viele aus Ungestüm die kön. Aemter überlaufen, und nach den Erfahrungen des heutigen Tags mehrere Unterthanen aus den Gemeinden Thaining, Hofstetten und mehr andern die auffallendste Vermessenheit besessen haben, heute wieder ein Speisgetreid erholen zu wollen; nachdem sie erst vor drey oder vier Tagen solches erholt, und einige aus diesen unverschämten Menschen schon zweymal in sehr kurzen Zeiträumen mit Speisgetreid unterstützt worden sind, so wird hiemit bekannt gemacht, daß man für die Zukunft jeden Ungestüm dieser Art (...) bestrafen und den Namen solcher Ungestüm durch as Wochenblatt öffentlich bekannt machen wird.“ Mehrfach wurde auch vor Ährensammeln und dem Diebstahl von Obst, Rüben und anderen Feldfrüchten gewarnt, ebenso vor betrügerischen Sammlern, die sich als Hagelgeschädigte ausgaben.

Als nach der größten Not im Sommer 1817 eine bessere Ernte als im Vorjahr in Aussicht war, besann man sich in Landsberg auf einen früher geübten Brauch: Der erste Bauer, der Roggen oder Weizen aus der neuen Ernte auf die Schranne bringen würde, sollte ein Geschenk als Anerkennung „des ehrenden Bemühens, die Stadt mit dem angenehmen Erzeugnisse des ländlichen Fleißes zu erfreuen“ erhalten: ein Paar lederne Handschuhe und einen Gold-Dukaten. Außerdem wurden Prämien für die größten Getreidelieferungen ausgelobt. Langsam gingen die Kornpreise zurück, sie blieben aber bis zur Ernte 1818 noch zwei- bis vierfach über den Normalpreisen, die erst am Jahresende wieder erreicht wurden.

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