1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Grünen-Politiker Ludwig Hartmann stellt sich Kritik der Landwirte

Weil

05.04.2019

Grünen-Politiker Ludwig Hartmann stellt sich Kritik der Landwirte

Ludwig Hartmann (links) im Gespräch mit Michael Sanktjohanser (Mitte) Johann Drexl.
Bild: Julian Leitenstorfer

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag bekommt wegen des Volksbegehrens „Artenvielfalt“ den Unmut der Landwirte zu spüren. In Weil präsentiert er seine Reformideen.

Im Gasthof Probst in Weil prallten bei einer Diskussionsveranstaltung zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite Ludwig Hartmann, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, und auf der anderen 160 Bauern, die dem Politiker die Meinung sagen wollten. Anlass war das erfolgreiche Volksbegehren „Artenvielfalt“. Die bayerische Regierung hat den Gesetzesentwurf des Volksbegehrens diese Woche wie vorgeschlagen angenommen. Organisiert hatte die Veranstaltung bereits vor Wochen Michael Sanktjohanser, der im Vorstand der Jungbauernschaft im Landkreis Landsberg ist.

Mehr zum Thema, hier: Volksbegehren wird Gesetz - doch beim Artenschutz geht mehr

Auf dem Rücken der Landwirte

Das Volksbegehren, das die Grünen unterstützen, sei ein „Ablasshandel für die Wähler der Partei, auf dem Rücken einer kleinen Randgruppe, den Landwirten“, beklagte ein Gast. Ein anderer äußerte, die Grünen würden „nur schimpfen, aber keine Lösungen anbieten“. Die Stimmungslage der Bauern beschrieb Michael Sanktjohanser in seiner Eingangsrede, und diese wurde in vielen weiteren Redebeiträgen auch deutlich. „Wir sind an allem schuld. Angefangen beim Glyphosat über das Nitrat im Grundwasser bis zum Methanausstoß der Kühe. Wir finden den Ansatz richtig, etwas für die Bienen zu tun. Es kann aber nicht sein, dass dies ausschließlich auf dem Rücken der Landwirte passiert und die Kommunen und Privatleute nicht in die Pflicht genommen werden.“ Während er regelmäßig seinen Sachkundenachweis erneuern müsse, um Pflanzenschutzmittel nutzen zu dürfen, gehe der Privatmann einfach in den Baumarkt und kaufe sich Chemie, beispielsweise um die Blattläuse zu bekämpfen. „Ich finde, dass dieses Zeug aus den Regalen verschwinden muss“, entgegnete Hartmann.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Das Fördersystem umstellen

Während die Bauern die Folgen des Volksbegehrens – in Form neuer Auflagen – fürchten, sieht er darin eine große Chance für alle Beteiligten. „Die Art, wie Landwirtschaft aktuell funktioniert, ist doch für alle unbefriedigend.“ Deswegen gelte es, gemeinsam an Reformen zu arbeiten. Dieser Termin sei für ihn „nicht vergnügungssteuerpflichtig“, aber wichtig, weil der Ist-Zustand „für alle unbefriedigend“ sei. Hartmann sprach sich dafür aus, das Fördersystem umzustellen. Derzeit werden Bauern belohnt, die viel Fläche bewirtschaften. Er wolle, dass die ersten Hektar höher bezuschusst werden und die Förderung mit jedem weiteren Hektar abnehme. Das komme auch den vielen Kleinbetrieben in Bayern zugute.

Außerdem solle die Landwirtschaft nach seiner Vorstellung wieder wie früher funktionieren. „Da war es ein Kreislauf. Der Bauer hatte nur so viele Tiere, wie er mit der selber angebauten Menge versorgen konnte.“ Geht es nach Hartmann, soll auch die Milchproduktion gedrosselt werden. Schließlich rutsche dieser Zweig der Landwirtschaft von einer Krise in die nächste und der Preis sei nicht kostendeckend. Es gelte, Qualität statt Masse zu produzieren.

Bioprodukte stärken

Hartmanns Ansatz, Bioprodukte und Regionalität zu stärken, sei angesichts des fehlenden Bewusstseins bei den Verbrauchern zum Scheitern verurteilt, so der Tenor unter den Landwirten. „Der Markt für Biolebensmittel macht gerade einmal fünf Prozent aus und ihr fordert eine Steigerung auf 30 Prozent“, beklagte ein Bauer. Hartmann verwies darauf, dass Österreich dieses Ziel erreicht habe. Was die Bauern so aber nicht gelten lassen wollten. „Dabei handelt es sich um den niedrigsten EU-Standard für Bioprodukte, der nur minimal über dem liegt, was in Deutschland im konventionellen Anbau umgesetzt wird“, sagte ein Besucher.

Unrealistischer Ansatz?

Als unrealistisch bewerteten die Landwirte Hartmanns Ansatz auch deswegen, weil er den Weltmarkt ignoriere. Der Kunde wolle günstig einkaufen. Wenn diese Nachfrage aus dem Inland nicht mehr bedient werde, kämen künftig noch mehr importierte Waren auf den Markt, so eine häufiger geäußerte Sorge. Sein Ziel will Hartmann unter anderem dadurch erreichen, dass öffentliche Träger wie Kindertagesstätten, Behörden und andere Institutionen in die Pflicht genommen werden. „Wie groß dieser Sektor ist, unterschätzen viele.“ Der Fraktionsvorsitzende sprach sich dafür aus, den Anteil von biologisch erzeugten und regionalen Produkten auf jeweils 30 Prozent anzuheben. Ein Gast bezweifelte angesichts der Haushaltslage vieler Gemeinden, dass die Idee funktioniere. Hartmann antwortete, dass nicht das Essen, sondern das Personal und die benötigte Energie in den Kantinen den Preis treiben würden.

Hartmann bemühte sich zwar um einen konstruktiven Austausch, die zahlreiche Kritik an seiner Partei wurde ihm dann aber doch irgendwann zu viel. „Ich habe hier das Gefühl, wir Grünen sind seit 50 Jahren an der Macht und für alle Entwicklungen verantwortlich. Wir können gerne mal darüber reden, welche Partei in den vergangenen Jahren die Landwirtschaftsminister gestellt hat.“ Auch schone seine Partei Privatleute nicht. So forderten die Grünen die Besteuerung von Kerosin und hätten erfolgreich Unterschriften gegen die dritte Startbahn am Münchner Flughafen gesammelt. Und dass neue Richtlinien bei den Verbrauchern zu einem Umdenken führen, habe die Kennzeichnung der Haltung von Hühnern gezeigt.

Woanders gängige Praxis

Er verwies zudem darauf, dass 70 Prozent dessen, was im Volksbegehren gefordert wurde, in anderen Bundesländern gängige Praxis sei. Dazu gehörten beispielsweise die Gewässerrandstreifen, die Lebensraum für die Tiere schaffen sollen. „Angesichts des Ausmaßes des Themas kann man sich Veränderungen nicht verweigern. Laut Landesamt für Umwelt sind 42 Prozent unserer Wildtiere bedroht“, so Hartmann. Wenn sich die Entwicklung fortsetze, würden die Landwirte auch aussterben, entgegnete ein Gast.

Ein anderer Teilnehmer forderte, Maßnahmen gegen den Einzelhandel zu ergreifen, der die Landwirte massiv unter Druck setze. Michael Sanktjohanser wünschte sich, von seinen Produkten leben zu können. Ohne Förderungen gehe es aktuell aber nicht. Versöhnliche Worte fand er am Ende. „Es sollten alle auf dem Teppich bleiben und zusammenrücken.“ Und er lobte Hartmann sogar noch: „Es ist mutig, sich in einen Saal voller Bauern zu stellen, das macht nicht jeder.“

Das sagt LT-Redakteur Christian Mühlhause zur Debatte: Volksbegehren: Stachel bei Landwirten sitzt tief

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren